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Der Rest von Stirners Leben verrann in Dunkelheit und Not. Er starb nm 25. Juni 1856 an einem giftigen Fliegenstich. Er hatte nichts Abgeschlossenes mehr geschaffen. Sein Nachlaß kam an einen Freund, der bald starb, und von da an einen von dessen Gläubigern, der gleich Beschlag aus seine Habe gelegt hatte. So ist alles verstreut worden und spurlos verschwunden. Nicht einmal ein authentisches Bild existiert von Stirner.
Arn Hause Philippstraße 19 in Berlin ist eine Gedenktafel mit Stirners Namen angebracht; fern Grab auf dem Sophienkirchhoie ist mit einer Granitplatte, die seinen Nanien trägt, bedeckt. Ain 25. Oktober hat man auch an feinem Geburtshause zu Bayreuth eine Tafel angebracht. Der eigenartige und energische Denker verdient es, der Vergessenheit, die immer noch trotz aller Bemühungen auf ihm lastet, entrissen zu werden.
Prügelstrafe und Simnlatio« bei Kinder«.
Daß ein Lehrer durch eine merkwürdige Verkettung ungünstiger Umstände auch eiumal in eine recht ernste Lage geraten kann, in der tioit der ärztlichen Diagnose Ehre und Freiheit für ihn abhängen, lehrt ein von Dr. Muck in der „Aerztlichen Sachverständigenzeitung" veröffentlichter Fall, der in mehr als einer Beziehung zu denken gibt. Eine zwölfjährige, kräftig entwickelte Schülerin erhielt wegen eines Vergehens gegen die Schuldisziplin mit einem fingerdicken Rohrstock einen Schlag auf den Rücken und außerdem mit der flachen Hand zwei Schläge auf den Kopf und die linke Wange. Wegen Uebelbefindens nach Hause geschickt, verfiel das Kind angeblich in fallsuchtartige Krämpfe, die der Arzt als Symptome einer Gehirnerschütterung (!) auffaßte. Im Lause der nächsten Wochen trat noch eine Reihe anderer nervöser Erscheinungen auf. Am schlimmsten aber erwiesen sich die Folgen der Züchtigung für das linke Ohr: es entstand völlig linksseitige Taubheit, die allen Heilbemühungen spottete. Als bie' Eltern der Schülerin nach einiger Zeit die Anzeige erstatteten, bescheinigte der Arzt u. a. fallsuchtartige Krämpfe, Schwäche des ganzen Körpers, Kopfschmerzen, Gedächtnisschwäche, Melancholie, Weinkrämpfe und last not least dauernden Verlust des Hörvermögens auf dem linken Ohr. Im Hinblick mtf die schwere Strafe, die unter diesen Umständen den Lehrer treffen mußte, ordnete das Gericht eine neue Untersuchung des verletzten Kindes durch den zuständigen Kreisarzt an. Dieser sand das Kind, das mit großer Geschwätzigkeit den unter Anklage gestellten Vorfall schilderte, auffallend dreist und in guter geistiger Verfassung, von Depression jedenfalls keine Spur. Eine Ursache für die auch hier hier festgestellte linksseitige Taubheit konnte er nicht ermitteln, doch kam ihm die Sache verdächtig vor. Einem weiter hinzugezogenen Ohrenspezialisten gelang es daun endlich, mittels einer sinnreichen Methode den bestimmten Nachweis zu führen, daß das Mädchen mit dem angeblich verletzten Ohr tadellos hörte, und daß es die Taubheit mit großem Geschick und seltener Ausdauer simuliert hatte. Es versteht sich von selbst, daß der Arzt mit seiner verblüffenden Diagnose Simulation anfangs bei den Eltern wenig Glück hatte; war doch das Kind nach ihrer und selbst des Lehrers Aussage stets offen und aufrichtig gewesen und hatte nie zur Lüge geneigt. Man kann den Leuten ihre Zweifel in die Richtigkeit der ärztlichen Feststellungen nicht verdenken. Nur wer sich mit der Pathologie der menschlichen Seele berufsmäßig beschäftigt und dabei auf den rätselhaften Zusammenhang zwischen körperlichen und geistigen Krankheitszuständeu zu achten gelernt hat, wird solche Fälle verständlich finden und ihnen gewöhnlich eine Reihe ähnlicher Vorkommnisse aus eigener Erfahrung an die Seite stellen können. Vor allem ist es die Hysterie, die sich in so mannigfachen Formen abspielende Neurose, in deren Gefolge wir gar nicht so selten höchst merkwürdige Simulationen und Dessimulationen beobachten. Es handelt sich dabei um krankhafte Veränderung der Vorstellungswelt, die durch die leicht erregbare Einbildungskraft des Kindes und seine Neigung zum Phantastischen noch gefördert werden. Solche kleine Patienten suchen sich interessant zu machen; es schmeichelt ihnen, der Gegenstand allgemeinen Aufsehens zu jein und sich von anderen wegen ihrer Leiden bedauert zu sehen. So verschwimmt ihnen langsam bte Grenze zwischen wirklichen und suggerierten Krank- hettserscheinungen, zwischen Erlebnissen und Erzeugnissen ihrer Phantasie, und die „hysterische" Lähmung, Blindheit
Taubheit ist fertig. Welche verhängnisvolle Rolle die Hysterie auch in andern gerichtlichen Fällen spielt manchmal zu falschen Denunziationen, zu unerhörten Selbstbezich- tigungen, überhaupt zu unglaublichen Lügengeweben führt und den Scharfsinn der Aerzte und Richter ans eine harte Probe stellt, ist allgemein bekannt.
Der Goldne Esel des Apulejus von Madaura. Sa- ttrisch-mhstischer Roman. Aus dem Lateinischen übersetzt von August Rode. Fünfte Auflage mit Einleitung von M. G. Conrad. Mit 16 Illustrationen. 238 Seiten. Preis: drosch. 4.50 Mk. (Verlag von H. Barsdorf in Berlin W. 30.) — Der berühmte antike Sittenroman liegt hier in einer treuen Ausgabe vor, welche die Uebersetzung von August Rode mit einem satirischen, moderne Verhältnisse vom Standpunkte des Apulejus beleuchtenden Vorwort aus. der Feder von M. G. Conrad darbietet. Kein Gebildeter wird ohne hohen geistigen Genuß dieses sittengeschichtliche Kunstwerk lesen, das nicht nur wegen der allbekannten reizenden Episode von Amor und Psyche den Leser fesselt. Die merkwürdigen Situationen und kulturhistorisch wertvollen Schilderungen antiken, Lebens, die mit dem glänzenden Schauspiel der ägypt. Mysterien schließen, machen die Lektüre höchst spannend. Die alte schon von Lucian verwendete Fabel von der Verwandlung eines Menschen in einen Esel, welch: Apulejus zu dem Märchen vom „goldnen Esel" verarbeitet hat, gibt dem Autor die Veraulassung, in der üppigen Darstellung einzelner Szenen und mit eigenartiger, derb satirischer Phantastik ein getreues Bild der sittlichen Korruption in der römischen Kaiserzeit vorzuführen. Die Ausstattung des Buches auf „federleichtent" Papier ist gediegen.
Kettenträger. Roman von L. Frei. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock in Berlin W. 50. Preis geh. 4 Mark. •— Ein Kettenträger ist der Held dieses Romans. Beladen mit den Ketten der Familie, des Berufs, der Tradition! Beladen mit all den Ketten, die einen Sohn aus reichem guten Hause, ein Kind seiner Zeit, einen vergrübelten, sensitiven, vornehmen Menschen, schwer drücken. Die Ketten, die Privatdozent Dr. Friedrich Renkendorf zu sprenge», den Schicksalsgang, den er zu gehen hat, um zu seinem Wege zu kommen, versteht L. Frei in originaler Art zu schildern. Einen Ausschnitt aus dem Bilde des großstädtischen Lebens von heut bietet diese Schöpfung. Dem Buch fehlt neben der Satire auch Humor nicht.
Eingegangene Bücher.
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„Die Kunst". Monatshefte für freie und angewandte Kunst. Preis des Jahrgangs 24 Mk. Einzelpreis des Heftes 3 Mk. 7. Jahrgang. Heft 12. September 1906. München. Ber- lagsaustalt F. Bruckmann A.-G.
„Die Land- und Berg-Gerechtsame der Deutschen Kolonial-Gesellschaft für Südwestafrika". Zwei Gutachten erstattet von Joseph Kohler und Hermann Veit Simon, sowie Urkunden-Material. Berlin 1906. Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohfen).
Ernst, Paul, „Der Weg zur Form". Aesthetische Abhandlungen vornehmlich zur Tragödie und Novelle. Berlin 1906. Verlag von Julius Bard.
Diamanträtsel.
(Nachdruck verboten.
Auflösung in
In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aabdddeeeggikmn nrrrrrrtun derart ein» zutragen, daß die wagerechten Reihen Folgenees bedeuten:
1. Einen Buchstaben.
2, Stadt im nördlichen Rußland.
3. Schottische Insel.
4. Weiblichen Vornamen.
5. Frucht eines bekannten Obstbaumes.
6. Musikalische Bezeichnung.
7. Einen Buchstaben.
Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche, nächster Nummer.
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Herder — Esch« — Leichsarchiv — Salomo — Ci)pem — Magen — Elija — Eiittieh;
Herschel, Hannover,
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.


