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In diesem Augenblick betraten die beiden Polizisten, Sergeant Elliot und Mr. Sinclair, das Häuschen. Flüsternd wurde ihnen nütgeteilt, wer die still weinende Frau sei und sie sahen sich an mit dem heimlichen Gedanken, daß nichts erwünschter hätte kommen können, wie dies Zusammentreffen.
„Wollen Sie mich jetzt meinen Sohn sehen lassen?" fragte Kate Jefferies, die ihren Tee kaum ungerührt hatte. Die Jörsterssrau deutete auf die Tür.
Sie sahen sie die Tür öffnen und wieder schließen; sie hörten die wilden Ausbrüche des Schmerzes, die zärtlichen liebevollen Namen; und endlich trat ein langes Schweigen ein.
Die Zurückgebliebenen sahen sich mit peinlichen Ge- sühlen an.
„Es ist sehr hart für sie", bemerkte Sergeant Elliot endlich leise.
„Es ist wirklich äußerst traurig, wenn man die Kinder von klein an aufwachsen sieht und sie später, wenn sie groß sind, auf einmal verlieren muß", pflichtete die Försters- srau bei.
„Es ist ihr aber noch ein Trost geblieben", bemerkte Mr. Sinclair mit einem Blick auf Werner; dann fuhr er zusammen.
Kate Jefferies stand vor ihm, ihr Gesicht war totenblaß.
„Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr", sagte sie mit harter Stimme; „ich habe keinen Trost mehr — keinen. Werner, geh zu dem Schloß, das du Kenninghall nennst; und sage Marian West, ich wartete hier an der Seite meines Sohnes aus sie. Sie soll sofort kommen und sich dafür verantworten, was hier geschehen ist".
Es lag so viel tiefer, erhabener Kummer in ihren Zügen, solcher Ernst und Würde in ihrer Stimme und Haltung, daß sich alle ansahen, unschlüssig, was sie tun oder sagen sollten.
Dann, während sie sie noch mit zweifelnden Blicken an- sahen, begann die hochaufgerichtete Gestalt zu schwanken rind sank mit einem tiefen Seufzer schwer zu Boden.
„Jetzt hat sie wenigstens eine Zeitlang Ruhe in ihrem großem Elend," sagte die Förstersfrau, die geschäftig zu Hilfe eilte.
Werner und die Frau legten sie auf das kleine Sopha, indes die beiden Polizisten Blicke austauschten, die Bände redeten.
„Das ist Myladys Schwester, nicht wahr?" flüsterte Herr Sinclair. „Ich sehe noch nicht klar in der Sache. Wie ist sie darin verwickelt? Das müssen wir herausfinden. Jedenfalls jetzt hier geblieben!"--
In seinem ganzen Leben war Werner Jefferies nicht so verblüfft und verwirrt gewesen, wie an dem Abende, wo er vom Försterhause nach Schloß Kenninghall ging.
Warum klagte seine Mutter nur Marian West des Mordes an dem armen Jack an? Miß West, die wie er glaubte, nie in ihrem ganzen Leben ein unfreundliches Wort gesprochen, eine lieblose Handlung begangen hatte?
Was meinte seine Mutter nur mit dem wiederholten Klageruf, daß Jack ihr einziger Sohn sei? Wenn das wahr wäre, wer war er kenn eigentlich?
In solchen Gedanken erreichte er Kenninghall. Er fragte nach dem Hausmeister und mußte einige Minuten warten, ehe diese wichtige Persönlichkeit Zeit finden konnte, sich ihm zu widmen.
„Wir haben nichts wie Unglück über Unglück gehabt, werter Herr Jefferies. Infolge dieses Unglücksfalles wurde das Fest anfgegeben. Mylady mar ebenfalls sehr angegriffen und von einer ernstlichen Krankheit bedroht."
„Meinen Sie wohl, daß ich Miß West sehen könnte?" fragte Werner.
„Sie hat den ganzen Tag auf ihrem Zimmer zugebracht," ewiderte er zweifelhaft; „ich kanns wirklich sagen."
„Wollen Sie wohl eins der Mädchen bitten, ein paar Zeilen für mich hinanfznbringen? — Ich will dann aus Antwort warten."
(Fortsetzung folgt.!
Aas Museum in Aarrnstadt.
Eine historische Skizze , von Hermann Knispet (Darmstadt).
■ . (Unberechtigter Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Dieses rasche Anwachsen der Sammlungen, die seither in einzelnen Teilen des alten Schlosses untergebracht waren, verlangte größere und ausgedehntere Räume. Man fand sie in den damals noch ganz im Rohen liegenden, noch nicht einmal mit Fenstern versehenen Sälen des von Landgraf Ernst Ludwig (1688—1739) erbauten neuen Schlosses.
Das Zusammengehörige wurde nach Schleiermachers durchdachtem Plaue aufgestellt, und im Herbst 1817 waren zugleich mit der Hofüibliothek die gesammelteu Schätze der Kunst zum größten Teil in jenen Sälen des neuen Schlosses untergebracht, die sie bis vor Kurzem noch beherbergten. Auch wurden jetzt bestimmte Tage für den Zutritt des Publikums festgesetzt, dem aber die Sammlungen auch schon früher zugänglich waren. Fremden wurde der Besuch täglich gestattet.
Nach dem 1818 bereits in zweiter Auflage erschienenen Werkchen: Das Großherzogliche Museum in Darmstadt, von P. A. Pauli (Mainz 1818. Gedruckt in der Reulingschen Bucht- druckerei) waren die Sammlungen in folgende Abteilungen gegliedert: Die Gemäldegalerie, (in neun Sälen) Naturaliensammlung, Antikensaal, altes Museum (Sammlung alter und neuer Kunstwerke, in 10 Gemächern), Münzenkabinett, Zeichenkunst, Küpferstecherkunst, Malerei, Bibliothek, Waffensammlung, Trachi- tensammlung, Sammlung mathematischer und physischer Instrumente, „Das alte Rom"*) deutsche Phelloplastik.
So verdienstlich Paulis Wegweiser auch gewesen sein mag, im Vergleich zu der Reichhaltigkeit der Sammlungen konnte er doch seinen Zweck kaum erfüllen. Er enthält gerade nur das Notwendigste, ergeht sich aber desto überschwänglicher in der Bewunderung der Bedeutung des Museums und der Hochherzigkeit seines Stifters, dem er gleich zum Eingang folgenden Panegyrikus widmet: Ja, Dank und Ruhm dem Genius des edlen Fürsten, der seines Schlosses schönsten Teil ins Pantheon der Wissenschaft und Kunst verwandelt, wo Schönes und Erhabenes so herrlich sich entfaltet, und Glanz, der nie erbleicht, auf ihn, den milden Ludewig wirst.
Um seinem Lande die segensreichen Früchte der begründeten sämtlichen Sammlungen dauernd zu sichern, verfügte der Großherzog durch eine besondere Urkunde vom Jahre 1820, daß sie kraft eines beständigen, unteilbaren und unveräußerlichen Fideikommisses mitsamt der Hofbibliothek bei dem Großh. Hause verbleiben, als Staatseigentum betrachtet und mich in Zukunft der Benutzung des Publikums offen stehen sollen. Erst nach Ludewigs I. Tod (1830) trat die Verwaltung des Staates ein, bis dahin waren die Kosten der Verwaltung und der n eiten Anschaffungen wie vorher von der Klabinettskasse weiter getragen worden.
Mit dem Tode des Gründers war eine vierzigjährige glänzende Periode des Museums abgeschlossen. Sein Fortbestand war für alle Zeit gewährleistet, wenn auch die weitere Entwickelung des Instituts nunmehr langsam vorwärts schritt. Zwar sicherten Verordnungen der Regierung aus den Jahren 1818 und 1841 den: Museum alle im Lande gemachten Funde (zu den bedeutendsten zählt der beim Bau der Main-Weser-Bahn in Vilbel frei» gelegte Mosaikboden), und förderten so das Bestreben, die Kulturbilder der Vergangenheit des Landes immer deutlicher zu gestalten, allein für größere Neuanschaffungen fehlten die Mittel. Im Budget des Staatshaushaltes war für das Museum meist nur eine bescheidene Summe vorhanden. Und so mehrten sich die Sammlungen vornehmlich durch freiwillige Zuwendungen und durch Tausch.
Nach wie vor blieben aber die hessischen Fürsten auf die Förderung des Lvndesmuseums bedacht und besorgt. So war! es unter dem zweiten Großherzog um eine wertvolle Sammlung hessischer Münzen, aus dem Nachlaß des Hoftaxators Neustadt in in Darmstadt, bereichert worden. Und Ludwig III. (1806-^1877), der schon als Erbgroßherzog ein großes Interesse für die Sammlungen zeigte, stiftete aus seinem Privatbesitzmanches seltene oder historisch merkwürdige Stück, wie auch sein Bruder, der 1888 verstorbene Prinz Mexander von Hessen, durch die Schenkung seiner kostbaren Münzensammlung diese Abteilung des Museums in hervorragender Weise vervollständigte.
Im Jahre 1888 wurden die Sammlungen des „historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen", die schon früher, jedoch in gesonderten Schränken, im Museum aufgestellt waren, unter Vorbehalt aller Eigentumsrechte seitens des Vereins, mit den staatlichen Sammlungen verschmolzen. Die archäologischen Sammlungen des Professors Diesenbach in Friedberg in Oberhessen wurden 1861, die seines Sohnes Gustav 1891 erworben.
Wenn nun auch für Neuanschaffungen namhafte Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden konnten, so hatte der Staat doch die Ausgabe, auf die Erhaltung des Erworbenen nach Kräften bedacht zu sein. In dieser Beziehung aber erhebt der leider! so früh gestorbene Gelehrte, Professor Dr. Adamy (Inspektor der
*) Sammlung von Korkmodellen römischer Bauten,


