1806
t
168
>r|ii nLgSGa UWZ-.
vj
lk
sTTOu Ä^Ä-Khi^
UHrWW»
8L
bie schwer- Manne vor durch eine
Miliellose Mädchen
Roman von H. E h r Hard t.
(Nachdruck Verboten.)
(Fortsetzung.)
Irgend etwas von dem „Kismet", an das fälligen Orientalen glauben, ließ sie in dem sich ihr Schicksal sehen. Hatte sie ihn nicht merkwürdige Fügung ivtedergefunden, nachdem sie damals sein Entschwinden mit solch zuckendem Herzen betrauert hatte? Vorerst ja nur im Interesse ihrer Kunst betrachtete sie dieses Wiederfinden als ein besonderes Glück. Er: hatte entschieden ein großes Lehrtalent, was mit bedeutendem Können nicht durchaus Hand in. Hand zu gehen Pflegt. Und er verstand es, nicht zuletzt durch seine Rücksichtsloslg- keit in hohem Maße ihren Ehrgeiz zn wecken, ihr Streben rege zu erhalten. Sie bewunderte noch immer staunend und ehrfurchtsvoll den Künstler in ihm, bent nachzueifern ein herrliches Ziel bot.
Heute zum erstenmale gefiel er ehr aua) als Mann. Unter ber rauhen Schale lugte der edle Kern hervor. Seine Worte, die Weichheit seiner Stimme verrieten ein warmes Herz. Es fiel ihr auf, daß seine Augen ehrlich und gut waren, wenn sie wie im Moment ernst und fragend an
ihrem Gesicht hingen.
Sie sah ihn an, als wolle sie rhm bls auf den Grund der Seele dringen, prüfen, ob sein Wesen echt sei, ob er ihres Vertrauens wlirdig war. Tiefaufatinend sagte sw dann: . , t .
„Ich danke Ihnen, Meister — Sie sind sehr gut — aber fürs erste bedarf ich keiner Hilfe. Ich komme nut meinen Geschwistern nicht leicht, aber immerhin ganz gut durchs Leben."
Sie stockte und leichte Röte färbte rhre Wangen, als sie weitersprach:
„Seien Sie nicht böse, tvenn ich «re bitte, mich Nicht in meiner Wohnung zu besuchen. Wir Geschwister sind elternlos, meine Brüder noch sehr jung — es schickt sich nicht für uns, Herrenbesuch zu empfangen. Lachen Sie mich aus, aber es gibt anerzogene Schicklichkeitsbegriffe, über die der Mensch nicht hinaus kann."
Er ließ ihre Hände langsam aiis den seinen gleiten.
„Schade!" murmelte er nachdenklich, und es war nicht recht zu ersehen, ob er die Abweisung seines Besuches damit meinte oder die Tatsache, daß sie noch immer nicht mit den altmodischen, prüden Anschauungen ihrer Kreise völlig gebrochen hatte.
In ihr zitterte das Wort noch lange nach. Es hatte solch grenzenloses Bedauern darin gelegen. Er war auch zerstreut und einsilbig gewesen, als er sie bis zur Haltestelle „ihrer Elektrischen" begleitet hatte. Ziemlich hastig hatte er sich von ihr verabschiedet, aber sein Händedruck war sehr fest, fast schmerzhaft gewesen. Sie fühlte den Druck
in Gedanken immer wieder mit eigentümlichem heimlichem Erschauern.
Ein drängendes unruhiges Gefühl quälte sie und ließ, sie die kurzen,' heißen Sommernächte durchwachen.
Willy Hammers Gestalt schlich sich heimtückisch in ihre fiebrigen Gedanken, drängte sich ihr immer wieder auf, bis sie es müde war, sie zu verscheuchen, sondern sich in süßer Willenlosigkeit sein Bild vor Augen schweben ließ, den fesselnden'Reiz desselben halb unbewußt mit sehnsüchtiger Freude genießend. Sie liebte ihn lange, bevor sie selbst es zu ahnen begann.
So entschieden hatte sie daran geglaubt, daß ihr Herz keines zweiten Liebesfrühlings fähig sei, daß sie die Gefühle, welche Willy Hammers Persönlichkeit in ihr weckte, immer noch mehr der Bewunderung seiner Kunst zudiktierte, als dem Zärtlichkeitsempfinden für ihn selbst.. Dazu kam noch der leichte Rausch, der jedes, selbst das stolzeste und ernsteste Weib überfällt, wenn sie sich von einem noch dazu bedeutenden Manne begehrt sieht. Und ebenso bleibt für diese Tatsache kein Weib blind.
Ruth Meridies wußte, daß sie dem „Meister" gefiel, daß er sich um ihre Gunst bewarb. Sie sah seine heißen, dunklen Augen ausleuchten, wenn er beim Betreten des Ateliers ihrer ansichtig wurde, sie hörte es aus der liebkosenden Weichheit seiner Stimme, wenn er das Wort an sie richtete. Er kam jetzt fast täglich zur Korrektur und wußte es geschickt so einzurichten, daß er Ruth beim Fortgehen begleiten konnte.
Zuerst nur bis zur Elektrischen — bald aber bettelte er noch, sie solle doch ein Stückchen weiter mit ihm gehen, er verleitete sie schließlich zu einem Umweg durch den Tiergarten und seine stets in zurückhaltendem Ton geführte Unterhaltung, die fetten etwas von heißeren Gefühlen verriet, wiegte sie bald ganz und gar in Sicherheit. Sie irebete sich ein, daß sein Interesse an ihr doch wohl nur'ein freundschaftliches sei, daß ihr daran völlig genüge und daß diese Spaziergänge zu Zweien sehr harmlos seien. Sie wurde ruhiger. Das drängende Gesühl in ihrer Brust wich einer wohltuenden Sicherheit.
Sie hatte lange mit Anspannung all ihrer Kräfte auf der Lauer gelegen, einen heimtückischen Angriff des Sieggewohnten abzuwehren, nun er sich in strenggezogenen Grenzen hielt, gab sie sich aufatmend der erschlaffenden Gewißheit des Waffenstillstandes bin.
Aber etwas schwüles, lähmendes lag doch über dem heimlichen Zauber dieser Sommertage, die verdächtige Stille vor dem Sturm.
7.
Der kam zuerst von einer Seite, von der sie ihn am wenigsten erwartet hatte. An einem trüben, gewitter- drohenden Wend brachte der Postbote einen großen Brief in grünlichem Geschäftsumschlag mit dem Firmenaufdruck r A. Tietzheim und Ruths Adresse.
Die Schwestern saßen gerade über einer gemeinsamen


