- 698

nicht einmal, wo der Ort liegt Ich dachte, vn wärest ans Downhom."

Das bin ich auch, imb Kenninghall ist eine Besitzung ganz in der Nähe."

Ich höre beide Namen zum ersten Mal, Werner.

Er ist gestern nach Kenninghall gekommen und dort von einem Unglücksfall betroffen ivorden."

Sie fuhr blaß und zitternd vom Stuhle empor.Ein Unglücksfall? O, mein Sohn! mein Junge! Ich muß gleich hin."

Ich wollte dich schon holen", fuhr er fort;Lord Wayne wünschte, daß du sofort kommen solltest"

Ist er krank? Ist er in Gefahr?" schrie sie auf. O, mein Sohn, mein einziger Sohn!"

Aber Mutter", rief auch er jetzigsoweit mußt du mich nicht vergessen; er ist doch dein einziger Sohn nicht ich bin hier, dich zu lieben und für dich zu sorgen."

Doch sie starrte ihn nur mit wilden Blicken an und stöhnte "nach ihrem einzigen Sohne.

Werner ioar unaussprechlich bekümmert

Mutter", begann er wieder,ich möchte, du hälfest mir herausbekommen, was den armen Jack nach Kenning­hall geführt hat; es hängt so viel davon ab."

Ich kann cs nicht", erwiderte Kate mit gerungenen Händen,ich weiß es nicht, o, mein Sohn, mein Sohn!"

Als er nach London kam und mich besuchte", fuhr Werner fort,war er auch zwei- oder dreimal bei den Waynes zu Besuch. Sie waren sehr freundlich gegen ihn; aber dennoch scheinen sie nicht zu wissen, was ihn eigent­lich dahin nach Kenuiughalt geführt hat."

Ich habe ihn von einigen großen, vornehmen Leuten sprechen hören, die in London sehr nett gegen ihn gewesen wären", sagte Kate,aber die Namen davon habe ich nie gehört."

Lord und Lady Wahne sind mit den Romseys sehr befreundet, nnd luden ihn deshalb zu sich ein, auch Miß West wär sehr freundlich gegen ihn."

Dann sah er erstaunt empor, denn sie stand da, rang fchreckensfahl die Hände und wiederholte den Namen, in einem Tone, den er nie wieder vergaß.

Miß West! O, Werner, sag' das nicht! sag' mir Nicht, daß die da ist!"

Nun, natürlich ist die da", erwiderte er aufs höchste erstaunt.Sie wohnt auf Kenninghall mit ihrer Schwester."

Ihrer Schwester?".wiederholte Kate.O Werner, sag, ist sie ist diese Schwester schön von Gesicht, mit Augen wie Veilchen, und goldigbrauneu Haaren?"

Jawohl, das ist Lady Wayne", bestätigte Werner ver­blüfft.

Dann haben sie meinen Jack umgebracht!" schrie sie wild auf.Mein Junge! Mein einziger Sohn! Sie haben ihn umgebracht!"

Einige Minuten lang stand sie wie vor Schrecken ge- lähmt; dann wandte sie sich zu ihnr.

Und du hast sie gesehen du kennst diese Lady Wahne?"

Gewiß; ich sehe sie fast jeden Tag", erwiderte er.

Kate Jefferies sah ihn starr an.O, du allmächtiger Gott", sagte sie leise,wie wunderbar sind deine Wege!" Liebste Mutter", sagte Werner saust,ich verstehe dich nicht. Die Wahnes sind sehr freundlich, sehr liebenswürdig gegen mich und gegen Jack gewesen. Warum sprichst du nur so merkwürdig von ihnen?"

Du hast sie Tag für Tag gesehen, mit ihr gesprochen, geplaudert, ihr zugehört, und weißt es noch nicht?" schrie sie wild.

Was wissen, Mutter? Du sprichst in Rätseln."

Wie sollte er's wissen, er hat Recht", murmelte sie; wie sollte er's auch wissen; es ist ein Geheimnis, ein beschworenes Geheimnis."

Werner stand vollständig verblüfft da nnd wußte nicht, was er sagen sollte. Es schien ihm, daß nur Zeit vergeudet wurde, deshalb begann er wieder:

Also Jack---"

Ja, sag mir", unterbrach sie ihn wild,was ist's mit meinem Jungen?"

Er ist also nach. Kenninghall gekommen, und zwar, wie angenommen wird, gestern abend, und dort ist auf ihn geschossen worden!"

^Allmächtiger Himmel!" schrie die arme Mutter und

preßte beide Hände aufs Herz.Geschossen! o, Werner! doch nicht totgeschossen?"

Sie warf sich vor ihm auf die Knie und ergriff feine Leiden Hände.

Die Tränen stürzten Werner aus den Augen; er sagte mit gebrochener Stimme:

Sei stark, liebe Mutter, du mußt es ertragen; er weilt nicht mehr unter den Lebenden der Schuß hat ihn sofort getötet."

Mein einziger Sohn! Mein hübscher Junge! Mein liebster, bester Jack!" klagte sie mit irrem Blick und ge­brochener Stimme.

Seine Fehler waren bereits vollständig vergessen; sie erinnerte sich nur, wie sehr sie ihn geliebt hatte.

Er kann nicht tot sein!" schrie sie.Er war mein Einziges, der Himmel hätte ihn nicht ohne ein Wort von mir sterben lassen."

Mutter", sagte Werner traurig,vergißt du mich nun ganz und gar; er war nicht dein einziger Sohn; sieh, ich bin doch hier, ich liebe dich auch, du vergißt mich".

Sie starrte ihn an, mit dem wirren Blick eines Menschen, der ivohl hört, aber nicht versteht

Er ist tot erschossenI"

Dann sprang sie plötzlich empor, und stand hochauf­gerichtet vor ihm.

Du sagst, er ist gleich vor der Tür des Hauses er­schossen ivorden, >vo sie lebt, wo Marian West lebt? Bring mich dahin, zu ihr, Werner; frag nicht, warum! Bring mich zu ihr. Er hat das Geheimnis entdeckt, und sie hat ihn ums Leben gebracht".

Miß West ihn ums Leben gebracht? Aber, Blutter, sie ist so sanft, so mildherzig, sie würde nicht mal einen Wurm mit Absicht zertreten, glaube ich".

Das ist ja sicher, daß du dich zu ihnen hältst", schrie sie wieder und wandte sich von ihm ab,es ist ja auch na­türlich. Ich weiß jetzt, was ihn nach Kenninghall gebracht hat, und ich sage dir, sie hat seinen Tod veranlaßt.

Die ganze Sache war so außergewöhnlich, daß Werner doch schließlich ein Geheimnis zn argwöhnen begann.

Aber was, und worauf bezog es sich? Konnte ein Ge­heimnis zivischen feinem Bruder Jack und Dliß West be­standen haben?

Es war zu spät am Abende, um noch reisen zu können; der letzte Zug war längst von der kleinen Station ab­gegangen.

Es war eine traurige Nacht, die Werner nach langen Jahren zum erstenmal wieder tut Hause, das er als seine Heimat betrachtete, zübrachte.

56. Kapitel.

Nm Todeslager des einzigen Sohnes.

Es dämmerte bereits, als Werner und Kate Jefferies endlich Kenningsthorpe erreichten. Während der Fahrt war kaum ein Wort zwischen beiden gewechselt worden.

Laß mich zuerst meinen Sohn sehen", sagte Kate,und wenn ich ihm in sein totes Gesicht gesehen habe, werde ich am besten wissen, was ich ihr zn sagen habe".

Sie kamen endlich beim Försterhause an. Die Frau des Försters hieß die arme Mutter aufs teilnehmendste will- konunen. Sie ließ sie nicht sofort in das Zimmer, wo die Leiche lag. Kates einziger Wunsch war, sich neben ihn hin- zulegen und auch zu sterben.

Ich weiß, was das ift,'* sagte die Förstersfrau.Sie kommen nicht eher hin, bis Sie erst wenigstens eine Tasse Tee getrunken haben. Ich werde Ihnen sofort etwas fertig machen, das Wasser kocht schon".

Sie zwang die weinende und sich sträubende Mutier mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl und bereitete dann schnell und geschäftig den Tee.

Ich habe selbst ein paar Kinder verloren", fuhr sie fort,ich weiß, was das heißt. Sie können dem Himmel danken, daß Ihnen noch ein so guter Sohn geblieben ist".

Und sie blickte freundlich zu Werner hinüber; doch Kate wandte sich mit einem Schauder davon ab, daß es Werner unaussprechlich weh ums Herz wurde.