Ausgabe 
27.8.1906
 
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Erfolges, aus den aufleuchtenden Flammen der Begeisterung, aus dem Freudenfeuer des Triumphes hat noch nie ein Mann ein Weib sich errettet. Da hatte Siegfried leichteres Spiel. Um Brunhild flammten nur Jsensteins feurige Gluten!" Eine tiefe Erregung zitterte in seinen Worten nach.

Sie mögen recht haben, Graf Guido! Gegen den jungen Kampfesmut, gegen die junge Eroberungslust der Frauen, denen man einmal gesagt hat, sie sollen ihr Leben selbst gestalten, mag man wohl schwer ankämpfcn. Bis das Leben sie zwingt, freiwillig zu kapitulieren. Es wird ihnen so entsetzlich schwer gemacht, etwas zu erreichen, dass sie das Errungene dann mit eiserner Zähigkeit festhalten, so wenig es auch sein mag oder so viel!" Wie aus wachen Träumen sprach sie und sein Auge hing wie gebannt an ihren Lippen. Und nun gar das Talent! Das Talent, das sie auf einen bestimmten Weg weist, auf einen bestimmten Weg zwingt. Es geht nicht jede tändelnd diesen Pfad. Die ihn angstvoll und zaudernd und zaghaft beschreiten, verlassen ihn dann auch am schwersten. Vielleicht nie, haben sie erst das Ziel erkannt und in sich die Kraft entdeckt, sich oben zu erhalten."

Sie sann vor sich hin und sagte dann aus tiefster Nach­denklichkeit:

So war es mit mir, als Sie an dem Tage in Dresden vor mich hintratcn, und wenn Sie es mögen, wird es wohl a,n besten sein, ich erzähle Ihnen etwas von mir aus jener Zeit."

Er machte eine zustimmende Bewegung und sprach mit leiser, gepreßter Stimme:Ich danke Ihnen! Das löst vielleicht manchen Zweifel und lindert die Qual! Das lin- ausgesprochene peinigt am stärksten."

Sie hörte kaum, wa§ er sagte. Ihre Gedanken schienen zurückgewandt 311 den Ereignissen von damals.

Ich weiß nicht, ob eS Ihnen bekannt war, wie un­endlich schwer eS mir wurde, hinauszuziehen in die Welt, auf niich selbst angewiesen, auf mein Talent, auf meine Energie. Ich besaß gar keine. Ich war ein wohlbehütetes schüchternes Geschöpf, ohne den mindesten Kontakt mit der Außenwelt, die über den Kirchturm von Bernstadt hinaus­ragte und über die Zinnen von Schloß Giersdorf. Ich kannte, ich ahnte nichts von dem, was jenseits dieser engen, lieben, kleinen Welt lag. Ich hatte keine Vorstellung, kein Verständnis anderer Daseinsbedingungen. Sie wissen das ja wohl auch, da Sie, Ivie es scheint, mir damals schon Be­achtung schenkten. Ich sang wie der Vogel des WaldeS, un­bewußt, daß diese freundliche Gabe mir einst die höchsten Pflichten auferlegen könnte. Es war so! Dian entdeckte mein Talent, eine kluge Tante erst, dann auch andere, und endlich war es so weit, man hatte es mir begreiflich gemacht, daß ich wuchern müsse mit den: Pfunde, das der Herr mir verliehen. Nicht gewaltsam hatte man es mir bcigebracht. Langsam, sanft, allmählich. Die Eltern mochten auch nicht gern aber wenn man es immer wieder hört und wieder neben den materiellen Erwägungen auch die idealen kommen, wenn der Begriff: Kunst, Künstlerin in seinem lockenden und seinem heiligenden Inhalt von uns Besitz ergreift, dann über­windet auch die Scheueste ihre Scheu, die Furchtsamste ihre Furcht, und man wagt das Wagnis! So ging es mir. Zu dem Drängen der Tante, dem intimen Familienrat des Hauses kam die uns weltkundig dünkende Meinung aus Giersdorf. Die alte Frau Gräfin und die Fürstin Testi waren dafür, daß eine so außerordentliche Anlage ausgebildet werden müsse. Graf Alfons wußte die glänzende Außenseite der Laufbahn zu schildern, und die Gefährten und Vertrautet:, Karl Viktor und Hans Hübner, schwärmten damals nur von der Selbst­ständigkeit der Frauen und der Notwendigkeit, die engen Heimatsfesseln abzustreifen und in voller Freiheit sich auszu- leben. Diese Studentenweisheit gab bei mir ivohl den Aus- schlag, und das und alles zusammen; ich ging hinaus und wollte flügge werden."

Sie holte Stiem, als strenge es sie ein wenig an, so viel zu sprechen. Da er aber nichts sagte und sie nur anschaute rvie ein Knabe, dem man ein Märchen erzählt, fuhr sie nach kurzer Erholungspause fort:

Das Vöglein mit den Trillern in der Kehle flatterte aus! Verließ das heimische Nest, wo es so wohl geborgen war, so weich und sanft gebettet. Wir haben unsere Studien in der Natur gemacht, Graf Guido, und wissen, wie es tut. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern, wie Sie mich einmal, ich mochte acht Jahre gewesen sein, bei einer Hecke emporhoben und mich in ein solches Nest hineinschaucu ließen. Finken ivaren drin, jung und fast nackt, aber sie übten die kleinen Kehlen, und es klang schon recht hübsch ich wußte es damals nicht künftiger Finkenschlag! Und dann machten die stärksten schon leichte Flmgversuche, und Sie sagten gu mit: ,Sie werden bald flügge fein I" Das Bild hat mich begleitet durch mein Leben! Die kleinen jungen Vögel waren so nnbeholfen in ihren Versuchen und zappelten so ängstlich mit den dünnen, weichen Flügelchen, und wurden eines Tages doch große, starke Finken. So ging cs mir. Grenzenlos unglücklich war ich, als ich in die Fremde zog. Aber ich durfte es nicht sagen, um die Eltern nicht 31t betrüben und zu beunruhigen. Alles ängstigte mich. Die große Stadt und die fremden, gleichgiltigen Menschen. Und im Hause meiner Taute die große Liebe und Sorgfalt, die immer etivas Lauerndes, Bedrückendes an sich hatte. Es kam nicht, ivie ich es gcivohnt war, unbewußt, aus zärtlich überflutendem Herzen, es war immer, als stecke dahinter etivas, ivas mich peinigte. Das lastete schiver auf mir, und das flügge ge­wordene Vögelchen fühlte sich matt und unbeholfen und ivagie die Flügel seiner Seele nicht zu regen in ohnmächtiger Angst."

(Fortsetzung folgt.)

M.'öer Goeihcs Arden.

Zu i e i n e m Geburtstage am 28. A u g u st. Von Dr. Stephan K e k n ( e von S t r a d 0 n i tz.

Wer den heutigeir Maßstab zu Grunde legt, müßte annehinen ein Alaun uun der amtlichen Stellung und gar den unsterblichen Leistungen Goethes habe eine Fülle von OrdeusauSzeichnungen be­sessen, wenigstens in den letzten Jahren seines Lebens.

Den: ist aber durchaus nicht so gewesen. Deutschlands grogter Dichter und einer der größten Geister, die die Menschheit ivohl überhaupt je gesehen hat, hat, trotz dein hohen Alter, das er erreichte, im Ganzen nie mehr, als fünf Orden, darunter allerdings drei Großkreuze, besessen imö die ersten erhielt er überhaupt erst m reifem Aller. Wunder nehmen darf das allerdings Niemanden. War doch die Gesamtzahl der vorhandenen Verdienstorden damals viel geringer, als heute. Siild doch in der Zeit von 1803 bis heute, also lin Laufe der letzleu huudert Jahre, wenigstens einhunderlund- süuszig solcher Orden tu den verschiedenen Staaten innerhalb und außerhalb Europas neu gestiftet ivordeu, der unzähligen, tragbaren Medaillen und Gcdächtniszeichen aller Art gar nicht zu gedenken.

Die erften Ordensauszeichnungen, und zwar gleich zivei z>l gleicher Zeit, erhielt Goelhe bei Gelegenheit des Er'urter Kongresses (27. September bis 14. Oktober 1808).

Am 14. Oktober verzeichnet das Tagebuch kurz:Ot'ben der Ehreulegion" und nm 15. deS gleichen Monats:Auueu-Orden. Es ivaren: das Osfizierkreuz der Ehrenlegion, also die vierte Klasse von Hirnen, und die 1. Klasse des Russischen St. Anneu-Ordens, also das Großkreuz mit Stern, welche er erhalten hatte. Gleich am 16. schrieb er darüber ait seine Frau in köstlicher Weise:End­lich, mein liebes Kind, erholst Du die Vollmacht ....... . wirst mich darinn als Ritter des St. Anneu-OrdenS ausgeführt sehen. Der Kayser voii Frankreich hat mir auch den Orden der Ehrenlegion gegeben und so wirst dtl mich besternt uitb bebändert wiedersiuden und mich hosseiitlich wie immer lieb haben und be­halten. Ich habe bei) dieser Gelegenheit gesehen, daß ich viele Freunde habe, beim viele Menschen freuten sich darüber, Die schönen Kinder bey Hofe ivaren die artigsten, versicherten, es stunde sehr gut und die Aeugelchen roareit unendlich." Am ^0. gleichen Moiiats ivurde das Doppelereignis dem nahen Freunde Zelter ut Berlin mit den Worten gemeldet:Beyde Kayser haben mich mit Sternen und Bändern beehrt, welches wir denn in aller Bescheiden­heit dankbar anerkennen wollen."

Namentlich auf den Orden der Ehrenlegion hat Goethe stet-- sehr große Stücke gehalten. Diese Tatsache ist diirch Genast liber- liefert, welcher berichtet:Madame Lortziug, die neben der Ge- heimrätin saß und ein großer Liebling Goethes war, fragte, ganz unbefangen, welcher ihm der liebste von allen Orden sei. Keinem anberen hatte ich solche Dreistigkeit raten mögen, denn er liebte es gar nicht, nur feine Gedanken Gefragt zu werden und noch dazu m solchem difsieilen Fall, aber bei ihr machte er eine Ausnahme und erwiderte: kleine Neugier! Doch den Kindern muß man zuweilen den Willen tun und wies auf die Ehrenlegion."

Die beiden, französisch geschriebenen, Dankschreiben Goethes