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von häßlichen Dünsten erfüllter Hauch zog von der Straße empor.
Suse vermißte nicht den reinen, herben Luftstrom der Heimat, die für sie gleichbedeutend war mit Enge und Stille, sie lehnte sich weit hinaus und horchte auf das dumpfe Brausen der Großstadt, zu dem die vielen Geräusche sich vereinten. Und sie dachte an die Tausende, die in diesem rastlosen Treiben dem Vergnügen nachgingen, in großen Toilette in einer Theaterloge oder einen: Konzertsaal saßen über in eleganten Restaurants soupierten und daß sie auf immer ausgeschlossen sein würde von der Tafel des Lebens, wenn sie den Mut nicht hätte —?
Als sie sich ins Zimmer zurückwandte, lag ein trotziger entschlossener Zug um ihren roten Mund. Morgen würde sie Fritz Trautendorf sagen, daß ihrer Liebe Ende unabänderlich sei.
(Fortsetzung folgt.)
Die Krankenpflege unter dem Roten Kreuz als Frauenberuf.
Unter der Ueberschrift: „Woran liegt es'?" hrirb in Nr. 2 vom 21. Januar 1906 der von Prof. Dr. Pannwitz und Oberstabsarzt a. D. Dr. Kimmle herausgegebenen offiziellen Zeitschrift der deutschen Vereine vom Roten Kreuz „Das Rote Kreuz" (XXIV. Jahrgang) der nachstehende Artikel veröffentlicht, welcher die Ausbildungs- und Anstellungsverhältnisse der Berufskrankenpflegerinnen vom Roten Kreuze beleuchtet und an die Frauen und Jungfrauen der gebildeten Stände, soweit sie einen Beruf zu ergreifen beabsichtigen, die Aufforderung richtet, sich der Krankenpflege unter dem Roten Kreuze zu widmen.
Der Artikel enthält so durchaus zutreffende und beherzigenswerte Angaben, daß cs veranlaßt erscheint, denselben in seinem Wortlaute hier zum Abdruck zu bringen.
W o r a n l i e g t e s?
Woran liegt cs, daß Mädchen guter Familienerziehüng, also z. B. Tochter von Beamten, Offizieren, Aerzten usw., wenn sie nicht heiraten, noch immer oft nicht wissen, mit welchem Berufe sie sich innere Befriedigung und äußeres Fortkommen schaffen können? Sie fangen mit Mal- und Musikstunden an, oft ohne erhebliches Talent und ohne rechte Lust; fie fertigen Handarbeiten aller Art für Basare und Geschäfte ohne der Mähe entsprechenden Lohn; sie versuchen es mit den alten Berufen der Gesellschaftsdamen und Lehrerinnen, ja mit einem der Berufe, welche die moderne Frauenemanzipation den Männern streitig machen will; sie studieren Medizin oder Philologie oder die Rechte, sie werden Telephonistinnen, Postbeamtinnen, Maschinenschreiberinnen in Anwalts- oder anderen Bureaus usw. Weshalb verfallen sie verhältnismäßig noch selten auf denjenigen Beruf, welcher ihrer Veranlagung und Erziehung, ihrem Können und Suchen am nächsten liegt, nämlich dem einer „Schwester vom Roten Kreuz"? , „
Weil sie von ihm und seinen Einzelheiten trotz aller Hm- weise in Zeitungen und Zeitschriften, Jahresberichten und Prospekten usw. noch immer viel zu wenig wissen!
Für das Rote Kreuz als solches, d. h. für die unter diesem Zeichen geübte Friedenswohltätigkeit und Kriegsvorbereitung im allgemeinen interessieren sich ja Hunderttausende deutscher Frauen und Mädchen, wenigstens soweit, als sie ihm jährlich einige Mark Beitrag opfern und für seine Veranstaltungen in Weil> nachtsfesten, Basaren usw. persönlich tätig sind. Zehntausende aus diesem weitesten Kreis' wissen auch einiges Nähere von dem Zweck und von der Organisation dieses Roten Kreuzes. Tausende arbeiten sogar mit tiefem Verständnis und mit all ihrer Kraft für das hvhe Ziel der internationalen Kriegshilfe wie der- nationalen Friedensaufgaben des Roten Kreuzes. Rur in verhältnis- mäßig wenigen Familien werden aber schon die Kinder und Heranwachsenden Jungfrauen daran gewöhnt, im Roten Kreuz das die sozialen Unterschiede auscleichende und die eigenen Beschwerden heilende Zeichen zu betrachten und zu schätzen. Noch weniger Väter und Mütter endlich denken daran, rechtzeitig ehren Kindern das moderne Krankenhaus und die moderne Krankenpflegerin vom Roten Kreuz als das zu zeigen, was diese tatsächlich sind gegenüber den Erscheinungen dieser Art noch vor dreißig Jahren! ,
Wie ein modernes Krankenhaus und insbesondere em solmes vom Roten Kreuz nichts mehr aufweist von dem Unbehaglichen und gegenüber einem Familienheim Traurigen der Krankenhäuser früherer Jahrzehnte, besonders in Kleinstädten, so ist auch eine „Schwester vom Roten Kreuz" in jeder Beziehung ein schätzens!- werter angenehmer Gast für jede gute Familie. Die Bvrbediilg- ungen, unter denen man ihre seit dem Gesetz vom 22. März 1902 gegen Mißbrauch strafrechtlich geschützte Brosche mit dem Roten Kreuz im weißen Felde und mit der Umschrift des Mutterhauses allein erlangen kann, sind solche, daß nur Mädchen guter Familienerziehung sie zu erfüllen vermögen und daß Unwürdige noch weniger wie Untüchtige die garantiert gute Berufsstellung erhalten. Im einzelnen stimmen die Mutterhäuser und Schwestern
schaften Vom Deutschen Roten Kreuz nicht völlig überein, weil die Lebensverhältnisse, der Geldwert, der Zudrang und andere örtliche Unterlagen ihr Können verschieden beeinflussen im Norden und Süden, im Osten und Westen, in Großstädten und Kleinorten des Vaterlandes. Der Hauptsache nach stimmen sie aber dahin überein: Aufgenommen zur Ausbildung als „Lehrschwestern" werden nur gesunde Mädchen guter Familienerziehung im Alter von. 20 bis etwa 35 Jahren laut Geburtsurkunde, Arztschein, selbstgeschriebenem Lebenslauf. Die Ausbildung erfolgt technisch und ethisch, theoretisch und praktisch im Mutterhaus unter Leitung des Vorstandes, der Aerzte, der Oberin mindestens ein Jahr (meist H/s Jahre) lang, und zwar ohne Kosten fihc die Aufgenommene, falls diese später „Schwester" wird, jedenfalls aber mit Gewähren der Verpflegung, der Dienstkleidung, ja eines Taschengeldes schon während der Ausbildungszeit durch die Anstalt. Nach beendeter Ausbildung und bestandener Prüfung soll die bisherige „Lehrschwester"_ (auch Lehr- pflegerin oder Pflegeschülerin genannt) in den Kreis der ange- fteUten „-Schwestern" eintreten oder Die Ausbildungskosten ersetzen; anderswo Ausgebildete haben vor ihrer Anstellung mehrere Monate hindurch sich als „Probeschwester" zu bewähren. Die Anstellung der „Schwestern" erfolgt auf Lebenszeit, vorbehaltlich freier Kündigung seitens der Schwester oder bestimmt begründeter Entlassung seitens der Anstalt. Da auch Jnvaliditäts- und Altersversorgung seitens der Anstalt erfolgt (andere Krankenpflegerinnen sollen sich aus eigenen Mitteln selbst versichern und die hohe Prämie von ihrem Gehalt bezahlen), so ist diese Berufsstellung der „Schwestern vom Roten Kreuz" vollständig ana- log jedem Staatsamt. Neben völlig freier Station und freier Oberkleidung (sogar ein nicht im Dienst zu tragendes' schwarzes zu schenken), neben Urlaubserleichterungen, Alters- und Jnvali- ditätsversorgung erhält die Schwester vom Roten Kreuz ein bares Gehalt mit jährlich 300—600 Mark; — würde sie so viel in irgend welchem anderen Beruf oder als Hausfrau erübrigen? Dabei sorgt das Mutterhaus für sie, wie nur eine Mutter es zu tun pflegt, und mit ihren Berufsgenossinnen verbindet sie Schwesternliebe! Wenn aber Außenstehende zuweilen glauben, daß der Schwesternberuf dafür auch schwerer sei als jeder andere, so kann ihnen getrost entgegnet werden: Ihr seid mangelhaft informiert, kommt und sehet selbst, überzeugt Euch von dem heiteren Ton und dem zufriedenen, weil befriedigenden Leben in den Schwesternschaften vom Roteir Kreuz!
Wer noch nicht ganz sicher ist, ob ihm der Schwesternberuf in jeder Beziehung zusagen wird, kann es ja zunächst (dann freilich mehr oder minder auf eigene Kosten) ausprobieren in mehrmonatlicher Vorbildung zur „Freiivilligen Hilfsschwester vom Roten Kreuz". Diese Damen verpflichten sich analog den ,,^o- hanniterinnen" nur zur Hilfs-Krankenpflege in Kriegslazaretten oder bei Not im Mutterhaus und zu zeitweiligen Wiederholungskursen für Auffrischung ihrer natürlich noch nicht vollen, m der Not aber immerhin schätzenswerten Vorbildung. Da sie diese ebenfalls in allen Mutterhäusern vom Roten Kreuz er» halten, tun sie leicht tiefere Einblicke in das Schwesternleben und gewinnen es leicht lieber als durch Lesen noch so warm verfaßter Borträge oder Prospekte. Ausbildung als „Freiwillige Kriegskrankenpslegerin vom Roten Kreuz" mit theoretischem Vorbereitungskurs und dann mehrmals vierwöchiger Hebung an Kraukenbetteik in Garnison- oder Gcmeindelazaretten schafft zwar nicht Einblicke in das Schwesternleben, aber die Möglichkeit zil einiger Hilfstüchtigkeit unb jedenfalls zu Kenntnissen, die fürs ganze Leben nützen, selbst bei Wahl eines anderen Berufes oder bei Verheiratung. Ausbildung als „Freiwillige KriegshelferiM bagege» bezieht sich überhaupt nicht auf Krankenpflege, sondern auf andere (besonders ökonomische) Kriegshilfe unter dem Roten Kreuz.
Msv, Ihr Mädchen guter Familienerziehung, kommet zum Roten Kreuz:
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Zur Erläuterung sei noch bemerkt, daß im Großherzogtum Hessen der unter dem Protektorate Sr. König!. Hoheit des Großherzogs stehende Mice-Frauenverein für Krankenpflege vom Roten Kreuz (gegründet 1867), unb zwar der Hauptverem mit dem Sitze in Darmstadt sowie die Zweigvereiue in Mainz und Offenbach (Stadtkrankenhaus) Krankenpflegerinnen voin Roten Kreuz ausbilden und anstelle!!. Die näheren Bedingungen sind bei beit betreffenden Geschäftsstellen bezw. bet der Vorsteherin des Mee-Hvspitals zu Darmstadt zu erfahren. Kr.
VermLs^teI.
* Ein Schildkröten-Duell. Die Schilbkröten gelten als leidenschaftlose Tiere, roeldjent Umstände man ihre Lcmg- jährigkeit zuschreibt. Ein im Londoner „Speetator verottent- lichter Brief zeigt aber, daß die Annahme unricytig ist und daß die Schildkröte auch die Eifersucht und den Haß kennt. Ein Herr Barker in Kew, bei London, besitzt eine Schildkröte, die vor einigen Tagen aus ihrem Winterschlaf erwaaste unb als sie in den Garten gesetzt wurde, dort eine andere Schildkröte fand. Bisher hatte fie den Garten allein bewohnt und als sie nun des Eindrütgliugs ansichtig wurde, ging sie auf ihn zu und biß


