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Jem Wahren- Edlen, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zabeltitz. (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ein Bekannter aus dem Spiritistenzirkel, Archivvat Lindemann, schrieb Priestap des längeren über ein neu entdecktes Medium, legte die durchgepauste Kopie einer Geisterhandschrift bei, erzählte von eigentümlichen musikalischen Phänomenen und bedauerte, daß der Herr Baron sich von den letzten Sitzungen ferngehalten habe. „Bedauere gleichfalls", murmelte Priestap mit zuckender Lippe, „Satans Macht war größer" . . . und er griff nach dem nächsten Briefe.
Der kam von Imhoff. „Lieber Herr Baron", schrieb er; „jetzt komme ich zum letztenmale mit einer Einladung und dann nicht mehr. Denn dann wollen Sie einfach nicht. Also: morgen haben wir die Msicht, in den Grunewald- zu bummeln. Ganz entre nous. Machen Sie mit? Wenn ja, Wfahrt von meiner Wohnung aus präzise drei Uhr. Mlerschöustens Ihr ergebener Claudius Jmhosf."
Das war aus einem der Briefbogen geschrieben, die Priestap einmal, vor fast anderthalb Jahren, Nina geschenkt
hatte. Und der Briefbogen sprach nfU stärkerer Kraft, als es die Worte Imhoffs taten. Priestap schleuderte seine Decke fort und klingelte.
„Telephonieren Sie in den Stall", befahl er Daniel, „Georg soll mit dem Landauer Punkt halb drei hier sein. Zur selben Zeit den Dogcart, Pfiff hinten drauf. . ."
Daniel neigte den Kopf und ging. —
Um die gleiche Stunde legte Imhoff im Bureau die Feder beiseite. Nur der dicke Giesecke saß ihm gegenüber und schrieb.
„Kollege", sagte Imhoff, „ich denke, es gibt nichts mehr zu tun. Wenn Knappe kommt, geben Sie ihm diese drei Zettel. Er soll sich wählen, was er davon bringen will. Wollen Sie denn nun nicht endlich auch Ihre Premiere ankündigen lassen? In sechs Wochen sind wir so weit."
Giesecke hob den starken Kopf mit der Hahnenkammtolle über den Schreibtisch. „Lassen Sie das meine Sorge sein, Kollege", erwiderte er. „Der Baumeister hat mir zuge- schworen, daß in acht Tagen die Bühne fertig steht, fix und fertig, bis auf den letzten Nagel. In acht Tagen werde ich also mit den Proben beginnen, und dann wird auch die Ankündigung erfolgen."
„Zunächst, mein verehrter Herr Kollege, wird sich die Oper erlauben, mit den Proben anzufangen —"
„Mein verehrter Herr Kollege, dann werden wir uns eben vertragen müssen." Die Oper probt vormittags und das Schauspiel nachmittags oder am Abend —"
„Hahahaha", lachte Imhoff schallend auf; „mein verehrter Kollege, wenn Sie glauben, daß ich Tag um Tag meine Frühstunden opfern werde, da irren Sie sich ge- tyaltig!" " '
„Bitte", sagte Giesecke gleichmütig, „da proben Sie meinetwegen des Abends."
„Wo andere sich nach des Tages Last und Mühen ihrer wohlverdienten Ruhe erfreuen — das würde Ihnen passen!"
Giesecke schnellte in die Höhe. Er wurde kirschrot, und der gelbe Hahnenkamm sträubte sich sichtlich. „Da proben Sie gefälligst, wann Sie wollen", schrie er, „aber kommen Sie mir nicht in die Quere! Es ist eine Unmöglichkeit Herr Imhoff, mit Ihnen in Frieden zu leben! Sie suchen Hader, Sie suchen Streit; immer opponieren Sie, nie macht man es Ihnen zu Liebe; Sie find ein beständiger Quereler und alle Welt machen Sie sah zum Feinde. Lassen Sch mich fürderhin ungeschoren; wir sind geschiedene Leute!"
Er warf ein eisernes Lineal wutklirrend auf den Schreibtisch und sestte sich wieder.
Imhoff legte die rechte Hand in den Westenausschnitt/ reckte den Kopf in den Nacken und schaute sehr verächtlich auf Giesecke herab. „Mein lieber Herr", sagte er, „Sie ereifern sich unnötig. Daß ich ein Quereler sei, das hat mir noch niemand vorgeworfen. Wollte Gott, ich könnte auch einmal zürnen. Aber meine Gutmütigkeit ist mein Fluch. O ja, ich opponiere zuweilen; doch dann gilt es einer gerechten Sache. Die Oper ist alles; wir machen das. Haus; die Oper geht vor. Unter allen Umständen, Herr! Giesecke. Das Schauspiel ist nur Füllung, ist ein Requisit/ ein Hilfsmittel, ein Nebenbei. Es ginge ganz gut, daß Sie Ihre paar Proben in der Urania abhielten."
Und wieder fuhr Giesecke auf. „Auch das noch! Es ist gut, Herr Imhoff, ich streite nicht mehr. Mein Personal klagt jetzt schon. Die von der Oper schauen hochmütig auf uns herab. Ich habe einen Verband' der gesamten Mitglieder des Prinz Ferdniand-Theaters begründen wollen, eine Genossenschaft im kleinen. Mein Idealismus gaukelte? mir ein schönes gemeinsames Wirken, ein Leben in froher Einträchtigkeit vor. Ihre Artistin will nichts mit dem Ballett zu tun haben; die Stiegler hat den Gruß von Fräulein Held unerwidert gelassen; Ihr großschnäuziger Tenor hat sich in unerhörter Weise über unseren ersten Komiker geäußert. Wollen Sie die Scheidung, meine Ber- ehrtesten — mir soll es recht sein. Wrr dienen der Kunst, nicht der Quarre."
Imhoff zuckte zusammen. „Das Wort Quarre beleidigt mich nicht, Herr Giesecke. Es gehört einem Lexikon an, das mir fremd ist; es scheint einem Idiotikon entnommen zu sein. Ich wünsche sachlich zu bleiben. Daß die Musik die höhere Kunst r't, die weihevollere, keine mechanische Interpretation, darüber ist nicht zu streiten. Wollen Sie aber, daß die von der Oper kollegial und freundschaft.lch mit Ihren Schauspielern verkehren, so hätten Sie Ihr Personal nicht aus allen möglichen Provinzschmieren zusammen», trommeln dürfen. Auch wir kennen Standesunterschiede — o ja wohl!"
Giesecke brauste nicht mehr auf; er wurde eisig kaU


