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so Künstler sein ist sehr anstrengend. Und nun gar für ein Weib!"
„Glauben Sie wirklich, lieber Freund?" fragte die Frau Kantorin ganz bestürzt.
„Na, natürlich glaub ich! Aber sie hat auch 'ne gesunde Natur und es wird ihr nichts schaden. Kenne Dellchen von Kindesbeinen an. Die erholt sich wieder complätement iure damals nach dem Scharlach und den Masern! Und wenn sie spintisiert unb über allerhand nachdenkt, so i|t das 'ne Art Krisis und muß durchgcmacht werden. Und man darf den Schweiß nicht stören, sondern immer schön ruhig durchschwitzen lassen."
„Aber Kreisphysikns, sie schwitzt ja gar nicht..." warf der Kantor höchst erstaunt ein.
„Das verstehst du nicht, lieber Freund," antwortete der Doktor, „sieh 'mal, was sie zu Papier bringt, das ist so ein gewisser Angstschweiß vom Gemüt! Naus muß er, damit alles hübsch heil und klar werde inwendig. Laßt sie schreiben und lesen, das ist 'ne geistige Gymnastik, mit dem Spazierengehen ist noch nicht viel los, und da die ganze Geschichte doch nicht in den Knochen steckte, sondern in den Nerven.."
„Aber Doktor Hans meinte doch . . ."
„Na, liebe Fran Kantorin, was nun den Jungen anbetrifft, so fand ich ihn damals, als er im November Dellchen herbrachte, gleich viel zu ängstlich. Ich wollte nur nichts sagen, und kapnt genug sah sie ja ans. Aber ich wußte gleich, es geht vorüber. Gott — und was Hans mir da deduzierte von Ueberwindnng eines suggestiven Einslusses .."
„Was ist das für eine Krankheit?" fragte der Kantor sehr erschreckt.
„Gar nichts ists! Neumodisches Zeug. Hört man bei uns auf dem Lande gar nicht. Ich wollt ihm nur nicht widersprechen. Er kam aus der großen Welt, sie kam auch von dort — Arzt und Kranke, na, da mußt ich die Sache ja gelten lassen. Aber ich hab ihm immer berichtet, daß man gar nichts merkt von seinen Befürchtungen und daß ihr die Beschäftigung, nach der sie verlangte, gut bekäme."
„Also iveiß er, daß sie schreibt?"
„Natürlich weiß er. Ich muß immer Krankenrapport abstalten. Jede Woche. Nur sie sott davon nichts merken. Auch daß sie zmn Begräbnis war, habe ich ihm geschrieben, und daß ihr das Vergnügen ganz gut bekommen ist."
Er zwinkerte lustig mit den Augen. Nun hatte eS sein alter Freund weg! Ein Vergnügen hatte er das Begräbnis genannt!
Der Kantor war gerade dabei, ihm einen Verweis über seinen Zynismus zu erteilen, als es an die Tür klopfte und ein Diener aus dem Schlosse anfragte, ob Fräulein Adele den Besuch des Herrn Grafen annehmcn könne.
„Ich drücke mich polnisch", lachte der Kreisphysikns.
„Soll sie denn?" fragte die Mutter zweifelnd.
„Fragen Sie sie selbst, Frau Kantorin, und wenn sie will, man zu!"
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Adele hatte dem Grafen Guido sagen lassen, daß sie sich freuen würde, seinen Besuch zu empfangen.
Sie wußte, daß dies einmal kommen mußte, eine Aussprache zwischen ihnen nicht zu vermeiden war und daß sie diese Rücksicht ihm jedenfalls schulde.
Eine leise Unruhe bemächtigte sich ihrer aber doch, als die Zeit herankam, wo sie ihn erwartete. Sie ging im Zimmer auf und nieder und warf ab und zu einen Blick auf die Straße. Diese war in abendliches Dunkel gehüllt und lag in völligster Einsamkeit da.
Die Mutter hatte die Lampe auf den Tisch gestellt, die weiße Decke aus Filetguipure geradegezogen und schickte noch einen Blick hausfraulicher Sorgfalt durch den Raum. Alles war blitzblank und sauber. In pedantischer Ordnung standen die Möbel umher. Etwas steif zwar, wie in altväterlicher Grandezza, aber es machte den Eindruck einer rechten Gemütlichkeit und Traulichkeit.
Tas hatte Dellas aufgewühlter Seele die Ruhe wieder- «eaeben, und das emvfand Graf Guido jetzt, als er ins
Zimmer trat und seine Augen den ihm wohlbekannten Raum durchstreiften.
Er hatte den Wagen, der ihn hinabgeführt hatte, an den kleinen Gasthof anfahren lassen und war von dort aus zu Fuß hergekommcn.
Als er cintrat, war ihm Della lebhaft entgegengetreten und hatte ihm die Hand gereicht. Eine leichte Röte war in ihr bleiches Antlitz gestiegen. Ihr Anblick schien ihn einen Augenblick zu verwirren, und wie selbstvergessen heftete er sein Auge auf ihre schlanke, hohe Gestalt, die in bem weißen Flanettkleid, das lose den Körper umschloß, vornehm und graziös vor ihm stand.
Mit einer hastigen Kopfbewegung suchte er seine Versunkenheit abzustreifen und sagte, indem er ihre Hand küßte:
„Ich danke Ihnen, daß Sie mich empfangen haben, Della! Und daß ich Sie wiedersehe, gesund und kräftig. Vor einigen Tagen am Sarge meiner Mutter, in den Trauergewändern und der trüben Stimmung ließ sieh das nicht Erkennen, aber ich habe Ihnen auch zu danken, daß Sie .kamen . . ." Er suchte offenbar nach Worten, die seinen Besuch bei ihr motivieren sollten.
(Fortsetzung folgt.)
Wie des Kaisers KnKet mit Europas Kerrschem verwandt ist.
Eine genealogische Plauderei
Nur wenige Tage noch, nnd der kleine Hohenzollcritprinz, der ausersehen scheint, einst des deutschen Reiches fünfter Kaiser zu sein, wird aus der Taufe g ehoben werden. Und wie es der Brauch ist, ivird er zu Paten viele der in Europa regierenden Monarchen erhalten, Kaiser und Könige, Grobherzöge und Fürsten. Ucberstieg doch die Zahl der Paten seines Vaters, des Kronprinzen, die Zahl von dreißig. Aber mehl nur in ihrer Eigenschaft als Souveräne, auch als Verwandte haben diese Monarchen die Einladung, bei dem jüngsten Sprossen des deutschen Kaiserstammes Gevatter zu stehen, angenommen. Denn als der kleine Prinz am 4. Juli zur Welt kam, da trat er int gleichen Augenblicke ein in die große, geschlossene Fürstensamilie, der alle Regenten unseres Weltteiles angehören, — mit Ausnahme weniger Fürsten des Balkans.
Es ist gctvist interessant, einmal zu untersuchen, loic diese verwandtschaftlichen Verhältnisse im Einzelnen begründet sind. Leben wir doch in einer Epoche, da die Gelehrten und die Künstler, wenn sie die Psyche eines Menschen ersorschen wollen, seiner Abstammung eine Bedeutung zumessen, die früheren Zeiten, bei allem Mhnenknltus, unbekannt war. Zwar, — zum Objekte psychologischer Studien ist das Prinzlein wohl noch reichlich jung, aber mancher lohnende Rückblick in vergangene Tage der Geschichte eröffnet sich und Zusammenhänge treten zutage, die d^.n Gedächtnisse entschwnnden waren. Borausgeschickt sei, daß wir die Bezeichuung des Grades der Verwandtschaft so gewählt haben, wie sie int gewöhnlichen Sprachgebrauche üblich ist, indem unter Vettern zweiten Grades die Kinder von richtigen Vettern (des ersten Grades) gemeint sind, und demzufolge die Angabe: Urgroßnefse im 7. Grade bedeutet, daß einer der Urgroßeltern des kleinen Prinzeit Vetter (oder Kttsittc) int 4. Grade des Monarchen war, um bett c5 sich handelt. Die Benennung des gemeinschaftlichen Stammvaters ivird im übrigen das Verständnis stets sofort erleichtern.
So vielfach verschlungen haben sich int Laufe der Jahrhunderte die Bande des Blutes zwischen den Fürstenhäusern, daß es im klebrigen fast immer möglich sein wird, mehrerlei Art vott Vertvandtschast zwischen ihren einzelnen Gliedern fest- zustellett, und es ergeben sich da höchst überraschende Resttltate. Keinem der lebenden Herrscher steht der kleine Hohenzoller so. nahe, wie dem deutschen Kaiser, feinem Großvater. Ihr nächster geineinschastlicher Ahnherr ist der Kaiser Friedrich. Doch auch von nnberett Seiten her rollt mancher Tropfen gleichen Blutes in ihren Adern. Kaiser Wilhelm II. und fein Enkel sind z. B. beide Nachkommen des Kaisers Paul vott Rußland, der Kaiser durch die Kaiserin Augusta, die Enkelin Pattls, — der kleine Prinz durch seine Großmutter, die Großherzogin Anastasia von Mecklenburg, die Urenkelin Pauls. Hier ergäbe sich also, daß der Prinz im 5. Grade der Neffe seines kaiserlichen Großvaters ist. Sehr entfach stellt sich die verwandtschaftliche Beziehuttg des Prinzen zu dem Könige von England dar, bem Bruder seiner Urgroßmutter, der Kaiserin Friedrich, also seinem Urgroß- onkel. Genteinschaftliche Skammeltertt: die Königin Viktoria und der Prinzgemahl Albert von Kobttrg. Zar Nikolaus II. ist der Onkel 3. Grades des Prinzen, da sein Vater, Mexander III. und die Großherzogin Anastasia Vetter unb Kusine waren. Hier ist der gemeinsame Ursprung schon bei Nikolaus I. zu suchen. Etwas komplizierter wird es, wenn wir uns nun den Älntsfäden zürnenden, die die Verwandtschaft des Prinzen mit dem Kaiser


