Ausgabe 
26.1.1906
 
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merkwürdigerweise niemals- von feiten des Hofes ein Auftrag erteilt worden. Kaiser Joseph aber schätzte den genialen Musiker hoch und fragte ihn eines Tages ernsten Antlitzes bei einer Audienz: _Man sagte mir, Sie wollten mich verlassen und nach Berlin gehen. Ist das wahr, Mozart? Tann wurde ich nur noch selten eine Oper hörenIn tiefer Rührung beugte sich der Tondichter über die Hand seines kaiserlichen Gönners, küßte sie und stammelte:Ew. Marestät, ich bleibe!"

Als er diese Unterredung einem Bekannten erzählte und der­selbe ihm Vorwürfe darüber machte, daß er sich die günstige Gelegenheit habe entgehen lassen, eine Gehaltsaufbesserung zu er­langen, meinte Mozart entrüstet:Wer kann in dem Augen­blicke, too der gute Kaiser so liebreich redet, an einen solchen Bettel denken!"

Von der Schnelligkeit des Meisters im Komponieren legt die Entstehung der Ouvertüre zumTon Juan" ein beredtes Zeugnis ab. Tret Tage vor der Aufführung der Oper in Prag äußerte Mozart am Abend Fu seiner Gattin, er wolle während der Nacht die Ouvertüre schreiben, sie möge doch bei ihm bleiben und ihm einen kräftigen Punsch bereiten. Sie willfahrte seinem Wunsche, aber gegen 2 Uhr zeigte der Komponist sich so erschöpft, daß sie ihn überredete, sich ein Stündchen aufs' Kanapee zu legen, worauf er auch einging, jedoch nur unter der Bedingung, ihn nach einer Stunde zu wecken. Er verfiel sofort in einen festen Schlaf und seine Gattin hatte nicht das Herz, ihn demselben schon nach einet Stnnde wieder zu entreißen, sondern ließ ihn bis 5 Uhr schlummern. Mit verdoppeltem Fleiß machte sich alsdann der nunmehr wieder völlig Gestärkte aus Werk und als der auf 7 Uhr bestellte Kopist erschien, lag die Ouvertüre fix und fertig da.

Neben feiner leidenschaftlichen Vorliebe für das Billardspiel besaß Mozart auch ein Faible für das schöne Geschlecht, doch darf man ihm deshalb nicht gleich all' die schlimmen Eigen­schaften einer feiner bekanntesten Operngestalten, nämlich die des Ton Juan andichten. Alles Niedrige, Grobsinnliche lag dem fein empfindenden Manne meilenfern, aber er war ein gewandter $te1^erer und befand sich weit lieber in Gesellschaft hübscher Mädchen und Frauen als in Männerkreisen. Er kam den Tarnen, um mit Goethe zu reden,zart entgegen", nnd eroberte sich damit im Fluge alle weiblichen Herzen.

Ginn hielte ly.,t ein Kapellmeister, dem daran gelegen war, Mozarts Urteil zu hören, eine Komposition von sich vor. Er mußte aber während des Spieles zu feinem Schmerz wahrnehmcn, datz der Meister im Hintergründe des Saales mit einigen jungen Damen koste und scherzte. Nach Beendigung des Stückes trat Mozart auf ihn zu und lobte die Komposition, der gekränkte Schöpfer derselben aber meinte niedergeschlagen:Meister, Ihre Aufmerksamkeit war, schöneren Dingen zugewendet, da werden Sie meinem armseligen Stück wohl kaum Beachtung geschenkt haben." Mozart lächelte, setzte sich ans Klavier und verwebte alle Motive, die der Komposition zu Grunde gelegen hatten, so meisterhaft zu einer Phantasie, daß der Kapellmeister ihm nachher wortlos und tränenden Auges in ftnrnmer Abbitte die Hand drückte.

Einstmals sollte vor dem Kurfürsten von Mainz ein Konzert stattsiuden, zu welchem Mozart seine Mitwirkung zugesagt hatte. Alles befand sich- schon auf den Plätzen, der Hof war bereits erschienen, nur Mozart fehlte! Man sandte Boten nach ihm aus und einer derselben war so glücklich, ihn in einem Kaffee­hause beim Billard anzutreffen.Wer lieber Mann", sagte der Tondichter freundlich zu dem Diener,lassen Sie mich doch wenigstens diese Partie erst zu Ende bringen." Er war auch in der Tat trotz aller Bitten und Vorstellungen nicht eher zum Auf­bruch äu, bewegen, trat dann aber' im Konzert auf und riß durch sein herrliches Spiel das Publikum zu hellem Jubel und ,hochaufschämnender Begeisterung hin. Der Kurfürst aber, der ihm diesen Künstlerstolz vor Herrscherthronen nie verzeihen konnte, schickte ihm am nächsten Morgen nur 80 Dukaten als Honorar, von denen Mozart dann auch die eine Hälfte sofort dem Ueberbringer alsBotenlohn" gab, die anderen aber im Freundeskreise für Champagner verwendete.

Ms Mozart das letzte Mal in Berlin weilte, richtete er unmittelbar nach seiner Ankiinft im Gasthofe die Frage an den Kellner, ob es denn am Abend irgendwo etwas Musik zu hören gebe.Gewiß", lautete die Antwort,es wird eine neue Oper gespielt!"Wie heißt sie?"Die Entführung aus dem Serail von einem gewifsen Mozart" . . . Unerkannt findet sich der Komponist abends im Parterre des Theaters ein, die Aufführung mit ^Jcbiififtem Interesse verfolgend und Orchester und Sänger rm Stillen bald lobend, bald tadelnd. Sein Temperament aber reißt ihn mit fort und nickt lange dauert es, so wandelt sich die bis dahin stille Kritik in halblaute Aenßerungeu des Bei­falls oder der Mißbilligung. Geärgert blicken die Umsitzenden auf den kleinen Mann in unscheinbarem Gewände, der es sich herausnimmt, so rücksichtslos seine Meinung zu äußern. Da in der Arie Pedrillos,Frisch znm Kampfe, frisch zum Streite", bei der infolge einer kleinen Aenderung in der Partitur an der Stelle:Nur ein feiger Tropf verzagt", die zweite Violine ein dis statt d spielt, kann fich aber Mozart nicht mehr halten, uiid hell klingt feine Stimme durch den Raum:Verflucht! Wollt Ihr wohl o greifen!" Alles schaut empört auf den un­

gebetenen Rezensenten; schon will man gegen ihn emschreiten, plützliai jedoch erkennen ihn einige.Mozart ist da!" Im Nu hat sich die Kunde durch das ganze Theater verbreitet und sowohl der Orchestermitglieder wie auch der Darsteller auf der Bühne, speziell derjenigen, die sich noch nicht recht sicher fühlen, bemächtigen sich Angst und Schrecken ob der Anwesenheit des Meisters. Mozart aber eilt durch eine Seitentür, die sich ihm bereitwillig öffnet, hinter die Kulissen, hier streng rügend, dort sreundlich lobend und anfeuernd und unter feiner indirekten Leitung wird die Oper zu Ende geführt.

Zum Schluß möge hier noch ein kleiner Scherz mitgetetit fein, den Mozarts Freunde in Szene setzten, als der Komponist sich mit der Sängerin Constanze Weber verlobte. An diesem Tage fand zufällig die Ausführung vonBelmonte und Constanze oder Die Entführung aus dem Serail" statt, die Freunde aber ließen Theaterzetteln gleichende Affichen drucken, die überall an den Straßenecken angeschlagen wurden, und auf denen zu lesen stand:Heute wird aufgeführt:Wolfgang und Constanze oder Die Entführung aus dem Auge Gottes"." (Diesen Titel führte das Haus, in welchem die Brant wohnte.) Die Wiener amüsierten e natürlich außerordentlich über diesen originellen Einfall und große Komponist, auf den der Scherz gemünzt war, soll gleichfalls herzlich dazu gelacht haben.

* Unter bein Titel:Ein durchgehrannter Harem" schreibt man aus Pans: Mohamed Ben Fenna, ein reicher Kaufmann aus Tanger, war nach Paris gekom­men. Er hatte sieh drei seiner jüngsten und reizendsten Frauen und zu deren Bedienung und Beaufsichtigung eine eingeborene Sklavin mitgebracht und mit diesen vier ein kleines Hotel in der Vorstadt bezogen. Von dort aus unternahm er Ausflüge und sah sieh die Sehenswürdigkeiien von Paris an. Oft war er tagelang, oft Tage und Rächte abwesend. Inzwischen langweilten sich seine Haremsdamen und wurden aufsässig. Sie hätten auch gern etwas von dem prächtigen Seinebabel zu Gesicht bekommen. Statt dessen lebten sie eingeschlossen hinter festen Mauern, während ihr Herr und Gebieter alle Freuden des Pariser Lebens ouskostete. Sie bestachen Sulima. Diese verfchaffte ihnen europäiiche Kleidung, und in dieserVermummung" flogen die Täubchen eines Tages aus, promenierten, kauften ein, vergnügten sich auf das Beste. Allein Mohamed faßte sie dabei ab und geriet in die höchste Wut. Sofort ließ er, um ein zweites Entweichen unmöglich zu machen, einen großen eifernen Käfig in einem der Hinterzimmer seiner Wohnung errichten. Dahinein sperrte er feine ungehorsamen Frauen, schloß alles ab und nahm die Schlüssel mit sich. Doch die Weibchen waren schlauer als er. Salima holte den Schlosser, der das eiserne Gefängnis gebaut hatte, ließ sich von ihm gegen gute Bezah­lung die nötigen Nachschlüssel anfertigen, und die Damen flogen von neuem aus. Als Mohamed früher als sonst beimkehrte und das Nest leer fand, kannte sein Zorn keine Grenzen, umsomehr als er stark vom Wein der Ungläubigen genossen Halle. Er beschloß daher, selbst die Todes­st rase an den Ungetreuen zu vollziehen. Er fiel über die heimkehrenden Frauen her, das Schwert in der Faust. Zum Glück alarmierte ihr Zetergeschrei die Polizei. Gegen diese wandte sich nun der tobende Othello. Es brauchte ein halbes Dutzend Schutzleute, ihn za überwältigen und zur Wache zu bringen. Jetzt sitzt er hinter Schloß und Riegel, und die Behörde weiß nicht, was sie mit dem Harem ansaugen soll!"

Autist und Wissenschaft.

©tein unter Steinen". Man schreibt derVoss. Ztg.": Sudermann selbst glaubte in diesem Schauspiel, das uns in die Werkstatt eines Steinmetzmeisters einführt, den Titel durch folgende Worte, die er der Lore iit den Mund legt, aus- führlich erklären zu müssen:Die Steinmetzen erzählen nämlich r Der Stein wird durch Druck. Ja, Hunderttausende und Mil­lionen Jahre müssen die darüber liegenden Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein. . . Beim Menschen danert's nicht so lang. Das hab' ich nusprobiert, 'n paar Jährchen Druck immer derselbe Druck. Das genügt . . . Man lacht und man weint und man schläft nnd man arbeitet ach, lustig sein kann man sogar man is überhaupt ein Mensch wie andere und is doch lang keiner mehr . . . Drin im Innersten lebt man gar nicht mehr . . . Man is willenlos wie 'n Stein. . . Man läßt sich mit dem Fuß stoßen, wie 'n Stein . . . Man wird