BBS
K
Jew Wahren, Edlen, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Er drückte kräftig die Rechte Priestaps, der fast ein wenig verlegen war. Der stürmische Jubel, mit dem Nina ihn begrüßt hatte, klang noch in seinem Herzen nach. Mein Gott, war das denn möglich I Sie freute sich, da sie ihn wiedersah — und freute sich sichtlich aufrichtig, mit glücklichem Lachen rind einem frohen Ausdruck im Auge: sie trog nicht. Nein, das war kein Komüdienspiel. Noch jetzt lag eine warme Räte auf ihren Wangen, und da Priestap zu ihr hinüberschaute, wandte sie den Blick ab.
Da stieg auch in ihm eine wohlige Freude auf. Ersah: sie war das brave Mädchen geblieben. Die Jacke war nichts Köstliches und der Hut trug keine Pariser Marke; weder BrillantboutonS noch glitzernde Ringe; die Handschuhe schlecht gewaschen, das Kleid ein billiges Fähnchen. Priestap war seelenssroh; es ging wie junger Frühling durch fein Herz.
Er erwiderte warm den Händedruck Imhoffs. Frau Laura nötigte nach vorn; sie hatte zu ihrem Entsetzen bemerkt, daß auch noch der volle Mülleimer in einer Ecke stand. Auf die Reinlichkeit der Liesegang war niemals Verlaß.
„Also nun endlich die DroschkeI" rief Imhoff. „Herr von Priestap, es liegt in unserem Plane, auf einem Viersitzer den Grünewald zu erstreben. Also eine echte Berliner Landpartie. In Hubertusstock oder in Onkel Toms Hütte oder ivo es uns paßt, halten wir und schlagen unsere Zelte auf. Meine Frau hat bereits einen sogenannten Jreßkober zusammengepackt; es gibt in der Hauptsache hart gesottene Eier. Wir tragen uns mit der Hoffnung, daß Sie die Einladung, uns zu begleiten, nicht ablehnen werden."
„Ach nein, Herr von Priestap I" sagte Nina und schlug die Hände zusammen. „Sie müssen mitkommen — bitte, bitte, bitte!"
Harrr; verneigte sich. „Aber gewiß und gern," antwortete er. „Nur ... ich wollte es eigentlich umgekehrt machen; ich ivollte Sie gehorsamst bitten, mich zu begleiten. Ich habe meine Wagen unten."
Nina stand schon am Fenster. „O Gott," rief sie, „eine offene Equipage mit Kutscher und Diener in grün und gold! Die Equipage grau ausgepolstert, es ist eine Pracht! Und das da vorn, Herr von Priestap, was ist das für ein Wagen? Er hat nur zwei Räder und sieht schunklig aus, und hinten fitzt ein kleiner Junge mit wenigstens zweihundert runden Knöpfchen an seiner Samtjacke l O Gott! ..."
Imhoff und seine Frau standen nun gleichfalls am Fenster Md luaten hinab.
„Es ist ein Gig," sagte Imhoff, „und hinten drßf sitzt der Groom."
„Es ist ein gewöhnlicher Dogcart," bemerkte Priestap. „Wenn Sie nichts dawider haben, würde ich mir erlauben, Fräulein Nina zu fahren, und ich dachte, Sie, Herr Imhoff und Frau Gemahlin und Madame Liesegang würden in dem Landauer Platz nehmen —'
„Die Liesegang auch?" fragte Frau Laura, ganz geblendet von der Schönheit des Landauers. „Herr von Priestap, Sie sind von großer Liebenswürdigkeit, aber ich weiß nicht — die Liesegang — Claudius, sollen wir die Liesegang mitnehmen? Sie ist nicht gerade gesellschaftsfähig, Herr von Priestap."
„Rufe die Liesegang", entschied Imhoff. „Es spricht hier nicht das Gesellschaftliche mit, sondern das Herz des, Barons . . ." Das schöne Wort ivar noch nicht gefallen, da hatte Nina bereits die Küche gestürmt und schrie: „Liesegang, mach' Dich fertig, Fafner, ’S>u sollst rnitkommen! Zieh' Dein Seidenes an und stecke den Riß mit Nadeln zu, darüber das große Tuch, das karrierte; kannst meinen Winterhut aufsetzen, der steht Dir — r. her, ich will Dir helfen. . . Liesegang, Tu fährst in einem Landauer in den Grünewald, und ich in einer Dogkarre, hinten mit einem Broom. Wer uns begegnet, hält uns für etwas Gräfliches; ich wollte, Tora Held sähe uns oder dis Stiegler, die platzen vor Neid. Lresegang, ich bitte Dich, beeile Dich! Wasch' Dir nicht erst die Hände, ziehe, die ' Handschuh' drüber und behalte sre an. Ich hol' meinen Hut; Du mußt ihn nur seststecken — wenn der Wind in die Federn fährt, plustert die eine Seite sich manchmal auf
Die Liesegang ivar so konsterniert, daß sie gar nicht sprach. Aber als sie die Ehrung begriffen hatte, die man ihr erweisen wollte, scheuchte sie wie ein großes schwarzes Huhn von dannen, das Serdene überzuwersen und sich fein zu machen. In den Grünewald — und in einem Landauer! Es dämmerte ein Stück Jugend in der Men auf, das lag weit zurück. Sie war so verwirrt, daß sie alles verkehrt machte. Sie fuhr mit dem rechten Fuß in den linken Schuh, und die zitternden Hände wollten die Kleiderhaken nicht finden. Aber da kam Nina und half ihr und putzte sie schön heraus . . .
Es gab für Imhoff nur Eines noch zu bedenken. Priestap! und Nina vornweg in dem Dogcart, das konnte ausfällig werden. Doch Frau Laura tröstete ihn. „Laß' doch die Kinder!" sagte sie.
Da reckte sich Imhoff. Das Wort „die Kinder" tat ihm Sr wohl- Es zauberte ihm eine glänzende Zukunft vor.
gen. „Mein Schwiegersohn, der Baron von Priestap^ sprach er in Gedanken zu sich, ohne daß die Lippen sich bewegten. Wer laut sagte er und kopfnickend: „Du hag


