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Franz Josef von Oesterreich vermitteln. Da ist es notwendig, hinaufzusteigen bis zu jenem Herzoge Ludwig Rudolf zu Braunschweig-Wolfenbüttel, dessen eine Tochter, Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Karl VI. und die Mutter der Kaiserin Maria Theresia wurde, — die andere aber, Antoinette Amalie, an ihren Vetter Ferdinand Albrecht von Braunschweig verheiratet, die Mutter der Gemahlin des Prinzen August Wilhelm von Preußen war, jenes Bruders Friedrichs des Großen, von dem das gesamte preußische Herrscherhaus abstammt. Als Resultat ergibt sich hier, daß Kaiser Franz Josef im 8. Grade der Urgroßonkel des jüngsten Hohenzollern ist. Sein Urgroßonkel im 5. Grade ist König Leopold II. der Belgier, der älteste aller männlichen Koburger. Er hat mit dem kleinen Prinzen als Ahnvater den Herzog Franz Josias von Sachsen-Saalfeld-Koburg (1750—1803) gemeinsam, zu dessen Deszendenten auch König Carlos von Portugal, als Großonkel im 5. Grade des Prinzen, zählt. Und König Friedrich August von Sachsen, als Sohn einer portugiesischen Infantin, Tante des Königs Carlos, ist demnach in demselben Grade ebenfalls des Prinzen Großonkel.
Auf König Friedrich V. von Dänemark (1723—1766) müssen wir zurückgehen, ehe wir die gemeinsame Herkunft des Prinzen und des jetzt regierenden Königs Friedrich VIII. von Dänemark ausfindig machen können. Von dem älteren Sohne Friedrichs V., dem Könige Christian VII., stammt eine Tochter Luise, die sich mit dem Herzoge Friedrich Christian II. von Holstein- Augustenburg vermählte und die Urgroßmutter der Kaiserin Auguste Viktoria wurde. Erbprinz Friedrich von Dänemark dagegen, der jüngere Sohu des Königs Friedrich V., hatte eine Tochter Charlotte, die die Gemahlin des Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel und die Mutter der verstorbenen Königin Luise von Dänemark war, — deren Sohn der jetzige König Friedrich ist. Sodaß der kleine Prinz der Urgroßneffe im 6. Grade des Königs von Dänemark, — und selbstverständlich auch von dessen Bruder, dem Könige Georg von Griechenland ist. Hieraus folgt ohne weiteres, daß König Haakon von Norwegen des Prinzen Großonkel 6. Grades ist.
Hohenzollernblut fließt in den Adern sowohl der Königin Wilhelmine der Niederlande, wie des Königs Wilhelm II. von Württemberg, des Königs Otto von B a y e r n nnd des Königs Alphons XIII. von Spanien. Die junge Königin Wilhelmine ist Großtante 5. Grades des Prinzen, denn sie stammt, wie er, nur um 2 Grade näher, von Friedrich Wilhelm II. von Preußen ab, dessen Tochter Wilhelmine die Gemahlin des ersten Königs der Niederlande Wilhelms L, ihres Urgroßvaters, war. König Wilhelm von Württemberg aber ist der Urenkel des Königs Friedrich I. von Württemberg, dessen Mutter eine Prinzessin von Schwedt und eine Enkelin Friedrichs Wilhelm I. von Preußen war. Von dem preußischen Soldatenkönige stammt nun auch Alphons XIII. von Spanien ab, und zwar auf dem ^gleichen Wege. Die Großmutter der Königin-Mutter Christine von Spanien war eine württembergische Prinzessin, Richte des Königs Friedrich I. und die Enkelin der eben erwähnten Markgräfin von Schwedt. Die Ergebnisse sind: König Wilhelm von Württemberg ist der Großonkel, König Alphons von Spanien der Onkel des Prinzen im 7. Grade. Einfacher liegen die Dinge bei der Verwandtschaft mit dem Könige Otto von Bayern, der als Sohn der preußischen Prinzessin Marie ein Urenkel des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen und demzufolge des Prinzen Urgroß- onkel im 5. Grade ist.
Seltsam mag es erscheinen, daß die Verwandtschaft des Kronprinzeusohnes zu den Königen von Schweden, R u m ä n i e n und Italien sich u. a. dadurch beweisen läßt, daß er, Ivie diese drei Monarchen, einen Landgrafen von Hessen-Darmstadt, Ernst Ludwig I. (1667—1739), unter seinen Vorfahren hat. Um den Leser nicht zu ermüden, sei nur gesagt, daß die Königin Luise von Preußen, des Prinzen Ur-Ur-Ur-Großmutter, eine Prinzessin von Darmstadt zur Mutter Hatte; daß König Oskar II. von Schweden ein Enkel des Vizekönigs Eugen von Beauharnais und der Prinzessin Auguste von Bayern ist, bereit Mutter, die erste Gemahlin des Königs Max Josef I., auch eine Hessen-Darmstadt war; und daß König Karl von Rumänien als Sohn der Prinzessin Josefine von Baden der Urenkel des Erbprinzen Karl Ludwig von Baden ist, dessen Gemahlin ebenfalls eine Darmstadt war. Von diesem Erbprinzen Karl Ludwig, nämlich -von seiner Tochter Karoline, der zweiten Gemahlin des Königs Max Josef von Bayern, stammte aber auch die verwitwete Herzogin von Genua, die Mutter der Königin Margherita und Großmutter des Königs Viktor Emmanuel III. von Italien, als eine geborene Prinzessin von Sachsen, Tochter des Königs Johann I. von Sachsen und der Prinzessin Amalie, der Tochter des Königs Max Josef. Somit ist der junge Hohenzollernprinz ein Urgroßneffe im 6. Grade des Königs Oskar von Schweden, ein Großneffe im 7. Grade des Königs von Rumänien und ein Vetter int 7. Grade des Königs von Italien.
Der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin ist des Prinzen Oheim — der Bruder seiner Mutter Cecilie; Großherzog Friedrich von Baden fein Urgroßenkel, als Bruder seiner Urgroßmutter, der verstorbenen Großfürstin Michael von Rußland. Da der Groß her zog von Hessen der Vetter des Kaisers Wilhelm ist — beide sind Enkel der Königin Viktoria von England —, so hat der Prinz in ihm seinen Großonkel des 2. Grades
zu erblicken. Bei dem Großherzoge Friedrich August von Oldenburg ist in Betracht zu ziehen, daß dessen Urgroßmutter eine Schwester des Königs Friedrich I. von Württemberg war. Hier müssen wir also zum dritten Male bis zu König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, als dem gemeinsamen Ahnherrn, hinaufgehen, und finden dann, daß der Prinz ein Großneffe des oldenburgischen Großherzogs int 7. Grade genannt werden kann. Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen führt seine Herkunft wie der kleine Hohenzollernprinz, auf den Großherzog Karl Friedrich zurück, beit Vater der Kaiserin Augusta; er ist, als Urenkel Karl Friedrichs, im 4. Grade der Großonkel des Prinzen, der Karl Friedrichs Ur-Ur-Ur-Enkel ist. Großherzog Friedrich Wilhelm von M e ck l e n b u r g - S t r e l i b ist der Enkel eines Bruders der Königin Luise von Preußen, des Großherzogs Georg. Hier liegt also der gemeinschaftliche Ursprung bei beider Vater, dem Großherzoge Karl I., sodaß der Äroßherzog der Urgroß- onfel 5. Grades des Prinzen ist. Herzog Friedrich von Anhalt ist der Großonkel 5. Grades des Prinzen, seine Großmutter, die Gemahlin des Herzogs Leopold, war Friederike von Preußen, eine Enkelin des Königs Friedrich Wilhelm II., der also hier abermals bett Stammvater abgibt.
Und nicht anders steht es um die Verwandtschaft des Kaiserenkels zu den übrigen deutschen Bundessürsten, — man wird ihr überall aus die Spur gelangen, wenn man nur die Geduld hat, im Buche der Vergangenheit weit genug zurückzublättern.
Dr. A. v. W.
Viel begehrte Leute.
Es wird häufig darüber geklagt, daß unsere sozialen Verhältnisse schlecht seien und daß namentlich für den weiblichen Teil unserer Bevölkerung besser gesorgt werden müsse. Nun kam mir eine Wochenschrift in die Hände, und da ich ganze Seiten derselben mit Fettdruck „Dienstmädchen" versehen sah, kam ich ans den Gedanken, einmal festzustellen, wieviel Mädchen in der einen Zeitungsnummer gesucht würden. Und ich fing an zu zählen und als ich fertig war, hatte ich 244 (zweihundert vier und vierzig) Mädchengesuche in der Zeitung. In verlockendster Weise, zweifellos ein Zeichen der Not, werden die Gesuche nach Dienstmädchen znm Ausdruck gebracht: „Es find nur zwei Leute in der Familie", die ein Mädchen sucht; „liebevolle Behandlung" versichert eine andere Gesuchstellerin dem Dienstmädchen; „es ist nur ein Kind in der Familie", so empfiehlt man sich, oder „es sind zwar mehrere Kinder da, aber sie sind guter zöge n". Fast jede Annonce hatte irgend eine Empfehlung der Herrschaft, der Stellen- vergeberiu, während sonst im Leben der Stellesnchende sich alle möglichen Empfehlungen und Protektion verschaffen muß, um eine Stellung zu erhalten. Zu den 244 Einzelgesuchen nach Dienstmädchen kamen nun in der Zeituugs- nummer noch eine Anzahl Sammelannoncen von Stellenvermittelungsbureaus usw., die gleich eine große Zahl Von Dienstmädchen suchten. Als ich mit dem Zählen der Mädchen- gesuche fertig war, da wollte ich auch einmal die Mnoncen zählen, durch welche Dienstmädchen Stellen suchen, und siehe da, ich brachte nur drei Stück zusammen. Nach dem Vorerwähnten kann ntan begreifen, daß tatsächlich eine große Tienstmädchennot besteht und auch die besten Löhne und die liebevollste Behandlung helfen nicht aus der Not.
Vor nicht allzu langer Zeit fand in Berlin eine Heim- a r b e i t e r a u s st e l l u n g statt und dabei wurde festgestellt, daß die Heimarbeit der weiblichen Arbeitskräfte mit wahren H un g er l ö h n e n bezahlt würde. Selbst die deutsche Kaiserin, die diese Ausstellung besuchte, gab ihrer Entrüstung Ausdruck über diese soziale Not und Armut. Diese Not und Armut hängt aber innig zusammen mit der Dienstbotenfrage, und es würde nicht über Hungerlöhne für die Heimarbeit geklagt werden können, wenn man etwas weniger hochmütig wäre. Wer will denn heute noch Dienstmädchen werden, trotz des hohen Lohnes und der liebevollen Behandlung? Doch nur Leute vom platten Lande, die in der „Kultur" zurückgeblieben sind! Töchter geringer Familien in der Stadt oder die Töchter von Fabrikarbeitern wollen doch nicht dienen. Tas wäre ja entwürdigend! Diese Mädchen müssen, wenn sie ein bischen gescheit sind, mindestens Verkäuferin, Bureaugehilfin usw. werden, oder doch Nähen und Bügeln lernen, damit sie keine gewöhnliche Arbeit zu verrichten brauchen. Dadurch entstehen dann nachher die Huugerlöhne in den einzelnen Berufen, nach denen alles hindrängt und wo sich dann eine Ueberfüllung zeigt. Auch manche Stelle für männliche Arbeitskraft wird dadurch weggenommen und der Lohn herabgedrückt. Würden so manche Eltern, die jetzt aus Hochmut ihre Tochter tn eine solche „bessere", das


