fielt schmalen, engen Raum, tu dein die beiden Brüder schliefen. Es huschte über den dunklen Lockeukopf des Jüngeren, über seine schlafgeröteten Wangen, die ruhig atmende Brust.
„Mein Liebling!" flüsterte das schöne Mädchen bewegt. Warme, mütterliche Zärtlichkeit floß beruhigend durch ihr wundes Herz.
Aber schon weckte lautes Stöhnen sie ans ihrer träumerischen Versunkenheit zur häßlicheu Wirklichkeit. Heinz? -Ob er krank war? Jur selbeu Moment, da sie das fast niedergebrannte Kerzcheri höher hob, um nach beut Bruder zu sehen, siel's auch schon wie ein grelles, wehtuendes Licht tu ihre Gedanken, das ihre geheimen, längst gehegten Befürchi- tungen bestätigte, noch ehe ihre Augen das Bild vor sich richtig erfaßt hatten.
Heinz lag völlig migekleidet auf seinem zerwühlten Bette, ruit der nur Bewußtlosen oder schwer Betrunkenen eigenen Aufgelöstheit der Glieder. Seinem weitgeöffneten röchelnden Munde entquoll widerlicher Bier- und Zigarren- gerrrch. Förmlich geschüttelt vor Ekel starrte Ruth auf ihn nieder. Sie hätte ihn rütteln, ihn emporreißen mögen, ihm verzweifelnd in die Ohren schreien, tote maßlos er sich an seinen ahnungslosen Eltern versündige, die darbten und sparten, nm ihm einmal eine sichere Stellung in der Welt schaffen zü können.
Aber die schon ausgestreckte Haud sank schlaff herab. Er toürde sie ja gar nicht verstehen in der Berfassung, in der er sich befand, ja kaum zu erwecken [ein. Es' war nutzloses Beginnen.
Tie kleine Kerze verlöschte knisternd. Durch die T-mikel- heit klang unheimlich das laute Stöhnen des Betrimkenen Md der schwere schluchzende Atem des Mädchens, in dessen feeele tiefere Schatten lagen, als je eine Nacht, und sei sie noch so dunkel, sie zu zeichnen vermag.
6.
Es waren schreckliche Tage, die diesem Abend folgten. Ruth hatte am nächsten Morgen noch die Entdeckung gemacht, daß ihr von dem genau gezählten Wirtschaftsgelde zwei Mark fehlten. Sie brauchte sich nicht den Kopf zu zerbrechen, ivo sie geblieben waren, sie sah auf einmal ganz klar und das Entsetzen über ihre Wahrnehmung übertraf an Stärke noch das der Nacht. Ihr Bruder ein Dieb! Nicht nur faul und leichtsinnig, nein, schon so tief gesunken, daß er sich au fremdem Eigentum vergriff. Wer wttßte es, ob er nicht etwa auch schon in der Schule — ? Alle Weichheit und Güte tu ihr erstarrten vor dem Gespenst der Schande, das des Bruders Tun drohend vor ihr aufrichtete.
Nach Tisch folgte sie ihm in sein kleines Zimmer. Ihre Stimme war hart und kalt wie nie, als sie ihm mit verächtlichen Worten seine Tat auf den Kopf zusagte. Vielleicht wäre ihr Einfluß aus ihn größer gewesen, hätte sie mehr ihren Schmerz als ihre Erbitterung sprechen lassen.
So weckte sie fürs erste nur seinen knabenhaften Trotz, mit dem er sich, ohne zu leugnen, doch wild gegen den Tadel der Schwester auflehnte.
Alles Gärende dieser unreifen, unzufriedenen Knabenseele kant ginn Ausbruch.
«Nu ja, schimpf nur wieder, schlag' mich meinetwegen!" knirschte er, die Fäuste ballend, „schlag' mich am besten gleich tot. Was hat denn unsereins von dem elendeit Leben? Kaum satt zu essen wagt man sich, wenn man doch sieht, wie's nicht hin und her reicht, und abends möcht' man in der kalten Bude hier noch büffeln und in der Schule sehen sie mich scheel an und lachen, weil ich geflickte Hosen trage und ausgewachsene Jacken und alle haben sie belegte Brote mit und kriegen Taschengeld und unsereiner hat nie eilten Pfennig in der Tasche und Butter aus dem Brot, daß sie mit der Lupe gesucht werden muß. Und gestern haben toir ein Fest feiern wollen, weil unser Lehrer im Deutschen, das Ekel, versetzt ist und alle haben Geld dazu gegeben, nur ich hatte keins." '
„Und da wurdest Tu zum Dieb!" sagte Ruth streng, aber mit bebenden Lippen, „ja, sag', hast Tn denn fein Gefühl, wie sündhaft, wie entehrend das ist, tausendmal entehrender, als geflickte Hosen und unbelegte Butterbrote. Siehst Du beun nicht, wie bie Eltern, tote wir Schwestern uns alles versagen, damit nur aus Euch Jungen etwas werden soll. Denkst Du, ich wäre nicht auch lieber im Reichtum geboren, anstatt mich mit einer Misere herum
zukämpfen, von bereu Größe Tu trotz allem ja! noch keine Ahnung hast. Heinz!" ihre Stimme würbe mühsam in unterbrücktem Schmerz, „versprich mir, baß Tu tapfer sein willst, baß Tn bett Versuchungen Deiner Freunde nicht mehr unterliegst, sieh, Tu bist ein Junge, damit ist Dir die Macht gegeben, Tir noch einmal die ganze Welt zu erobern!"
(Fortsetzung folgt.)
Dem Waßrerr, Edlen, Schönen.
Ein Großstabtroman von F e b o r v. Z o b e l t i tz.
lNachdrnck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Doch nicht, Baumeister. Setzen Sie ein Telegramm an ihn auf. Berufen Sie ihn her; vielleicht kann er kommen. In diesem armen kleinen Kerl steckt tausendmal mehr .Wahres, Schönes und Edles' als in der ganzen Sippe Ihrer Mäeene zusammen."
„Ich will es versuchen und das Telegramm aufsetzen. Aber es wird nichts fruchten. Das eine weiß ieh: ich werde mein Theater nicht mehr sehen können, wenn sich erst die Erniedrigung vollzogen hat. Mein Herz würde springen. Agnes, mein Lieb, rüste: wir ziehen nach Wien. Zwei feste Privataufträge sind mir von dort schon geworden. Die Entscheidung über den Bau des neuen Volkstheaters steht freilich noch aus; aber auch, wenn meine Pläne nicht akzeptiert werden sollten — hier bleibe ich nicht. Ich sehne mich nach stärkender Luftveränderung."
„Ich bin, wo du bist", sagte Agnes liebevoll, und Heros meinte: „Es wäre unrecht, wenn Sie in Groll scheiden wollten, Hammer. Alles in der Welt vollzieht sich nach und nach, allgemach, in steigender Entwicklung. Vom Karren des Thespis bis zu den Tragödien des Aeschylos war ein weiter Weg. Es wird auch einmal die Zeit kommen, da der regenerierte Volksgeist über das Luxusbedürfnis triumphiert. Sie selbst haben, wenn ich Sie recht verstehe, Ihre Ansichten gewandelt: Sie tragen sich mit dem Bau eines Volkstheaters, ich denke mir, in dem Sinne, wie schon das Dionys- Theater zu Athen als solches gedacht war. Und ich glaube, Sie sind da auf rechten Wegen. Die Kunst ist nicht Selbstzweck, wie man gern predigt; sie hat sogar ihre eminent praktischen Ziele. Dient sie allein der Unterhaltung und macht sinnliche Mittel zum Zweck, so ist es klar, daß sie der Entartung anheimfallen muß. Ihr Heiliges behält sie nur, wenn sie die ethische Empfänglichkeit steigert und mitwirkt an der Kulturerziehung des Volks. Des ganzen Volks, nicht der oberen Zehntausend. Und so wünschte ich wohl, Ihr neues Projekt würde zur Tat und die von der Peretti gewünschte Inschrift an anderer Stelle zur Wahrheit. Im übrigen: wenn auch Priestap nicht helfen kann, so lassen Sie die Sache gehen. Das Leben bringt so viele Enttäuschungen, daß es auf eine mehr nicht ankommt. Und Sie sind Gott sei Dank eine elastische Natur und haben ein prächtiges Weib zur Seite und nun auch, wie ich aus Ihrer Anzeige ersah, einen kräftigen Buben."
„Er hat Anlage zum Preisringer", sagte Hammer, „er boxt auch schon, er macht mit viel Kummer. Sein Sinn ist mehr auf das Physische gerichtet als auf das Innerliche."
„Das bestreite ich", nahm Frau 9(gneS das Wort; „er ist zwar etwas vierschrötig, und wenn ich ihn baden will, knufft er; aber dennoch: sein Geist wacht schon auf. Er hat neulich ein Zeitungsblatt vor sich gehabt, und plötzlich zerriß er es; und als ich nachsah, merkte ich: es stand ein neuer Vortrag del lofbaumeisters Waldemar Henkel darinnen."
Man lachte, und Hammer fragte bedeutungsvoll: „Nun, Durchlaucht — und Sie?"
Heros errötete leicht. Er nahm von dem Wein, den Agnes ihm präsentierte, und stellte das Glas neben sich. „Ich sehe, Sie wissen Bescheid", sagte er; „ich bin auf dem Wege, mir mein Lieb zu holen. Die Scheidung ist ausgesprochen worden, Frehlinghaus weilt in Afrika. Vielleicht suche ich Sie im kommenden Winter, wenn Politik und Landwirtschaft mir die Rast gewähren, einmal mit meiner


