Ausgabe 
26.2.1906
 
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für dieses Fasten ist sogar am zehnten Monatstage nur eine Mahlzeit ohne Salz und dann die nächste Mahlzeit erst am Nachmittage des zwölften Tages wieder gestattet. Ferner sind die Neu- und Bollmondtage gleichfalls Fasttage, jedoch wird die Beschränkung auf die Morgenmahlzeit an diesen Tagen als genügend angesehen. Nächstdem folgen die Fasten an gewissen Festtagen, beispielsweise an Kicischnas Geburtstag wegen der Leiden seiner Mutter bei der Geburt des Sohnes vom Anfang der Sonne bis Mitte des Nachts, zu welcher Zeit die Geburt vor sich gegangen sein soll nur im äußersten Durste ist etwas Gangeswasser erlaubt, am Festtage des Ganesa, des Gottes des Gewinnes, für welches fasten gleichfalls eine Legende eintritt, und an anbeteit Festen der Götter. Das Heraufkommen des Mondes, der am Feste des Ganesa in feierlicher Weise be­trachtet wird, schließt meist die betreffenden Fasten. Zu diesen allgemeinen Fasten treten aber nun zahlreiche andere als Reinig­ung und Buße für die verschiedenen Vergehen gegen die Gebote des religiösen und des Sittengesetzes hinzu. Das gewöhnliche Bußfasten, das man alljährlich zur Sühne von unwissentlich begangenen Eßsünden vornehmen soll, ist das zwölstägige Fasten: in den ersten drei Tagen darf man nur einmal des Tages essen, in den drei folgenden nur einmal des Nachts, in den drei letzten muß das Essen gänzlich Wegfällen. Sehr zerknirschte Büßer haben mit diesen zwölf Tagen noch nicht genug, sondern fasten gleich das ganze Jahr, sodaß sie zum Skelett abmagern. Noch andere wissen selvst in das Bußsasten eine recht originelle Abwechselung zu bringen. Da ist zunächst das Essen nur an einem jeden dritten Abend während der Tauer eines Jahres, an jedem zweiten während dreier Jahre; das Essen erst an jedem vierten Abend wird als ein hochverdienstlicher Einsiedlergebrauch betrachtet. Bei unvorsätzlicher Tötung einer Küh und einem ihr gleichstehenden BerDechen dürfen wegen der erforderlichen dreimonatlichen Buße einen Monat lang nur in Wasser gekochte Gerstenkörner verschluckt, die übrigen zwei Monate hindurch nur jeden zweiten Abend wildwachsende Körner in ge­ringen Mengen genossen werden. Drei Tage lang gekochte Gersten­körner zu esseu, gilt als das geringste Bußfasten, doch dehnt sich diese Buße bei größeren Vergehen auch auf ein ganzes Jahr aus. Dieheiße Buße" besteht nach Carl Haberlandtlieber Gebräuche und Aberglauben beim Essen", darin, sich nach einander je drei Tage mir von heißem Wasser, heißer Milch, geklärter! Butter, heißer Luft zu ernähren, oder nach einer anderen Ver­ordnung je einen Tag heiße Milch, Butter, Wasser zu genießen und dann einen Tag zu fasten; dieschöne Buße" verlangt die BesFjränkung der Nahrung für je einen, in verstärkter Form für je drei Tage, auch Öelkuchen, Schaum von gekochtem Reis, Buttermilch, Wasser und gemahlenem Reis, nächstdein ein ein­tägiges volles Fasten. Sehr beliebt ist ferner die Tschandrahana genannte Buße; bei dieser beginnt man am Tage des Vollmonds bis 15 Mundvoll Speise und geht einen jeden Tag um einen zurück, so das; man nach Neumond fastet und dann ebenso wieder emporsteigt, oder aber man beginnt in umgekehrter Reihenfolge mit einem Mundvoll am Neumoudtage:ersteres gleicht dem Körper der Ameise, der am dünnsten, letzteres dem Gerstenkorn, das am dicksten in der Mitte ist; größer als ein Psauenei darf aber der Bissen nicht geformt werden." Auf eine andere Art vollführt man diese Buße auch so, daß man einen ganzen Monat über nur 240 Bissen genießt, nach Belieben verteilt. Die Versagung aller Nahrung mit Ausnahme des Wassers erscheint bis auf die Dauer von 21 Tagen ausgedehnt.

Ramasan geldi (der Ramasan ist gekommen!), so seufzt wohl jeder rechtgläubige Türke, wenn am Abend vor dem ersten Tage des Monats Ramasan die Kanonen donnernd über die Häuserreihen Stambul's dröhnen das Zeichenzum Anfang des einmonatlichen Fastens, dem sich jeder richtige Moslem alljährlich unterziehen muß. Diese dreißigtägige Enthaltsamkeit wird gehalten znm Andenken an die Flucht Mohammeds' in die Wüste, (die sog. Hedschra"), und endet mit dem großen Freudenfeste^ Beiratu. Das Fasten selbst ist äußerst streng: von Sonnenaufgang bis -Untergang ist der Genuß jeder Speise und jeden Getränkes untersagt (selbst kranke Leute können sich kaum entschließen, Arznei zn sich zu nehmen, ja, nicht einmal geraucht darf werden, was der Türke als besonders hart empfindet. Erst wenn die Sonne untergegangen, kann der Rechtgläubige Nahrung zu sich Nehmen, und daun gibt er sich ungezügelt den Freuden des Da­seins hin: dies aber nur bis zehn Uhr (türkisch ungefähr sechs Uhr morgens); dann wird zum letzten Mal gegessen, aber von Sonnenaufgang an ist den ganzen Tag über völlige Entsagung geboten. Auf diese Weife beschränkt sich das ganze Leben int Fastenmonat Ramasan auf Die Nacht, denn die Tageszeit wird mit Schlafen und Nichtstun verbracht. Während der Ra- masanzeit sind tagsüber die Geschäfte geschlosfen. Ueberall herrscht Ruhe und selbst die ösfentlicheu Behörden arbeiten nur wenige Tage in der Woche und dann nur einige Stunden. Erst lange nachmittags werden die Geschäfte allmählich geöffnet, und der Türke bequemt sich, auszugehen. Hungernd, vom Durste ge­plagt, nach Tabakgenuß lechzend, mit halbgeöffneten schläfrigen Augen schleicht er dahin, bis endlich die Kanonen von der Kaserne Tvptschi-Kischla und Top-Kaue über, das unabsehbare Häusermeer der Riesenstadt! hinwegdröhnen und ein besonderes Echo an den llfeut des Bosporus wecken: die Sonne ist untergegangen,

mit glückseligem Lächeln! führt der Türke die Zigarette zum. Munde und entzündet sie, darauf folgt ein Glas frisches Wasser, und dann erst begibt er sich zum Wendessen,Jftar" genannt. Nach dem Jstar verrichten die Gläubigen ihr Gebet in den glän­zend beleuchteten Moscheen, bann stürzen ste sich in den Strudel! der ost fehr fragwürdigen Genüsse, besuchen die Kaffees, rauchen den gurgelnden Nargileh bei einer Tasse Kaffee, bis gegen Morgen früh wieder Kanonenschüsse den Begimt des Fastens an» künden. Den Schluß der dreißig langen, schweren Fasten bildet, wie bemerkt, der Beiram, das größte Fest der Türken. Es läßt fich denken, mit welcher Aufregung die Jünger Mohammeds deut langersehnten Monatswechsel entgegensehen, der ihnen den Betram, den israelitischen Karneval, beschert. . .

Wahrend in der römisch-katholischen Arche die früher außer­ordentlich strengen Fasten im Lause der Jahrhunderte eine Milder­ung erfahren haben, hat die orthodoxe russische Kirche sich wenig den Forderungen der Jetztzeit angepaßt. Wohl in keiner anderen Kirche sind die Fasten so häusig und werden so streng beobachtet, wie in der russischen. Weder das raube Klima des Nordens noch die Verweichlichung unseres Zeitalters haben jene Kastei­ungen zn mildern vermocht, die zn einer ganz anderen Zett für einen ganz anderen Himmelsstrich ersonnen waren. An Stelle einer Fasten besitzt die russische Kirche deren vier. Die eine, dem Advent der römisch-katholischen Zeit entsprechend, geht Weih­nachten voraus; eine andere, die große Fasten, fällt vor Ostern, eine dritte vor St. Peter, eine vierte vor Maria Himmelfahrt. Die Zahl der Fasttage beläuft sich wenigstens auf ein Drittel aller Tage des Jahres. Außer den Fasten und den Festvigilien gibt es noch zwei Fasttage in jeder Woche: Freitag, als Todes­tag des Erlösers, und Mittwoch, an dem er von Judas verraten ward. Die Griechen, die ja stets glücklich sind, wenn sie sich irgendwie von den Lateinern unterscheiden, finden es unschicklich, daß letztere zur Abtötung des Fleisches den Samstag dem Mitt- woch vorgezogen haben. Während der vier Fastenzeiten ist der Genuß von Fleisch unnachsichtlich verboten, ebenso der von Milch, Butter und Eiern. Kaum etwas anderes als Fisch und Gemüse ist gestattet, und das unter einem Himmel, der dem Ge­deihen des letzteren so wenig günstig ist. Daher kommt es, daß die Russen zum größten Teil ein sischendes Volk sind. Zwar sind dst Fluß- und Meergewässer Rußlands so reich an Fischen, wie außer in China wohl in keinem anderen Lande, aber das flüssige Element liefert doch nicht Nahrung genug, und die Fischereien der Wolga, des Don, des Kaspischen und des Weißen Meeres reichen für diese Nation von Faslern nicht aus. Hering und Stockfisch spielen eine Hauptrolle _ in der Volrs- nahruug. Uebrigetis versagen sich diejenigen, die am strengsten nach den Vorschriften der Kirche leben, selbst Fischspeisen. Der Landmann lebt während seiner vier Fasteuperioden , fast aus­schließlich von Salzfischen und eingemachtem Kohl, ähnlich wie die Mannschaft eines Schiffes auf langer Fahrt; und daher stellen sich auch bei ihm nicht feiten dieselben Leiden ein, denen der Seemann unterworfen ist, am häufigsten aber Skorbut. Die letzten Wochen der großen Fasten, die mit-bem Ausgange des Winters zusammentreffen, wo der Mensch am meisten einer festen kräftigen Kost bedarf, bringen denn auch die Ueberfülhmg der Hospitäler mit sich. Die Zahl der Kranken wächst und die Epi­demien nehmen an Heftigkeit zu und das umsomehr, als auf die den Körper schwächende Fasten derheiligen vierzig Tage" in schroffem Uebergange das flotte Leben und die Gastereien des Osterfestes folgen, während dessen das Volk sich nach den langen Entbehrungen gründlich schadlos zu halten sucht. Die St. Peler- und Mariä-Himmelfahrtssasten, die in die Zeit der großen Hitze und der Hauptarbeit fallen, fordern nicht weniger Opfer. Um wieviel erhöhen diese beiden Sommerfasten nicht die Sterblich­keit unter den ländlichen Arbeitern, die ihren Durst mit Kwasl löschen und deren Nahrung in Salzfisch und Gurken besteht!?

Auch die Kopten, Marouiteii, Abessinier haben vier große Fasten, die sich bei den ersteren auf 28, 55, 31 und 15 Tage erstrecken; zudem treten aber bei ihnen ebenso wie bei den Griechen! noch der Mittwoch und der Freitag als mehr oder minder strenge Fasttage hinzu, sodaß die Zahl der Tage int Jahre, an denen keine Beschränkung hinsichtlich der Nahrung besteht, nur eine geringe ist. Die Behauptung ist nicht übertrieben, daß in den orientalischen Kirchen fast zwei Drittel des Jahres Fasten­gebote herrschen. Bei den Kopten erstrecken sich die Fasten indes nur von nachts zwei Uhr bis zur Beendigung des Nachmittags­gottesdienstes um drei Uhr. Als Kuriosität mag erwähnt werden, daß das Verweilen des Jonas int Bauche des Fisches beit Kopten ein dreitägiges Fasten zur Eriniternng an das unfrettotllige des Jvnas anferiegt hat. Die abessinische Kirche kennt auch etü hartes, schwer durchzuführendes Fasten, bte Kenona, bet dem drei Tage lang gar nichts gegessen Werden bars und iiiir tut äußersten Notfälle der Geniiß einer Zittone gestattet ist.

Uebrigens darf man nicht denken, daß das Fasteit nur em Privileg" der sog. Külturreligionen sei. Es begegnet uns sogar als religiöse Anschaniing bei manchen Naturvölkern. Will dev Zauberer bei den Zulus Offenbarungen der Geister entgegen» nehmen, so bereitet er sich durch Fasten vor, beim wie es bet ihnen heißt:der sortwährend gefüllte Magen kann ferne ge­heimen Dinge sehen." Ehe im alten Peru der Priester sich der Gottheit nahte, mußte er sich durch mehrtägiges Fasten hierauf