Ausgabe 
28.2.1906
 
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recht, Laura: lassen wir die Kinder. Warum sollen sie sich Nicht amüsieren!? . . ."

Nun war alles so weit. Der Diener stand am Schlage des Landauers. Frau Laura stieg zuerst ein: in der Man- tille mit dem Jettbesatz, stark rauschend und sich behaglich blähend auf den grauseidenen Polstern. Dann kam die Liesegang im Schwarzseidenen und in dem karrierten Um­hang, den Nina geschickt drapiert hatte, um Lückenhaftes zu verdecken. Imhoff niusterte die Me mißtrauisch. Ter Hut schwankte ihrem Kopfe, und die Handschuhe hatten leere, eigentiinuich zusammengewirbelte Fingerspitzen; das Schwarzseidene knisterte verdächtig. Die Liesegang war keine adlige Begleitung; aber man konnte annehmen, sie sei eine verarmte Tante, vielleicht eine Stiftsdame aus ganz gutem Kaufe: die haben zuweilen etwas Verwunderliches.

Imhoff nahm auf dem Rücksitz Platz, schaute auf sich herab und freute sich, dag er gut aussah. Seit einiger Zeit ließ er sich den Schnurrbart stehen; der paßte aber nicht recht in sein Gesicht. Er trug ihn nun schräg gestutzt Inte der Große Kurfürst; das gab der Physiognomie Eigen­art.Sitzen die Kinder schon?" fragte er seine Frau.

Ja, die saßen. Nina mußte sich sesthalten; sie fand das Wägelchen sehr wacklig. Wer dennoch war sie selig. Ihr Gesicht glänzte, und im Uebermaß ihrer Freude berührte ihr Arm warm und kosend den Priestaps. Sie war dem jungen Manne so dankbar. Sie wollte auch recht nett zu ihm fein.

Nun ging es flott durch den Tiergarten. Nina reckte sich stolz. Sie fand das ungeheuer chic, diese Fahrt im Dogcart (sie sprach immer nur die erste Silbe aus und ließ die zweite leicht fallen, weil sie sich über den Ausdruck nicht so recht sicher war). Pricstap kutschierte, die weiße Leine straff in der Hand, und hinten saß Pfiff, der Groom, mit übereinandergeschlagenen Armen, wie es sich gehörte, und regungslosen Zügen. Ter Rappe in der Scherendeichsel warf die schlanken Beine und kokettierte nut dem hübschen Kopf, ließ die Kandare im Gebig klirren und streute Schaum­flocken umher. Hinterher kam der Landauer. Frau Laura, gio acht, daß dir der Hochmut nicht allzusehr in den Kopf steigt! Getviß ist die Mantille mit dem Jettbehang noch tadellos und paßt zu der Eleganz des Wagens; aber du legst doch den Kopf ein wenig zu stolz in den Nacken, Frau Laura, und zu sehr spiegelt sich in deinen Zügen der Triumph über den Sieg der Vornehmheit wieder. Schau' Claudius an, der spielt den Eleganten, als sei ihm das ziveite Natur. Ms fahre er täglich mit grüngoldenen La- kaien spazieren, so lehnt er in den Polstern, etwas blasiert, im Mund die erloschene Zigarette, mit blinzelndem Auge, gleichwie gelangweilt, die Menge musternd ein sehr fen: mn: man könnte glauben, ein kaiserlicher Staats­

rat v.,.1 der russischen Botschaft. Etwas Russisches hat auch Frau Liesegang an sich. Fremdartig nimmt sie sich aus, mit dem karrierten Schultertuch und mit Ninas vorjährigem Federhut, der bald auf die rechte Kopshälfte rutscht, sich bald zum linken Ohre hinabneigt: sie könnte einem uralten Staropengeschlechte angehören und vielleicht eine Fürstin Kropotkin fein, die nach einem langen Lebeil in asiatischem Luxus Nichts mehr auf das Aeußere gibt . . .

Hollah... da biegt eine Droschke um die Ecke, und dav scharfe Auge Tante Lauras entdeckt Bekannte.Clciu- ^us Giesecke!ii,nb Held!" ruft sie,in einer Droschke zweiter Klasse!" . . . Claudius lächelt verächtlich, mit einem lafsigepi Zug vornehmer Weltmüdigkeit um den Mund, und gewaltiger bläht Laura sich auf. Nun gleicht sie tvirklich einem großen Puthahn, und die roten Anemonen auf ihrem Hur scheinen sich zu strecken wie des Tieres schwellender Kamm. Nur die Fürstin Krapotkin bleibt gleichgiltig wie zuvor, als habe sie, die alles genossen, keinen Sinn mehr ftir das Leben von heute . . . Vorn grüßt Ninck freundlich, wenn auch mit unverkennbarem Siegesjubel im Antlitz, UnP P^st'stcist senkt die Peitsche. Starres Erstaunen liegt auf Gieseckes feistem Gesicht, und aus deii Flammenaugen

?or.a lodert heller Neid. Tante Laura neigt mit Wurde den Kopf, und Imhoff schlenkert mit dem abgezoge­nen Handschuh eine kurzen Gruß nach der Droschke hin-

% '"®te ssticht!" jubelt Laura.Er auch", sagte Claudius gleichmütig. 7,0

<3ct, es war eine Triumph fahrt für die Imhoffs, denn auch der Zufall wollte ihnen wohl. Es war ein herrlicher Sommertag unb halb Berlin auf ben Beinen. Aus dem Kur für, len dämm fuhr Herr von Keepen vorüber. Da trafen

sie auch auf den und jenen Kollegen; Arigo Rafaäli wan­delte träumerisch durch die Menge; inmitten des Menschen­gewühls vor dem Eingang zu einer Ausstellung stand der Zeilen-Kuappe und hielt Ausschau nach interessanten Ge­schehnissen. Und die beiden Wagen brausten weiter, dem! Grünewald zu, zwischen Gärten und Billen hindurch, biA der Föhrenwald sie umfing.

Ta plötzlich schrie Tante Laura auf:Ach Mlmacht, jetzt ist es zu spät!" . . .Was ist los?" fragte Imhoff, Claudius, die Liesegang hätte mich wohl daran er­innern können, aber sie denkt an gar nichts. Wir haben Unfern Futterkorb stehen lassen."

Tie Liesegang kreischte leise auf und stieß mit ihrem prähistorischen Sonnenschirm den Kutscher in den Rückenr er möge umkehren, man habe das wichtigste vergessen. Nichts da weiterfahren!" befahl Imhoff.Es ist besser so. Dieser Futterkorb war für eine andere Umrahmung des Gegenständlichen gedacht. Hart gekochte Eier und ein Landauer mit Seidenpolstern, das verträgt sich nicht. Liese­gang, laßt Euer leises Wimmern. Ist es denn nicht zu er­zielen, daß Ihr die Handschuhe völlig anzieht, wie schickbare! Menschen tun? Die Fingerspitzen baumeln so zwecklos! herum; Laura, ich bitte Dich, nimm Dich, ihrer ein wenig 011. Kinder, da drüben, das ist das Jagdschloß Grünewald-. Wenn man so denkt unb beachtet das Heute: warum soll es,nicht möglich sein, Laura, daß wir auch noch einmal unsere alten Tage in einem Schlosse beenden? Ein ChLteau d'Espague aber ich träume gern. Baronin Nina als Schlossherrin nun, warum nicht?! ... Ob die Kinder da vorn auch keine Dummheiten machen?!" . . .

Er stieß Laura mit dem Knie an, und sie lächelte, und beide dachten das gleiche.

Im Dogcart plauderten dieKinder" fröhlich mitein­ander und waren glückliche Leute.

O ja, Fräulein Nina", sagte Pricstap,es ist wunder­schön da unten im Süden. Ja, ich bin viel herumge­kommen, ich kenne alles. Die Provence mit ihren alten! Städten ist das wahre Zauberland; da umspinnen einen, tausend Träume. Und dann Marseille mit feinem bunten Leben und Biarritz mit seinem köstlichen Wellenschlag und! den gelben Felsen am Meer. Aber man darf nirgends allein fein. Ich war allein und wurde noch dazu krank. Krank in der Fremde ist eutfetzlich. Ich habe ja auch hiev keine liebende Hand zur Pflege; aber in der Fremde fühlt man die Einsamkeit doppelt, ^ft es nicht merkwürdig, Fräu­lein Nina, daß ich mir niemals einen wahrhaftigen Freund erwerben konnte?"

Wie kommt das? Tas ist doch seltsam", sagte Nina, und ihre Gedanken weilten bei einem neuen Herbsthute, den sie ganz deutlich vor sich sah.

Ja, wie kommt das? Ich weiß es nicht. Ich bin weich und anschlußfähig. Ich habe eigentlich immer ein großes Zärtlichkeitsbedürfnis gehabt"

Ach", sagte Nina und lächelte süß.

Ich habe auch immer Sehnsucht nach Freundschaft; aber nie nie habe ich einen wirklichen Freund besessen. Sogenannte in Massen. Einmal bot Hammer, der Bou-- meister, mir seine Freundschaft an: in so ehrlicher Art,- daß mir das Herz überquoll. Wer wir kamen nicht so recht zusammen. Gott weiß, warum nicht; es lag wohl an keinem. Hammer hat ewig mit feinem Bau zu tun: da stört' ich nicht gern. Ich habe mich immer unsäglich einfam gefühlt. . ."

(Fortsetzung folgt.)

Wirkung der Musik aus das körperliche Befinden

Bon Dr. Otto Gotthilf.

(Nachdruck verboten.)

Von nevvösen Personen wird häufig bemerkt, daß sie bei musikalischen Ausführungen eine bedeutende Erleichterung ihres Leidens verspüren. So sollen, um einige bekannte Persönlich­keiten als Beispiele anzuführen, der alte Minister Gladstone, ferner Englands erster Philosoph Herbert Spencer und auch die letzte Kaiserin von Oesterreich in der Musik stets ein Mittel zur Lindttung ihrer neuralgischen Schmerzen gesunden haben.

Schon die Alten kannten den merkwürdigen Einfluß der Musik auf das Nervensystem und das körperliche Befinden. Gellius erzählt in seinenGallischen Nächten" (IV, 13), feit alter Zeit herrsche allgemein der Glaube, daß alle, Menschen, die an Ischias (Hüftweh) litten', ihre Schmerzen gelindert fühlten, wenn sie sauste Flütentöne hören. Er selbst habe in einer Schrift des griechi­schen Schriftstellers Theophrast gelesen, daß die Wirkung des