1906
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Mittellose Mädchen.
Noina» von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Und plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, steht er vor ihr.
„Darf ich bitten?"
Sie sieht seine Augen blitzen. Was' steht nicht alles darin? Bewunderung, Leidenschaft, ein jäh erwachtes Hoffen? Mit zitternden Gliedern erhebt fte sich. Schon legt sein Arm sich um ihre schwankende Gestalt. Und während er sie gewandt, durch das Gewühl der Tanzenden führt, fühlt sie nichts als das sichere, geborgene Gefühl, mit dem sie in seinem kräftigen Arm ruht. Tie Bewegung des Tanzes rötet ihre Wangen. Das erregte Blut braust in ihren Ohren, klopft an ihre Schläfen. Nun beugt er sich tief zu ihr herab. Sein heißer Atem umwehrt ihre Stirn. Durch das Brausen in ihrem Ohr hört sie seine hastig hervorgestoßenen Worte:
„Ich reise morgen fort von hier, — Ihretwegen, Ruth!" Merkt er ihr Zusammenzucken, ihren jäh aussetzenden .Herzschlag?
Leidenschaftlicher fährt er fort: „Aber es kostet Sie ein Wort nur, Ruth und — ich bleibe. Wollen Sie es nicht sprechen? Darf ich bleiben, Ruth?"
Bor ihren Augen beginnt der ganze Saal zu wanken.
„Nein", flüstert sie mit fliegendem Atem, „es ist besser, Sie gehen. Ich werd's Ihnen danken."
„Dann leben Sie wohl, nteiit gnädiges Fräulein."
Sie sind vor ihrem Platze angelangt, brüsk läßt er sie frei. Seine Verbeugung hat in ihrer gesuchten Höflichkeit etwas Verletzendes. Sie hat mechanisch die Hand aus- gestreckt. Nach einem flüchtigen Druck läßt er sie fallen. Wie durch einen Schleier sieht sie seine stattliche, schlanke Gestalt, sein ernstes Gesicht — dann ist er verschwunden. Einer Statue gleich, in ihrer marmornen Blässe, bleibt sie zurück.
Ihr ist noch immer schwindlig, aber ihr Denken ist klar, scharf umrissen — sie weiß genau, daß in dieser Stunde das Glück ihr noch einmal, ein letztes Mal die Hand gereicht und daß sie es von sich gestoßen hat. Sie erschauert inmitten der schwülen Glut des Ballsaales. Die ganze Leere ihres Daseins gähnt ihr entgegen. Wild bäumt die fordernde Jugend sich in ihr auf.
„Noch ist es Zeit!" drängte ihre Stimme, „rufe ihn zurück."
Ein erbitterter Kampf erhebt sich von neuem in ihrem Herzen, über dem der trostlose Kries des fernen Bruders dnstert. Soll sie's tun?
Tie kostbare Zeit verrinnt. Sie tanzt wieder und wieder, wie um sich zu betäuben.
Oben in der Musikloge verstummen die Klänge des Walzers. Tja tcyizenden. Kaare lösen sich v!on einander,
schreiten lachend und plaudernd zu ihren Stühlen, die Herren eilen ans Büffet, sich und ihren Damen eine Erfrischung zu verschaffen. Ruths Blicke folgen mechanisch dem 6intteit Getriebe und bleiben dann auf einer Stelle haften. Sie sieht jetzt direkt in eins der raucherfüllten, dicht besetzten Nebenzimmer hinein. Dem Eingänge gegenüber lehnt ihr Vater zusammengesunken in einem Stuhle, Ist es das grelle Licht der Gaskrone über seinem Haupt, das so tiefe Schatten in sein Gesicht zeichnet? Erschreckend alt und verfallen kommt ihr seine Erscheinung vor und eine heiße, schmerzhafte Angst löst den Kampf in ihrer Seele ab.
Ihr armer, müder Vater! Nein, sie durfte ihn nie verlassen. All die großen Sorgen, die kleinlichen Aerger- nisse, die sie ihm jahrelang mit List und Aufopferung ferngehalten hatte, würden dann über den kränklichen, abgearbeiteten Mann herstürzen, seinen Lebensabend noch mehr zu verbittern. Und die Mutter, Suse, die Brüder, die sich instinktiv alle an sie klammerten, die sich ebenso au den Mann ihrer Wahl klammern würden. Ter Gedanke allein trieb ihr die Röte der Scham in das schöne Gesicht. Lieber verzichten mtf eigenes Glück! Und da ihr Opfer gebracht war, wollte sie es auch freudig tragen.
Sie konnte noch lachen an diesem Abend. Sie saß bei Tisch neben einem hübschen, übermütigen Infanterie-Offizier, der ans einer nahen Garnison zum erstenmal in dem Kreise erschienen war. Er huldigte ihr sehr und sprach viel törichtes, aber liebenswürdiges Zeug. Ruth hatte fieberisch leuchtende Augen und war lebhafter als sonst, aber ihre Wangen waren blaß.
Hans Klausen hatte die glückstrahlende kleine Trude neben sich, auf die er forciert ausgelassen einredete. Sie kicherte beständig und er lachte zuweilen laut mtf und alle Augenblicke stießen sie mit ihren Sektgläsern an. Es sah ganz so aus, als ob sich eilte Verlobung vorbereite.
Und der große blonde Offizier neigte sich zu Ruth und machte sie auf das Pärchen aufmerksam.
Sie sah hinüber.
„Warunr auch nicht?" sagte sie lächelnd, während der Anblick dort sich wie ein Schwert in ihre Brust senkte, „Sie passen ja so gut zusammen."
*
Als sie tief in der Nacht mit den Eltern nach Haus« kam, hatte sie sich auch mit dieser Gewißheit abgefunden. Er wollte sie möglichst rasch vergessen und sich ein anderes. Glück suchen. Durfte sie's ihm verdenken? Sie war schon zu müde, um sich noch auflehnen zu können. Sie ergab sich jetzt widerstandslos. Nur eine dumpfe Sehnsucht kam ihr plötzlich nach irgend etwas Weichem, Lieben — und die trieb ' sie an das Bett des jüngsten Bruders. Es war ihr, als ruhe in ihm ihre Zukunft, die Erfüllung all' dessen, was ihr das Leben schuldig gebliebeu.
Tas Licht der kleinen Wachskerze beleuchtete unsicher:


