68
lasse vorbei, durchquerte deu Mosaikhof mit seinem Plätschernden Springbrunnen, winkte abwehrend mit der Hand, als ein Rahonchef ihm zurief: „Wünschen Sie,Ihren Herrn Bruder zu sprechen, Herr Berndal?" und stieg dann die erste Etage hinauf. Hier ging er ziemlich, langsam, alle Grüße der Verkäuferinnen und Kommis mit freundlichem Kopfnicken erwidernd, durch die Abteilung der Wollenstoffe und dem Wüschelager. Er blieb mitten unter dem Publikum hie und da stehen, schaute wie prüfend umher und trat dann an einen Berkaufstisch, an dem zahlreiche Bündel Tamenwäsche, mit roten uno blauen Bändern umgurtet, ausgestapelt lagen. Dahinter stand ein hübsches junges Mädchen, das damit beschäftigt war, Taschentücher zu sortieren. „Ah, da sind Sie ja, Fräulein Eberhard , sagte Berndal rasch, „hören Sie mal, die letzte Sendung Linon aus Bielefeld . . ." Das weitere murmelte er nur, schob aber Fräulein Eberhard einen zusammengefalteten Zettel zu, den das Mädchen rasch und gescheckt unter ihre ^a,sü)cn- tücher gleiten ließ, und wandte sich daiin zurück, noch einmal rufend: „Also, wie gesagt, Fräulein Eberhard, genau untersuchen und Stücke mit Lagerfiecken ohne weiteres zuruck- stellen . . Nach dieser geschäftlichen Abmachung ließ sich jöcrr Berndal durch der, Lift in die untere Etage hinab- besördern und stieg auf der Straße wieder in seinen Wagen.
Ter Bauplatz Unter den Linden, nach den Straßenseiten zu durch hohe Bretterzäune abgcgrenzt, war vorläufig nichts anderes als ein ungeheurer Trümmerhaufen. Die alten Gebäude ivarcn zwar schon bis auf die Fundamente abgebrochen; aber noch hatten Steine und Schutt nicht völlig fortgeräumt werden können.
Es sah wüst aus. Ta und dort ragte schwärzliches Balkengesüge hervor, und im Kalkstaub vergraben lag ein Gesims des alten Hanfes: die Putten mit regmverwaschenen Gliederchen und abgebrochenen Nasen und die Rosengirlan- den gleichsam zerfetzt von den anderthalb Jahrhunderten, die über sie dahingcgangen waren. In diesem weißgrauen Staube, der bei jedem Schritte aufquirlte, fuhr auch ein Schwarm Spatzen umher, mit geplustertem Gefieder, scheltend und schimpfend, daß es hier nichts Genießbares gab. Im bellen Sonnenbrände stand mitten unter den Trümmern ein Polizeileutnant und bewegte sich nicht.
Ein Rundteil war frei von Schutt und besonders ein- gehegt. Um die Pfosten schlang sich Eichengrün, und Lcmb- gewiude verband das Gepflvck. Da erhob sich der Grundstein: ein viereckiger Block, und ein ausgemauertes Loch gähnte daneben. Vor ihm waren drei Männer postiert, in Maurerschürzen von tadelloser Sauberkeit, Hämmer und Kellen in deu Händen. Das sah gut aus. Imhoff hatte für szenische Wirkung gesorgt.
Innerhalb des Rundteils und in seiner Nähe bewegte Keine kleine Gesellschaft. Ein dicker Mensch in schäbigem ck und offen stehendem erbsengelbem, fettigem und fleckigem Paletot, an dem der unterste Knops fehlte, umkreiste sie, schaute den Leuten in das Gesicht, nickte diesem und jenem zu, verbeugte sich zuweilen tief und weniger tief und machte sich in seinem, mit blauen Turchschriftblät- tern versehenen Taschenbuche Notizen. Ter Zeilen-Knappe vertrat die Presse. Man hatte absichtlich keine weiteren Einladungen an die Redaktionen ergehen lassen, weil der Raum beschränkt war und sich wenig vorteilhaft präsentierte.
'2116et ein paar Schriftsteller waren da, Dramatiker, darunter auch einer von Berühmtheit, ein Freund Hammers. Ter schaute sinnend auf den viereckigen Stein, über dem sich bald ein hohes Tempeldach wölben sollte, ein neues Schutzdach für die göttliche Knust. Und da er ein Idealist war, so sprach er heimlich zu sich: ,O Apoll, habe Tank — endlich einmal bereitet man den Musen und Grazien in der Mark ein würdiges Heim! Es scheint mir sinnbildlich: noch es hier wüst aus, und die Spatzen umflattern ödes . „ein, und der Fuß versinkt im Staube der Erde. So ist es in unserem Theaterleben, genau so oder zum mindesten ähnlich: da herrscht Oede und Wüstenei, und in elender Bude verkümmert Thalia. Schächer sind da, die feilschen um ihre Gunst, und ihre Maske, die man vorhält, ist ein Zerrbild der Wahrheit. Zum Markt wird die Szene, auf ihr sitzen die Händler und verkaufen für rotes Gold blutige Witze und effektvolle Abgänge. Und unten blökt die große Herde. O holder Apoll, laß über diesem Stein einen Tempel erstehen, aber kein Warenhaus; einen Sitz der guten Götter, aber keinen Sitz für die Mittels
Mäßigkeit und bas feiste Behagen; einen Säulenbau für Thalia, Melpomene, Erato und Polyhymnia und meinetwegen auch für Terpsichore, die Neigenfrohe, wenn sie die Beine nicht allzusehr wirst. Aber die Asterkamoenen halt ern, großer Musaget, und schließe ihnen dicht dieses Hauses Türen. Hehrer Apoll, du bist auch Städtegründer: gründe allhie allen Himmlischen eine festliche Stätte, wo feierlicher und freudiger Genuß fich finden. Du bist auch ein tzeilgott: schaff hier einen heilenden Quell wie den kasta- lischen, in dem Seele und Herz fich gesund baden können. Tu giltst als Beschützer aller Ordnung, so wehre in deinem neuen Heim der Zuchtlosigkeit des Geistes und der Phantasie. Vielgeliebter Apoll, schütze dies Haus . .
So sprach zu sich selber der Idealist, und da fiel sein Blick van ungefähr auf einen eleganten Herrn, der soeben mit höflichem Gruß an dem Polizeileutnant vorüberschritt und in einiger Entfernung von dem Ring der Gesellschaft stehen blieb. Er trug einen schwarzen Knebelbart iin brünetten Gesicht und im linken Auge ein goldumrändertes Monoele, und wenn er den Hut abnahm, sah man, daß sich durch sein dunkles Haar ein breiter weißer Streifen querte.
Der Schriftsteller winkte den Reporter heran. „Wer ist das da drüben, Herr Knappe?" fragte er.
„Das da drüben?" entgegnete Knappe. „Das ist Herr Sven Trusen ..." In diesem Augenblicke erschienen der Zweite Bürgermeister und der Vorsteher der Stadtverordueten- versammlung auf dem Plage, und der Zeilen-Knappe kritzelte in seinem Notizbuch
„Wie kommt denn dieser Trusen hierher?" fragte auch Hammer, fich an Imhoff wendend. „Ist er eingeladen woroen?"
„Gott bewahre", gab Imhoff zurück; „ich verstehe daS nicht. Der Mensch drängt sich überall ein. Ein Ekel. Ein unausstehlicher Kerl. Soll ich ihn fortweisen?"
„Ums Himmels willen! Lassen Sie ihn ruhig hier..." Der Baumeister schritt den städtischen Vertretern entgegen, begrüßte die Herren und stellte sie den erlauchteren Gästen vor. Das waren vor allem der Prinz Arenstem und der Graf Frehlinghaus, der Justizrat Brandes als Syndikus der neuen Theatergesellschaft, der berühmte Dramatiker und noch einige. Der Prinz reichte jedem die Hand und wechselte mit Fridolin Meyer ein paar freundliche Worte; FrehlinghauS grüßte nur mit ziemlich starker Kopfneigung, wenn auch durchaus höflich. Ganz wohl fühlte er sich hier nicht, wußte auch nicht recht, wie er sich benehmen sollte. Er kam sich deplaziert vor und zupfte an seinen Bartspitzen.
Rur Berndal hatte seine Gattin mit. Doch waren noch andere Damen erschienen: einige Sängerinnen und Schauspielerinnen, die dem neuen Unternehmen bereits verpflichtet worden waren, alle in sehr eleganter Jrühlingstoilelte, bi3 auf Nina Imhoff, die ein munodernes Jackett trug und einen monströsen Winterhut. Aber das schadete ihr nicht. Sre stand neben Harry Priestap, und beide unterhielten sich eifrig, mit flüsternder Stimme und augenscheinlich sehr gut; sie kicherten wie ein paar ausgelassene Kinder. Hammer sah es, und es war ihm unangenehm. Die Stunde hatte immerhin ihre gewisse Feierlichkeit. Es ging auch etwas wie ein leiser Stich durch sein Herz, und das ärgerte ihn gleichfalls. Was kümmerte es ihn, wenn die niedliche Nina und Priestap sich näher traten I . . .
(Fortfekung folgt.)
Mit welchem M Ät Kan» Die hessische W^kssHuke ein Kind der Melorrnation genaint werden?
Nach einem Vortrag des Pfarrers D. Dr. Diehl zu Hirschhorn im Evang. Bund.
Tie Ansichten über das Verhältnis zwischen Reform mation und Volksschule gehen weit auseinander. Manch« Leute meinen, die Volksschule sei direkt eine Schöpfung Luthers, andere wieder leugnen jeden Zusammenhang zwischen beiden. Weit verbreitet ist die Ansicht, daß die Volksschule ein Werk des Protestantismus als Kulturmacht sei, also daß sie aus den Zeiten des Pietismus


