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Schlangenbisses durch gehörig abgemessene Töne der, Mote vereitelt werde. Auch der griechische Philosoph Demokrit zeige in einem Buche, daß Uötenspiel bei vielen Krankheiten Heilung bringe. Gellius selbst läßt deutlich erkennen, daß er diesen Glauben für begriindet hält, denn er schließt mit den Worten: „So groß ist die Verwandtschaft zwischen Körper und Seele des Menschen, und deswegen auch die Verwandtschaft zwischen den Gebrechen und Heilmitteln der Seele und des Körpers."
In neuester Zeit haben verschiedene Forscher dreien therapeutischen Einfluß der Musik auf experimentellem Wege mit Hilfe der jetzt Jo vervollkommneten physiologischen Apparate 6etU®£ J^Trachaiwsf hat durch den Mosso'schen Kraftmesser nachgewiesen, daß eine heitere Musik die Hebkraft der Muskeln verniehrt, während eilte langsame, traurige Melodie (in Moll) den umgekehrten Einfluß ausübte. Ferner nahmen bei regelmäßig fortgesetzten Klingelsignalen die Kohlensüure-AuAfcheidung und Sailerstossaustiahme zienllich bedeutend zu, es trat eine Steigerung des gesamten Stoffwechsels ein. ,
Ein amerikanischer Arzt hat einen besonderen Induktionsapparat konftruieri, der in beliebig raschtönende Schwingungen versetzt werden kann. Er fand nun, daß beim Klingen des hohen C manche nervöse Kopfschmerzen alsbald zunr Schivlnden gebracht wurden. Also müssen die Schwingungen der Schallwellen deS. hohen C in der den Patient umgebenden Luft auf seine Nerven günstig einwirken. ™ ...
Mch auf das Gefäßshsteni macht sich der Einfluß der Musik geltend durch Beschleunigung der Herzschläge, Aenderungen m Blutdruck und Respiration. Im allgemeinen werden PulS und Atmung verlängert; diese Verlängerung nimmt aber Meder ab, wenn dasselbe Musikstück länger andauert oder häufiger wiederholt wird (der Nervenreiz wird unwirksam). Werden mehrere Töne einzeln zu Gehör gebracht, so kann man an Puls' und Atninng Verlängerungen oder Verkürzungen wahrnehmen, je nachdem ob sie angenehme oder unangenehme Empfindungen Hervorrufen: int ersten Falle tritt Verlängerung, im letzten Verkürzung ein. Daher werden im Laufe des Vortrages ganzer Kompositionen verschiedene Einwirkungen wahrgenommen. Ebenso schwanken dabei die Spannungsverhältnisse des Blutgefäßsystems hin und her. Auch bei Aenderungen ip der Stärke der Musik macht sich leb- haster Wechsel des Pulses' geltend, je nach der Stärke vom Pia- uissimo zum Fortissimo.
Da man wissenschaftlich alle Lust- und Unlustgeftihle der Nerveueiuwirkung auf das Blutgefäßsystem zuschreibt, (Erröten aus Scham, Erbleichen vor Angst), so würden auch hier die Pulsveränderungeu das erste sein, durch die dann unsere Stimmung, unser subjektives Befinden beeinflußt wird.
In der Praxis bat mau die günstige Wirkung der Musik ja schon bei Geisteskranken mehrsach erprobt und bewährt gefunden. Ob sie sich auch wirklich zur erfolgreichen Behandlung bestimmter nervöser Leiden eignet, müssen erst Weitere therapeutische Versuche zeigen; wahrscheinlich reagieren darauf nur die Nerven musikalisch veranlagter Personen in merkbarer Weise.
Das städtische „Häuferbitch."
Je älter unsere Städte werden, desto ärmer werden sie an erhaltenswerten Architekturen aus der Vergangenheit. Gewiß hat unsere Zeit andere Bedürfnisse als die früheren Jahrhunderte, aber damit ist nicht gesagt, daß die Vergangenheit in allem und jedem nicht wert sei, weiter zu bestehen. Unter unseren städtischen Architekten wächst ein Geschlecht heran, das immer mehr „internationale Kunstbegriffe" pflegt und leider nur selten Gelegenheit nimmt, auch auf der bodenständigen heimischen Kunst da zu fußen, wo praktische, iind apart künstlerische Rücksichten dies durchaus erwünscht erscheinen lassen. Wie unnennbar wäre der Verlust für die heimatliche Architektur, wenn — um nur em Beispiel herauszugreifen — der Stil beS hessischen Hauses verloren ginge Und umgekehrt: mit welcher J-reude wird cs von allen iudividnell schaffenden Architekten und kunstsinnigen Bürgern empfunden, daß einzelne der hessischen Architekten ansangen, den lieben alten Hausväterstil ihrer Städtchen nicht nur so wie er ist zu retten, sondern ihn neu zu beleben, ihren Individualismus hmemzu- bringen und die praktischen Ansprüche der modenien Zeit ihm einzupassen. Das find in Wahrheit neufchöpferische Knllurtaten bester Art. Wie fetten begegnen Wär aber solchen? Die es wohl am meisten angehen sollte: die städtischen Bauämter und Baukommissionen, sehen vielfach mit gelassener Ruhe zu, Wie das Alte niedergebrochen wird, um dem „modernen Komfort" Raum zu machen. Es gibt Städte mit klangreichen Namen, die kaum noch ein paar Dutzend alter individuell geprägter Außen- und Jnuenarchitefturen aufzuweisen haben. Mit einem fast unerklär- lich-en! Zerstörerfanatismus hat man alte Fassaden, Erkerchen, Giebelaufbauten, Treppenhäuser, Holzdecken, Wandtäfelungen, Kamine nsw. heruulergerissen und erschreckend nüchterne Mietkasernen und glänzend kahle Kaufläden „neu hergerichtet". Die so entstandenen künstlerischen Verluste beginnt man allmählich bitter zu empfinden, und der „Tag für Denkmalspflege" hat einen besonderen Ausschuß eingesetzt, der sich die Erhaltung bezw. die Aufnahme älterer bemerkenswerter Bürgerhäuser zur Aufgabe machen soll. W wird wohl poch recht lange dauern, ehe die
Tätigkeit dieses Ausschusses in! alle Städtlein dringt. Darum ist es geboten, den soeben entwickelten Gedanken zu werterer Verbreitung zu bringen, ehe noch mehr unrettbar verloren geht. In jeder Stadt — es gibt hier keine Ausnahmen, weil überall etwas Erhaltenswertes vorhanden ist — sollte die Anlegung eines besonderen, mehr oder Weniger umfangreichen städtischen „Häu- serbliches" ins Werk gesetzt werden, wie es u. a. tnJW stanz i. .B. der Vollendung entgegengeht. Die dortige Stadtverwaltung beschloß schon vor Ja^en aus Anlaß der Huudert- aeier ihrer Zugehörigkeit zu Baden die Herausgabe eines erbliches, d. h. eines Buches, das in Wart und Bild cme genaue Darstellung der charakteristischesten Außen- und Juuen- Architekturen von Konstanz gibt, also alles'desseni, was m ben Konstanzer Bürgerhäusern historischen, kunsthistorischen und oai>- technischen Wert für die Zukunft hat, möglichst Mit den zugehörigen maßstäblichen und querschnittlicheu Details, C» foll nämlich nicht nur ein Buch von der Vergangenheit werden, sondern gleichzeitig auch ein Handbuch für daS praktische Studium des modernen Architekten. Konstanz hat für diesen Zw^ck die respektable Summe von 10 000 Marc bereitgestellt, ein Beweis dafür, wie hoch man die Sache dort bewertet. Nicht überall wwt> man über solch einen Jubiläumsbetrag verfugen, auch incht überall solche Vorarbeiten besitzen, Wie in Konstanz, wo schon vor vierzig Jahren der kunstverständige Burger I. Marmor an 900 Häuser in einem besonderen Buche inventarisierc hat Aber gerade darum ist es anderwärts an der Leit, m gleicher W l vorzugehen, ehe es zu spät ist. Stadtbaurat swaumani^wank- furt a. M., der Berichterstatter des bez. Ausschusses, Wito zu jeder Auskunft bereit sein. — J‘-
Praktische Kuufterziehrmg im englischen Volke.
Wir haben im allgemeil-en nicht Ursache, die deutsche Arbeit ankünst- lcrischer Kultur geringer einznschätzen, als die Englands. Ek»ir das Gegen- teil. Aber der unentwegt auf das Praktische gerichtete Sinn des Eng länders hat da doch innerhalb dieser an Umfange nach geringeren Arbeit mancherlei Zweckmäßiges zustande gebracht, von dem wir Deuche lernen können. Und dies Lernen war ja immer unsere starke Sme. Horen wir heute Bon Manchester Alt Mussum, das wirklich einmal em „Museum fUr ^8wn"der^Häßlichkeit der englischen Industriestädte (London cinbegris- sen), kann sich nur der einen Begriff machen, der sie gesehen ha.. sie sind so ungemütlich ausgedehlit, daß der Zusammelihang in ihrem sozia Leben fast unmöglich wird. Die Vermögeliden luoqnen weit draußen m Villeukolomen und nchmen die Stadtzentr-ll nut Warenhäusern, Kontoien und den sür das Leben des Gemeinwesens unentbehrlichen oiftutlichen Bauten in Beschlag. Die Mittelklasse bewohnt die besser siimerten Vor- städte an der Peripherie der Stadt, und die ArbeMr, die nut Aüchlcht auf ihren Erwerb nahe der Stadtmitte wohnen müssen, sehen sich M Wohnviertel zusammengcdrängt, die — meistens von der klimatisch un- günstigsteu Sektion des Stadtkreises ausgehend — sich ohne Übergang mit jenen Vorstädten verschmelzen, in denen die Fabriken ihre Schornsteine erheben und alle Vegetation weit hinaus verbannen. In «ner solchen Vorstadt, einer Mischung von Wohn- und Fabrikviertel, ist das Manchester Art Museum entstanden. Daß es nicht allen,: «mi Stal - der Kunst, sondern der Mittelpunkt des gelsilgen Lebens der Nachoarschast geworden ist, dafür sind Methoden nötig gewesen, die von viel Einsicht und Tatkraft der Mnsenmsleiter zeugen. Das Museum ist m eniem alten, herrschaftlichen Wohnhause untergebracht, das, an den früheren Charakter der Gegend gemahnend, an sich von historischem Interesse ist, oyne i-doch durch eine prunkvolle Auffahrt und anspruchsvolles Äußeres bedruckend auf den Befncher einznwirken. Die Ausstellnngszimmer sind klein und schlicht getüncht. Vergebens würde man hier nach Marmor und go.dgerahmtm, mächtigen O-lgemälden suchen. Alles ist einfach und b-sche,d°n . Jeder Gegenstand ist mit einem Zettel versehen, der über Meles Auskunft gibt, zu dem feine Betrachtung anregt. Neben persischen Keramiken steht man ganz gewöhnliche Schweizer Tonkrüge hier ausgestellt, um zu zcrgeu, daß Billigkeit und rohe Ausführung gefällige Farbe und Ornamentik nicht ansschließt. Die Bildnisse berühmter Männer sind tn kleinen Llthogra phien zusammengestellt. In einem Zimmer, das dem Tlerlebcn gewidmet ist sieht man statt der üblichen Jagd- und Schlachtstücke einfarbige Litho ar'avhien, die Lebensweise der Tiere illustrieren und — entschieden cm interessanter Verslich - Nachbildungen Dürerscher Zeichnungen unb japa- iiische Holzschnitte. An den Fenstern sind 8>°süberdeckte Blumenkasten angebracht die das ganze Jahr hindurch jede Woche frisch gestillt em glänzendes Anschannngsbild tion der Vegetation der Jahreszeiten geben. Alle Bilder, welche das Pflanze^leben, seltene NaMr-rscheinungen, GJckstch^, klassische und gotische Kunst b handeln, sowie Darstellungen der «ee, der Hausgeräte verschiedener Völ ker unb Zeiten, der religiösen Kunst und anderes sind in Gruppen zusammengestellt. Einige Prozesse der bildenden Kunst wie Lithographie, Holzschnitt, Holzschnitzerei, sind m ihrem ganzen Verlause mit den dazu gehörigen Werkzeugen veranschaulicht; die Veglett- - zettel geben Über alles Ausschluß. Ein Zimmer ist für dieAnder bestimmt. Hier ist einiges von dem Schönsten zu finden, was englische Künstler an Bilderbüchern und Blättern für die Kinder geschaffen. Auch ^.ndwlg Richter ist hier vertreten, wie überhaupt nationale Grenzen tn der ganzen Ausstellung nicht gezogen sind. Ein anderer mtereffanter Versuch ist dli Zusammenstellung der Wiedergaben einer Landschaft durch verschiedene &S(er aber in Oetfd)kbtncn 3ed,niten. Doch ich will nicht mit wetteren Aufzählungen ermüden, sondern lieber kurz zusammeufassen, was dieses Museum mit den genannten AuSstellungsmethoden erreicht. Einmal die


