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Marian fühlte sich wirklich krank; der Rückschlag war zu stark für sie. Sie hatte eine selche Angst gehabt, und die Befreiung von dein Alpdruck war so grob, so überaus mächtig, so plötzlich, daß sie es noch nicht recht fassen konnte. Sie trank den Wein, und die Haushälterin freute sich, etivas ivie Farbe in ihre Wangen iviedcrkehren zu seheii.
Dann spazierte Mariaiii langsinn ziir Königs-Ceder. Der Schreck war fürchterlich geiveseu, und die Furcht hatte ihr nahezil alle Selbstbeherrschung geraubt.
„Dies sind nur Schatten," murmelte sie vor sich hin, „blasse Schatten. Himmel, was sollte ich tim, wenn je einmal die Wirklichkeit käme?"
Die frische, klare Luft wirkte wohltätig auf ihre erregten Nerven ein. Schließlich war alles dies jetzt nur »och müßige Befürchtung. Sie näherte sich der Königs-Eeder und konnte das fröhliche Gelächter und Geplauder der jugendlichen Stimmen schon von fern hören.
Elsie sah sie zuerst-und verließ die Seite ihres jugendlichen Liebhabers, um sie zn begrüßen. Werner, der eine große Vorliebe für die einfache, anspruchslose und freundliche Dame hatte, sprang ihr gleichfalls entgegen, doch nicht so schnell, daß nicht Marian West bemerkt hätte, daß er und Lady Wayne neben einander gesessen hatten und wie aus- zezeichnet beide einander zn verstehen schienen.
Sie bestrebte sich nach Kräften, sich zu erholen, lustig und fröhlich zn sein wie die übrige Gesellschaft, bemerkte indes mit Unbehagen, daß alle Augenblicke Lady Wayne's klugen mit forschender Nengicr auf ihr ruhten.
Noch eine Prüfung stand ihr bevor, die nämlich, alles put anzuhören, was man sagen würde, wenn Werner seinen Berlust entdecken sollte. Sie wünschte sehnsüchtig, daß es nur erst vorüber wäre. Dann, dachte sie, wird Ruhe sein; und sie wurde allgemach der Aufregung müde.
Es kam, wie sie erwartet hatte, beim Diner. Werner betrat den Speisesaal mit merkwürdig verstörter Miene. Sie wußte sofort, daß er seinen Verlust entdeckt hatte, und ihr Herz begann zu klopfen. Aber nicht genug damit.
„Mr. Jefferies," sagte Elsie nach dem ersten Gang, „Sie sind doch der treuloseste der Männer. Sie haben versprochen, mit Ihren Talisman zu zeigen, und Sie haben es total vergessen."
„Nein," erwiderte er langsam und ernst. „Ich habe es picht vergessen, Miß Wayne. Aber ich kann leider die Börse flicht wiederfinden; — sie ist fort."
Lord Wayne's Aufmerksamkeit wurde durch das letzte Wort erregt.
„Fort, Mr. Jefferies?" wiederholte er. „Ich will nicht hoffen, daß Sie etwas verloren haben?"
„Nichts von Belang; es ist nur mein Talisman, die kleine Börse, an die all mein Glück sich kettete."
Lady Wayne sah auf, gütige Teilnehme in jedem Zuge ihres schönen Gesichtes.
„Was höre ich, Mrs. Jefferies? Haben Sie wirklich Ihre kleine Börse verloren?"
„Leider, ja, Lady Wayne; sie ist ebenso geheimnisvoll verschwunden, wie sie gekommen ist."
Wie schade; das tut mir leib, wie kam es denn mit?" ichwirrte ein Chor bedanernder Stimmen, alle aber übertönt i>on Lord Wayne's klarer, etwas scharf betonter Frage:
„Haben Sie sie hier verloren — auf Kenninghall — Nir. Jefferies?"
Werner sah ganz verlegen aus angesichts des Sturmes, »en er so arglos heraufbeschworen.
„Wenn das der Fall," fuhr Lord Wayne fort, „so muß iie sich finden lassen. Ich kann nicht zngeben, daß hier etwas ivegkommt."
„Ich kann mich auch irren," sagte der junge Mann chnell. „Wirklich, ich muß mich irren; die Börse wat ganz «er, Lord Wayne, nur ein schmaler Papierstreif wat darum jewickelt. Ich hätte sie gar nicht verlieren können. Ich muß ie auf Downham gelassen haben."
„Aber," beharrte Lord Wayne, „Sie entsannen sich, sie nitgebracht zu haben?"
„Nut dunkel. Ich glaubte, ich hätte sie in meinem Neisesack gesteckt, aber ich muß mich geirrt haben."
Werner versuchte die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand zu bringen; et wollte seinen Verlust nicht zu einer Haupt- und Staatsaktion machen, aber Lord Wayne vergaß den Vorfall nicht.
Nach Tisch zog er Werner bei Seite. „In einem großen Haushalt," sagte er, „kann man nicht vorsichtig genug sein. Sie sagen, Ihre Börse sei leer gewesen, das schließt nicht aus, daß jemand sie genommen haben mag, der glaubte, es sei etwas darin. Ich. wollte, Sie könnten sich bestimmt erinnern, ob Sie sie mit hergebracht ober nicht. Es wäre mit seht verdrießlich, wenn Sie irgend etwas, das Ihnen wert, hier unter meinem Dach verlören."
Lord Wayne wollte sich überhaupt nicht eher zufrieden geben, bis er seiner Gemahlin gesagt, daß er gern einige Nachforschungen angestellt sähe. Es geschah; aber das einzige greifbare Ergebnis war, daß „Annie" die Sorge für Mr. Jefferies Zimmer oblag.
„Marian", sagte Lady Wayne, „willst Du auf einen Augenblick mitkommen? Ich habe etwas Unangenehmes zu tun, und dazu brauche ich, wie gewöhnlich, Dein Gesicht als moralische Stütze — wie Elsie so nichtsnutzig sich ausdrückt."
Ganz ahnungslos darüber, was ihre Schwester vorhatte, ging Marian mit ihr, und Lady Wayne klingelte Annie. Annie erschien, etwas erregt und unruhig; die Dienstboten auf Kenninghall liebten ihre Herrin alle, hatten aber gleichwohl einigermaßen Furcht vor ihr.
„Annie", sprach Lady Wayne freundlich, „Sie haben für Mr. Jefferies' Zimmer zu sorgen, nicht wahr?"
„Jawohl, Mylady."
„Mr. Jefferies hat eine altmodische, leere, grünseidene Börse verloren, die an und für sich wertlos ist, worauf er aber großen Wert legt; haben Sie dieselbe vielleicht irgendwo gesehen oder gefunden?"
„Nein, Mylady; Herr Jefferies läßt alle seine Sachen im Zimmer offen stiegen, aber was Sie meinen, habe ich nicht gesehen. Sie haben ja heute selbst noch gesehen, Miß West, tote ich alles wieder in Ordnung gemacht hatte."
Lady Wayne wandte sich überrascht zu ihrer Schwester.
„Du, Marian?" sagte sie; und Miß West fühlte, wie ihr flammende Röte ins Gesicht schlug.
„Ich bin heute mal durch die Zimmer gegangen", sagte sie verwirrt, „um zu sehen, ob alles darin in Ordnung wäre."
„Natürlich", sagte Lady Wayne, erftaunt, warum thre Schwester wohl so verwirrt aussehe. „Ich brauche dich nicht zu fragen, Marian, ob du etwas von dieser Börse gesehen hast?" ■
Martan West verabscheute das Lügen; nicht um dte Welt hätte sie einer solchen Geringfügigkeit Haber gelogen. Sie wich der Frage aus:
„Ich kann nur sagen, daß, wenn ich die Börse je zu Gesicht bekommen werde, sie sofort an den Eigentümer zurückgegeben werden soll, Eve."
„Also, Annie", sagte Lady Wayne, „geben Sie gut acht beim Putzen. Es soll mich sehr freuen, wenn wir Herrn Jefferres diese Kleinigkeit, worauf er so hohen Wert' legt, zurückgeben könnten."
„Ich will das Zimmer genau durchsuchen, Mylady, und mein Bestes tun, sie wiederzufinden", sagte das Mädchen.
Als Annie das Zimmer verlassen, wandte Lady Wayne sich an ihre Schwester.
„Es ist mir unausstehlich, an Dienstboten derartige Fragen zu stellen", sagte sie, „es sieht gerade aus, als ob man sie in Verdacht hätte. Annie hat so ein gutes, ehrliches Gesicht. Hoffentlich habe ich sie mit meinen Fragen nicht gekränkt, Marian."
Und Lady Wayne fand ihre Schwester noch immer merkwürdig, als Marian jetzt wieder eine ausweichende, leere Antwort gab.
24. Kapitel.
Ein Liebespaar.
Lord St. Gilbert hatte sich leidenschaftlich in Elsie Wayne verliebt; sie war ihm die schönste, Herrlichste, Ern- zigste und Bestem ,
Errötend folgte er ihren Spuren, konnte sre stundenlang traumverloren anstarren und darüber grübeln, ob


