Ausgabe 
26.5.1906
 
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Handarbeit für den Geburtstag der Geheimrätin, beide in einer heimlichen Glücksstimmung, die jedes von ihnen zum Preisgeben ihrer innersten Empfindungen drängte, als Walter, der wie stets die Postsachen abgenommen, den großen Brief in Ruths ausgestreckte Hand legte.

Sie erbrach ihn ohne Hast. Gleich darauf ließ sie das weiße Blatt sinken, farblos bis in die Lippen hinein. Ein Stöhnen rang sich aus ihrer Brust.

Was ist?" fragte Suse, aus süßen Träumereien empor­schreckend.

Ruth reichte ihr den Brief hinüber.

Lies."

Es waren nur wenige Zeilen im Geschäftsstil, die Fräu­lein Meridies mitteilten, daß man sich gezwungen sähe, auf ihre Dienste zu verzichten, weil eine andere Dame die be­treffenden Arbeiten für die Hälfte des Preises auszuführen sich erboten hätte.

Ruth faßte mit beiden Händen an den Kopf und schloß wie in bebendem Entsetzen die Augen, vor die sich ein grauer Schleier zu senken schien. Durch den trüben Hauch sah sie ihr Zukunftsgebäude wanken und fallen, sah sich selbst wieder mit gelähmten Schwingen am Boden.

Mein Gott, mein Gott!" jammerte sie auf,gerade jetzt, wo ich all meine Zeit und meine Kraft für mein erstes künstlerisches Werk brauche jetzt soll ich den Leidensweg von Pontius zu Pilatus von neuem beginnen, nach Erwerb suchen, weil uns sonst die krasse Not ins Haus bricht i meine letzten Ersparnisse reichen gerade nur noch für einen Monat Unterricht ich muß meine Stunden sofort auf- geben."

Das sonst so gelassene Mädchen war ganz fassungslos, von diesem neuen Schicksalsschlage überwältigt.

Suse saß ihr betreten gegenüber. Sie wußte iin Moment weder zu raten noch zu helfen und auch um ihr junges, liebeerfülltes Herz legte sich wie ein eisiger Reif die alte trost­lose Misere ihres Lebens.

Und sie konnte nur trübe mit dem blonden Kopfe nicken, als Ruth nun leise und bitter weitersprach:

Warum haben wir nur so gar kein Glück? Warum kommt auf uns immer so viel schweres? Jst's denn noch nicht genug des Leids? Hab' ich nicht tapfer gekänipft und gearbeitet von früh bis spät, um uns anständig durchzu­bringen, auf alles verzichtet und jetzt soll ich vielleicht scheitern, ehe ich in die Lage komme, mir eine sichere Existenz zu schaffen."

Wenn Du Herrn Hammer ganz offen sagtest" begann Suse zaghaft.

Eine purpurne Welle ergoß sich über das bleiche Mädchen­gesicht.

Niel"

Mit ihrem Stolz erwachte in Ruth zugleich das Be­wußtsein, daß sie Willy Hammer liebte und daß sie gerade deshalb nie ein Almosen von ihm erbitten könnte, wo sie fordern konnte, daß er ihr freiwillig alles gab. Sie dachte wohl an seine herzliche dringende Art, in der er ihr neulich feine Hilfe angeboten, aber schon damals war sie entschlossen gewesen, sie nie anznnehmen. Er durfte von ihrer Not zu allerletzt erfahren.

Es war ein dummer Gedanke von mir!" entschuldigte Suse ihren Vorschlag,ich hab' mir gar nicht überlegt, daß er doch eigentlich ein wildfremder Mann für Dich ist, noch dazu unverheiratet der würde so ein Anliegen gewiß sehr unpassend finden."

Ruth mußte lächeln mitten in ihrem Schmerz. Das Wortunpassend" nahm sich fast komisch aus in Verbindung mit dem rücksichtslosen, freien Künstler, der sich blutwenig darum kümmerte, ob sein Tun der Welt paßte oder nicht. Aber da sie Suse nie ein genaues Bild ihres Lehrers gegeben hatte, so widersprach sie nicht, sondern wehrte ab:

Lassen wir Herrn Hammer bei dieser Sache ganz aus dem Spstl ich werde nachdenken, was ich tun kann, mir aus dieser Schwierigkeit hcrauszuhelfen es muß sich ja ein Ausweg finden."

Sie stand auf und legte die bunte Decke, an der sie mechanisch weiter genäht hatten, zusammen, da die zunehmende Dunkelheit eine Fortsetzung ihrer Arbeit verbot. Es begann

leise murrend zu donnern und vor den Fenstern wirbelten Staub und Blüten vom Winde emporgeweht durcheinander. Dec Himmel hatte ein unheimlich lehmfarbenes Aussehen. Die ersten schweren Regentropfen klatschten auf die Fenster­bleche. Suse hatte die Ellbogen auf das Fensterbrett gestützt und drückte ihr Näschen an die Scheiben.

Wenn es nur morgen nicht regnen möchte."

Hoffentlich nicht, Kleines! Es tät mir herzlich leid, kämst Du um Deinen Ausflug nach Halensee Du hast Dich so darauf gefreut, und es ist doch auch wirklich nett von den Leuten, daß sie Dich dazu aufforderten. Es ist nach Deiner Beschreibung ja eine anständige gebildete Familie, da wirst Du Dich gewiß nach Deinem und meinem Geschmack amüsieren."

Ja, gewiß!" murmelte Suse, froh, daß die Dunkelheit ihr schuldbewußtes Gesicht deckte.

Sie hatte Ruth von einem Ausflug mit der Familie einer Schülerin erzählt in Wahrheit wollte sie wie irgend ein Ladenfräulein von Tietzheim mit ihrem Schatz mal über Land.

Trautendorf hatte so gebettelt um diesen Nachmittag! Sie sahen sich jetzt selten, seit Suse, durch manches, was die Großstadt ihr verraten, aufgeklärt, nicht wagte, bei dem Hellen Licht der Sommertage sich in Berlin mit ihm zu zeigen. Er halte auch nicht mehr darauf bestanden er hatte sie ja viel zu lieb, um sie in Gefahr zu bringen. Aber nach Halensee konnten sie ruhig zusanunen, dort sah sich die Sache schon harmloser an, selbst wenn jemand sie zusammen traf. Sie konnten dann irgend etwas von einer verloren gegangenen Begleitung lügen. Suse war riesig erfinderisch in solchen Ausreden und auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Ruth wälzte unruhige Gedanken und Pläne int Kopfe herum, die sie nicht aussprechen mochte, um den jungen Bruder nicht mit einem Leid zu beschweren, dein abzuhelfen nicht in seiner Macht stand. Sein Anblick verdoppelte zudem noch ihren lastenden Gram. Er sah müde und krank aus die Wangen eingefallen, blaß, die schönen braunen 9(itgcn trübe und matt er wuchs so rasch er hätte kräftige, stärkende Kost gebraucht, anstatt des ausgekochten Fleisches, der wässerigen Suppen und Gemüse desbilligen Mittags­tisches". Dazu der Weg nach der Schule bei der Sommer­hitze, dem Großstadtstaub.

Leise strich sie mit der weichen kühlen Hand über die weiße Knabenstirn. Wenn er sich ihr auch entfremdet hatte, es war doch ihr Liebling, ihr Kind, das sie vom ersten Atemzug an behütet tmd gepflegt hatte.

Fühlst Du Dich krank, Walter?"

Nein, nur müde, Ruth, so sehr müde! Wie Blei liegt mirs ost in allen Gliedern! Wenn ich doch bloß noch ein einziges Mal so lustig in den Feldern herumlaufen könnte, wie in L. Weißt Du, wenn wir Kornblumen pflücken gingen, nach Netzdorf zu, und Erdbeeren suchten im Stadtwäldchen, ich werde gewiß nie mehr einen Wald sehen und Berge, wie unsere Sudeten daheim und frische Luft atmen hier ist überhaupt keine Luft in den Straßen, nur Hitze und Staub."

Eine rührende Klage sprach aus seinen letzten Worten. Ruths Hand begann zu zittern, sie ließ die Arbeit ruhen. Es war nicht eine Faser an ihr, die nicht zuckte vor Schmerz. Nicht erst in dieser Minute, seit Wochen schon war es ihr klar, daß Walthers Gesundheitszustand dringend eine Er­holung, eine ernstliche Kur verlange. Aber woher das Geld für eine Sommerfrische nehmen, da sie mit Mühe und Not das alltägliche Leben fristeten? Und nun gar jetzt? Die ganze Misere ihres Daseins überkam sie mit einer solchen Wucht, daß sie kein Trostwort für den Bruder fand, kein heiteres Versprechen.

Er schien es nicht erwartet zu haben, er lag still mit geschlossenen Augen, als ob er schliefe.

Das Gewitter war vorübergezogen.

Suse stand auf und öffnete beide Fensterflügel. Die Luft hatte sich nur wenig abgekühlt. Ein feuchtwarmer,