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Mittetkose Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der häßliche Offizier hing immer mit seinen blaßblauen Aligen an Ruths edel gefchnittener Profillinie. Sie saß ahnungslos, daß sie so scharf beobachtet wurde, neben der jungen Schwester, die in einem Album nach einer Photographie suchte. Das Helle Gaslieht bestrahlte hell den tiefschwarzen und den lichtblonden Mädchenkopf, die Wirkung jedes einzelnen reizvoll heroorhebend.
„Ich sah selten zwei schönere Menschenkinder!" bemerkte Bittner in aufrichtigem Entzücken.
Trautendorf nickte, indem sein aufleuchtender Blick zu seiner reizenden Braut hinüberflog.
„Sie sind beide zur Liebe geschaffen, sie hätten nicht nnbegehrt verblühen dürfen. Aber nun sag' mir rasch, ehe wir zu Tisch gehen — was weißt Du von Hammer — von Ruth?"
Er zog den Freund unwillkürlich in eine Zimmerecke möglichst weit aus dem Gehörkreis der Damen und nahm ihn dort am Nockknopf seines tadellosen Zivils.
„Mensch, nun erzähle."
Es gibt nicht viel zu erzählen — ich weiß auch nichts positives, aber wenn ein Maler wie ein Fieberkranker rastlos cm einem Bilde malt, ohne daß er dazu ein lebendes Modell vor sich hat und die Züge der Hauptfigur eine frappante Aehnlichkeit mit einer Dame zeigen, die in diesem Falle Deine Schwägerin ist — wenn derselbe Maler die Weiber flieht, weil er ganz offensichtlich eine große Leidenschaft für eine davon mit sich herumschleppt — wenn die Braut eines anderen sich um eine Aussprache mit ihm bemüht und sich schließlich als Schwester des schönen Modells entpuppt — da müßte man doch ein Rindvieh sein, um nicht Lunte zu riechen."
„Still, um Gotteswillen, die Tarnen werden aufmerksam!" sagte Trautendorf halblaut, Suse innig zunickend, „tu mir bloß eine Liebe und sprich bei Tisch recht viel Gutes von Hammer, erzähl' auch von dem Bilde — wcnns nichts nutzt, schaden tuts nicht."
Bittner brummte eine gutmütige Einwilligung und trat dann unbefangen auf die Hausfrau zu, die auf einige Minuten das Zimmer verlasfen hatte und eben wieder zurück- gekehrt war.
„Sie erwarten Ihren Herrn Gemahl in wenigen Tagen, gnädige Frau?"
Boll Staunens sah er den freudigen Glanz in den ernst
so kühl dreinschauenden Augen, die Frau v. Brockhaus zu ihm emporrichtete.
„Ja, endlich!" sagte sie, und die duftige Crtzpeschleffe auf ihrer Brust zitterte unter einem tiefen Atemzug, „es war eine schwere Trennungszeit."
„Ihrem Gatten brachte sie aber neue Ehren und vollste Anerkennung seiner Verdienste — ich glaube, gnädige Frau werben am längsten hier in Berlin gewesen sein ---das
Regiment ist Herrn von Brockhaus in allernächster Zeit sicher —*
„Für meinen Mann freute michs ja — es töte mir nur weh, mich von den Kindern zu trennen", sie wies auf Suse und Trautendorf, die Hand in Hand neben Ruth standen und ihr soeben die Bedeutung des Täfelchens über „ihrem" Sofa erklärten, „es geht doch nichts über zwei Menschen, die sich lieb haben. Machen Sie's Ihrem Freunde bald nach, Herr Oberleutnant."
Der sagte nicht:
„Ich werde mich nie verheiraten."
Er lachte nur halb verlegen, halb wehmütig zur Ank- roort — aber in seinem Herzen klang die Stimme, die ihm verhieß, daß'er einsam bleiben würde.
Betty erschien jetzt. in der sich weit öffnenden Tür zum Eßzimmer und meldete der Hausfrau, daß serviert sei.
Bittner bot der schlanken blassen Frau neben sich den Arm, während Trautendorf lachend mit den beiden schönen Schwestern folgte.
Bei Tisch kam Ruth neben den rotblonden Offizier zu sitzen, der Schwester gegenüber.
Die kleine Tafel war überreich mit stark duftenden Maiglöckchen geschmückt. Ruths Kopfschmerzen, die sie selten ver- iießen, ineldeten sich verstärkt, das Sprechen wurde ihr schwer. In dem kleinen Kreise war die Unterhaltung so allgemein, daß ihre Schweigsamkeit nicht auffiel. Die , beiden Herren trugen den Löwenanteil der Unterhaltung. Sie waren beide weitgereist und jeder verstand in seiner Art fesselnd davon zu erzählen. .
Plötzlich horchte Ruth, aus ihrer Lethargie durch die Nennung eines bekannten Namens emporgcfchreckt, auf. Ihre L>and, mit der sie eben das GlaS Wein zum Munde geführt hatte, zitterte so, daß der feine Kelch gegen eine nahestehende Blmucnvase klirrte.
„Ja, ich muß sagen, daß der Aiifenthalt in Rapallo mir erft durch diese Bekanntschaft so recht genußreich wurde", klang die ruhige Stimme ihres Nachbars wieder, „die Natur ist ja unvergleichlich schön dort, ober ich brauche immer einen sympathischen Menschen zi>m Verkehr, um mich an einem Orte wohlfühlen zu können und Willy Hammer ist nicht nur


