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Frau in Wien auf. Und dann wollen wir anstoßen wie jetzt: excelsior, Hainmer — dem Wahren, Edlen, Schönen! . . ." Die Gläser gaben Wohlklang, und die Männer reichten sich die Hände. —
Zwei Stunden später saß Arenstein irn Eilzuge, um nach Bisingen zu fahren. Schwere Zeiten lagen hinter ihm, noch schwerere hinter Freda. Gleichwie in stillem Einverständnisse hatten die beiden sich auch nach der Flucht Fredas weder brieflich noch persönlich genähert. Heros ivar in Berlin geblieben. Er wartete auf den Kartellträger Eugens; obwohl keine offensichtliche Beleidigung vorlag, glaubte er doch, Frchlinghaus werde ihn brüskieren und dann vor die Pistole fordern. Aber er wartete vergebens. Nach und nach erfuhr er, was sich begeben hatte. Der Graf hatte sich von seiner Prinzessin getrennt, die Prinzessin war von Berlin verbannt worden. ES kamen allerhand unangenehme Geschichten an den Tag; am Kaiserhofe mochte man das Empfinden haben, daß die Anwesenheit dieser eigentümlichen Wohltäterin kompromittierend zu werden beginne. Die Prinzessin verschwand; nur Herr von Seeben h-örte einmal von ihr. Dem hatte sie ihr großes Oratorium zugeschickt, Dichtung und Partitur; er sollte es orchestrieren rind aufführen lassen. Seebeir hatte erzählt, die Zwischenakte seien rvohlgelnngen und das Finale sei eine Hauptfreude; im Ernst: das Ganze rvirke wie parodistisch und sei eigentlich eine ungeheuerliche Blasphemie. Es lag im Archive des Prinz Ferdinand-Theaters, im untersten Fache eines großeir Schrankes; da rvohnte eine dicke Spinne, die zog ihr Netz über die Partitur.
Auch der Prinzessin Hofmarschall war verschwunden. Sein Haus war geschlossen; „verreist", sagte der Portier, aber er hatte keine Adresse. Von einem befreundeten Offizier im Militärkabinett hörte Heros gelegentlich, Frehlinghaus habe sich um Wiederanstellung in der Armee und zwar bei der Kolonialtruppe bcivorben. Später habe er sein Gesuch zurückgezogen, da er sich in Ostafrika anzukaufen gedenke. Und wieder von anderer Seite, vom Justizrat Brandes, ver- nahm Heros, daß die Scheidungsklage des gräflichen Ehepaars eingereicht sei, unter der Motivierung beiderseitiger „unüberwindlicher Abneigung". Zu keinem der angesetzten Termine waren die Parteien erschienen, so daß die Angelegenheit ihren gesetzlichen Lauf nahm.
Arenstein wartete weiter. Er hegte doch die hciinliche Hoffnung, Freda werde gelegentlich ein Lebenszeichen von sich geben. Statt dessen traf eines Tages ein Telegramnr von der Fürstin ein: Heros möge sofort nach Bisingen kommen. Was war geschehen? — Die alte Fürstin hatte Freda in ihrer gut gemeinten, lamoryanien und übertriebenen Art und Weise so lange zugesetzt, sich wieder mit Frehlinghaus zu vereinen, bis die arme Fran in ihrer nervösen Erregung sich zu einem verhängnisvollen Schritt verleiten ließ. Ihre Zofe mußte heinilich ihren Schmuck verkaufen, und dann floh sie zum zweiten Male, wieder unter Zurücklassung eines Briefes: sie ertrage das Leben in Bisingen nicht länger und nehme bis zur Entscheidung über ihre Freiheit in einem Sanatorium bei Konstanz Ouarticr.
Heros sprach sich seiner Tante gegenüber offen aus, und nun geschah etwas, was er nicht crivartet hatte. Die Fürstin fiel ihm schluchzend um den Hals und erklärte unter strömenden Tränen: das sei ja eine ganz andere Sache — Heros sei ihr natürlich ein hundertmal lieberer Schwiegersohn als Frehlinghaus. Bei Heros wisse sie Freda in bester Hut, und nach dem Tode des Walsungers sei er ja auch ein reicher Mann geworden, und Frehlinghaus sei ihr eigentlich immer gräßlich gewesen, und Freda sei ein kleines Schaf, daß sie der eigenen Mutter nicht einmal ihr Herz ausgeschüttet habe . . . Das Ende war die flehentliche Bitte: Heros möge nach Konstanz fahren und Freda zurückholen.
Arenstein fand das geliebte Weib in so banger Gemütsverfassung vor, daß er ernstlich für ihre Gesundheit fürchtete. Sie trat ihm wie eine Wildfremde entgegen, mit großen, starren, grünen Augen, und als er seine Arme öffnete, flüchtete sie scheu in eine Ecke des Zimmers. Er mußte seine Selbstbeherrschung wahren und seiner liebenden Zärtlichkeit
Gewalt antun und mußte schließlich seine ganze Ueber- redungskunst aufbietcn, um die arme Kranke zu bestimmen, ihn nur anzuhören. Sie weigerte sich fest, eher nach Bisingen zurückzukehren, ehe nicht die Scheidung ausgesprochen sei, und als Heros ihr unüberlegt sagte, der Mutter Stimmung sei umgeschlagen, sie wisse nun alles und begrüße die Wandlung der Geschicke als eine willkominene, da schrie Freda auf: „Allniächtigcr, so bin ich doch eine Verworfene!" und brach ohnmächtig zusammen. Heros sprach mit dem leitenden Arzt der Anstalt, einem vernünftigen, klaren, auch weltklugen Mann. Der Zustand FredaS war nicht gefährlich: sie bedurfte nur unbedingter Ruhe. Die schwarze Idee ihrer Schuld an dem Unglück ihrer Ehe beherrschte sie völlig; in ihrer Liebe zu Heros sah sie ein Verbrechen. Sie hielt an bcm Gedanken fest, sich eine eigene Existenz zu schaffen, wollte sich zur Oper ausbilden lassen und nahm eifrig Gesangsunterricht. Gegen diesen hatte der Arzt gar nichts; im Gegenteil, er hielt den ablenkenden Einfluß der Musik für günstig. Auch er sprach sich entschieden gegen eine vorläufige Rückkehr nach Bisingen aus und sagte Heros informierende Nachrichten über das Befinden der Kranken zu.
(Fortsetzung
Inrkscher Adel in Kunst uud ^iteraiur.
Sind um die Jahreswende die neuen. Bände der verschiedenen Publikationen genealogischen Inhaltes und allerhand amtliche Nachschlagebücher erschienen, in denen so manches zwischen den Zeilen zu lesen ist, so bietet sich leichte Gelegenheit, ein Bild davon zu gewinnen, welche soziale Stellung der deutsche Adel, wenn man von einem solchen als von einer großen und ge- schlossenen Gesamtheit überhaupt noch sprachen kann, heutigen Tages einnimmt. Und man wird daun zu der Erfahrung gelangen müssen, daß cs kein einziges Gebiet menschlicher Tätigkeit mehr gibt, ans dem nicht deutsche Adlige tätig sind. Man begegnet ihnen aus sämtlichen Sprossen der sozialen Stufenleiter und in allen Berufszweigen, den höchsten wie den niedrigsten.
Es wäre nun gewiß eine interessante Ausgabe, einmal zu untersuchen, wie der moderne deutsche Mel sich zu den freiesten der freien Berufsarten, den bildenden Künsten und der Literatur verhalt, und welchen Anteil er nimmt an dem geistigen Leben der Nation, insbesondere an den starken Strömungen uud Bestrebungen, die in den letzten Jahrzehnten hier entstanden sind uud zweifellos, mag der Einzelne dann und ivann über das Ziel hinausschießen, neue und verheißungsvolle Bahnen eröffnet, die Summe unserer künstlerischen Anschauung und unseres künstlerischen Vermögens um bis dahin unbekannte oder unerkannte Werte vermehrt haben. Eine Aufgabe, über die ein wenig zu plaudern um so mehr reizt, als sic kürzlich von einer anderen Seite zum Gegenstände einer geistreichen, aber inr Grunde verfehlten Darstellung gewählt worden ist.*)
Es mag unerörtert bleiben ob wirklich, wie der Verfasser sagt, der deutsche Adel auf sozialem uud politischem Gebiete heutzutage so wenig leistet. Aber wenn er sich der Literatur zuwcndet, und schreibt, daß im Bereiche der Dichtkunst die Adligen stets nur sehr dünn gesät gewesen seien, so heißt das doch, die Dinge so ziemlich ans den Kopf stellen. Man könnte eher ein ganzes dickes Buch über den deutschen Adel in der Literatur und speziell in der Dichtkunst schreiben. Man könnte daran erinnern, daß Heinrich von Kleist der Sprößling eines pommcrschen Junkergeschlechtes war, und daß in der nnchklassischcn Periode die Söhne adliger deutscher Familien in den ersten Reihen der Dichter standen. Es genügte, die Namen Pl aten, Leu au, H ard en- berg, S a lis zu neunen und E ichendorff, S tr a chwitz, A u e r s p e r g, Alexander v. Württemberg, R e d >v i tz anzuschließen, um so zu unseren Tagen herüberzuleiten, wo die Zahl der schriftstellernden uud dichtenden Adligen nllnuihlich außerordentlich groß geworden ist. Gewiß überwiegt die Spreu hier den Weizen, aber es geht doch nicht gut an, die Tatsache einfach zu ignorieren, daß der Adel z. B. in bcm Fach der Literatur, das immer noch das populärste ist uud wo die engste Fühlung zwischen den „Schaffenden" und der breiten Masse des Volkes besteht, nämlich in dem des Romans, augenblicklich geradezu vorherrscht. Die sehr ungleichartige geistige Kost, die das deutsche Lesepublikum auf diesem Wege empfängt, stammt zu einem ganz bedeutenden Teile von .adligen Schriftstellern her. Und neben O m P t e d a, Keyserling und P o l e n z, die unser Verfasser citicrt, lassen sich Wolzogen, die beiden Perfall, die beiden Zabeltitz, Baud iss in, Sten gl in, Sczczepanski und noch viele, viele andere nennen. Und dann welche Legion schriftstellernder adliger Weiblein, deren Romane und Novellen in allen Buchläden auslicgen, in allen Zeitungen zu finden sind,—- als da sind! die Kl in cko wstr o em,
„Ter deutsche Wel und die Küpst." Von I. Bab.


