370
der interessante Künstler, sondern auch ein wirklich sympathischer Mensch, ernst und gediegen — ich hörte hier mit Staunen, daß man ihn den „tollen Hammer" nennt — allerdings wurde mir zugleich gesagt, daß er den Namen seit Jahresfrist mit Unrecht trüge."
Suse, der Ruths Erschrecken nicht entgangen war, wollte soeben das Erlebnis des Nachmittags ausplandern und dabei ebenfalls eine Lanze für den schlecht beleumundeten Maler brechen, als ein warnender Blick Trautendorfs sie davon zurückhielt.
Sehr rasch, aber völlig harmlos, siel der junge Offizier dann ein:
„Meine Schwägerin weiß Dir gewiß auch nur Gutes von Deinem neuen Freunde zu erzählen, Bittner, sie war nämlich kurze Zeit seine Schülerin."
Er wandte sich Ruth zu, die leichenblaß geworden war und mit nervösen Fingern ein Stückchen Brot neben ihrem Teller zerkrümelte. Sie schien seine Worte überhört zu haben, denn von ihren farblosen Lippen kam keine Antwort, kein Laut irgend welcher Zustimmung. Es war, als sei sie nahe daran, ohnmächtig zu werden.
. , Meta wollte eine besorgte Frage tun, da sagte Bittner, der ihre Absicht wohl bemerkt hatte und dem schönen Mädchen neben sich über eine peinliche Situation hinweghelfen wollte, unbefangen, sich halb zu dem Kameraden, halb zu Ruth wendend:
„Ich dachte es mir wohl — denn ich habe in Rapallo bereits ein Bild von dem gnädigen Fräulein gesehen."
Die ruhige, offene Art, mit der er diese Tatsache meldete, gab der Angelegenheit einen so harmlosen Anstrich, daß niemand böswillige Vermutungen hätte daran knüpfen können. Suse stieß nur einen leisen Laut der Ueberraschung aus.
„Ein Bild von Ruth?"
„Ein Bild von mir?" wiederholte Ruth, sich in ihren Stuhl zurücklehnend, als brauche ihr Körper eine Stütze. Ein Helles Rot stieg langsam in ihr schmales Gesicht. Sie hielt die Augen gesenkt, um den Blicken auszuweichen, die an ihr hingen.
Der blonde Offizier wollte soeben den Mund zu einer Erklärung öffnen, als Betty in der Tür auftauchte, um das Dessert zu reichen. Er schwieg etwas verlegen.
Suse löste die momentane Spannung, indem sie mit ihrer frischen Stimme rief:
„Ist es ein großes Bild? Und was stellt es dar? Das", ein bezeichnender Blick traf das bedienende Mädchen, „können sie uns ruhig erzählen, Herr Oberleutnant."
(Fortsetzung folgt.)
157 Hags Korsischer Aauörnölder.
Erinnerungen an Korsika.
Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e in a n n.
(Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)
Diese Bitteren Stunden wurden noch bitterer bind) ein furchtbares Buch, das ich, unbekannt mit dem gräßlichen Inhalte, mir von einem Londoner Freunde verschrieben hatte: Dickens' „Barnaby Rndge, a tale of the Mots, of Eighiy", den einzigen Band Dickens, den ich noch nicht gelesen hatte. Alles andere: „The Posthumons Papers of the Pickwick Club", ,,'A Christinas Carol", „The Chimes", „The Cricket on the Hearth", „The Battle of Life" wären geeigneter gewesen, als diese Geschichte, in der in Dickens anschaulicher Weise die Todesfurcht eines zum Tode verurteilten Henkers über mehrere Kapitel geschildert wird, der früher sich nie genug damit brüsten konnte, mit welcher Virtuosität er seine vielen Verurteilten abgefertigt hatte. Dazu Aufruhr über Aufruhr, Mord, Brandstiftung, die Katholiken edle Märtyrer, die meisten Evangelischen Schufte.
Gegen Ostern erhielt ich in 'Ajaccio von Herrn Pastor Schmidt aus Cannes dessen Buch „Der Heiland im Sterben", das mich die heilige Zeit einigermaßen genießen ließ. Sehr anregend wirkten wieder Wilhelm Raabes „Hungerpastor", „Aus der Sperlingsgasse," und „Unseres Herrgotts Kanzlei", sämtlich mir schon bekannt, aber dennoch wiederholt
gern gelesen, letzteres sinnig und kernmagdeburgisch, mir vom Verleger gütigst dediziert. Nicht schmeckte mir später in Bastia, müde und abgemattet, wie ich war, Kingsleys „Hy- pathia", deren philosophische Betrachtungen mich kalt ließen, ja langweilten. Auch Alys „Wolkenkuckucksheimer Deknme- rone", so sinnig das Buch ist, war mir unverständlich. Dagegen täuschte mich, den alten Klosterbruder", „Der Herr Propst und seine Leute", Erinnerungen an das Kloster „U. L. F." über einen Tag trüber Gefangenschaft sehr glücklich hinweg.
Bechsteins „Tolles Jahr von Erfurt" war mir teils zu breit, bald zu romantisch holdselig, bald zu gräßlich.
Sienkiewicz' „Quo vadis", das mir mein intimster Freund zu Weihnachten nach Ajaccio gesandt hatte, war meine erste Lektüre im Gefängnis. Dieser Umstand wurde vom Advokat Campiglia sofort in der Ajaccioer Zeitung verkündet. Wie anders war es doch gekommen, hatte ich mich doch darauf gefreut, das Buch etwa zu Ostern in Rom zu lesen !
Interessant wär auch „Kellners Weh und Wohl" von Pastor Schmidt, dem ähnlich wie Emil Frommel die Mission unter den Kellnern sehr am Herzen liegt. Im Kapitel: „Berufsgefahren" sind sehr interessante Selbstgeständnisse von Croupiers abgedruckt, die leider mir zu spät vor Augen kamen, um sie meinem Reisebriefe über Monte Carlo an- zufügen. Archenholtz' Geschichte des siebenjährigen Krieges machte mir Mut. Hatte der liebe Gott so oft und so wunderbar dem alten Fritz geholfen, so würde er mich auch nicht im Stich lassen. "Stifters liebenswürdige Erzählungen, Hedenstjernas lebhafte Novellen und die Birch-Pfeifferschen sentimentalen Schauspiele ließen mich bisweilen meine trübe Lage vergessen, und doch schämte ich mich der Lektüre der letzteren beiden. Auch von meinem Rechtsanwalt Cam- piglia hatte ich einen französischen Roman erhalten. Er fing aber mit einer Hundegeschichte so zynisch au, daß ich kaum anderthalb Seiten las und das Buch mit dem Bemerken zurückgab, daß man davon in Deutschland nicht einmal redete, was man in Frankreich durch den Druck verewigen zu müssen glaube.
Atm 1. Mai bohrte mich mein Rechtsanwalt Campiglia zum zweiten Male an — die erste Anzahlung hatte er zum Karneval gebraucht. 'Als Bonapartist hatte sich _ der 22jährige für die Gemeindewahlen mit aufstellen lassen, aber Wahlen kosten Geld, aber er hatte keines. Wir hatten auf starken Zuwachs im „civilen Hotel" gehofft, aber außer den Tönen von verschiedenen Musikumzügen der verschiedenen Wahlgruppen in den letzten Tagen vor dem 1. Mai, und von dem Beifallklatschen am 1. Mai bei der Auffahrt der Gewählten oder zu Wählenden vor dem benachbarten Palais de Justice und von einem Demonstratiousabend- ständchen drang nichts in unser Gefängnis ein.
Ebenso hatte ich Milch, um im Bilde der vache ä traire par tons zu bleiben, Fs. 50, lassen müssen, damit meine zwei Reisebriefe ans „Aus unseres Herrgotts Kanzlei" gegen Extragebühr in Französische übersetzt, zur Beleuchtung meines Charakters in einer Ajaccioer Zeitung wiedergegeben würden. Der Abdruck der ersten beiden Briefe unterblieb später, dafür wurde Reisebrief 3 kurz vor meiner Schwurgerichtsverhandlung veröffentlicht, aber ohne Nennung meines Namens, also zwecklos.
Ein Vergnügen eigener Axt war das Rasiertwerden int Ajaccioer Gefängnis. Nach vielen Anstrengungen glücklicherweise zweimal wöchentlich erreicht, war es einfach furchtbar, obwohl es mit meinem eigenen Messer ausgeführt wurde. Der Ausübende war alles andere als ein Barbier. Ich fügte mich wie ein Lämmlein in die Prozedur, die fast eine halbe Stunde dauerte. Zwei Wärter paßten dabei auf, daß der Kerl mir nicht den Hals abschnitt. Wenig angenehm' ruhte es sich an seinen schmutzigen Hemdsärmeln oder dito Busen, je nach den verschiedenen Phasen der Manie pulation. Ein halbes Weißbrot, zirka Va Pfund schwerwär der Lohn der 'Arbeit. Heimlichem Ersuchen, mir für ihn Tabak, ohne den der Südländer nicht leben kaum zu bestellen, widerstand ich. Das Rasiermesser, welches wahrscheinlich von allen Wärtern im Ajaccioer Gefängnis benutzt wurde, mein Jalousietoilettespiegel und dies und jenes" war ständig die Bewunderung der Wärter. Ich bitt so schlecht, votl ihnen zu denken, daß sie schon gehofft hab cm ich würde um einen Kopf kürzer gemacht werden, sodaß sm aus meinem Nachlaß diesen oder jenen hübschen Gegenstauch der sich auf diese Weise nach Korsika vcirrrt hätte, billig


