Kümstag den 25. August
1906
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Der SLeru.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Arn 8. März.
„Man hat die alte Gräfin Gicrsdorf zri Grabe getragen. Mir schien immer das Sterben so schwer, der Abschied von denen, die man lieb hat. Und nun sah ich, wie einfach und natürlich sich das vollzog. In stillem Prunk rmd mit so viel wundervoller Resignation.
Arme Gräfin!
Sie war freundlich mit sedermann und für nrich hatte sie immer solch eine geheime Zärtlichkeit. Sie war mir fremd geworden, nachdem ich die Heimat verlaffcn hatte — wie alle! Daß ich gerade hier bin, um mit den anderen an ihrer Gruft zu stehen.
Ich ließ cs mir nicht nehmen! So ängstlich Mütterchen auch dreinschäute.
Der Tod hat mich nun mit dem Leben wieder in Berührung gebracht.
Man muß in solchen Dingen nur seinem eigencWGefuhl folgen. Ich fühle mich gesund und fähig, zu ertragen, was das Leben mit sich bringt. Stärker und fester als vordem, weil ich mit klarem Blicke erkenne, was um mich ist und in mir. Weil ich jenem Zustande entronnen bin, der wie in dumpfer Betäubung mich zum willenlosen Werkzeug eines anderen machte.
Ich könnte aufjauchzen im Bewußtsein eigener Straft!
Und darum dürft ihr mir nicht zürnen, wenn ich trotze! Ich habe Eure guten Ratschläge befolgt, so lange ich mich schwach fühlte und unfähig, selbständig zu handeln. Es tat mir wohl, so in Eurer Obhut zu sein I Aber nun — ich habe die Probe sehr gut bestanden!
Alle waren sie da!
Und ich war unter ihnen und teilte ihre Trauer, wie ich früher an ihren Freuden tcilnahm. Wie lange scheint dies zurückzuliegen!
Und doch sind nur wenige Jahre seitdem vergangen.
Aber die Jahre, die bestimmend sind für unsere Entwicklung, unser ganzes künftiges Leben!
Unter den Augen der gütigen Frau, was war das für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit: Ein Kreis, in dem auch die Altersunterschiede sich kaum geltend machten, die Standesunterschiede gar nicht — ich und Hans Hübner gehörten dazu.
Jetzt hat jeder seine Welt für sich! Sein eigenes Leben! Und das Alter steht abseits und hat nicht mehr die Kraft, zu vereinen, auszugleichen, zu vermitteln! Deshalb wird
der Abschied nicht so schwer, als man fürchtet! Man versteht das neue Geschlecht nicht mehr und trennt sich darum leichter!
Die alte Gräfin ist.ruhig gestorben. Ruhiger, als sie in den letzten Jahren geleit hat. Hans' Baker, unser alter Kreisphysikus, sagte mir: Fast heiter ist sie geschieden! Sie hat viel Erdenleid getragen und sehnte sich nach der himmlischen Ruhe!
Ruhe! Tas ist das sehnsuchtsvolle Wünschen aller!
Tie Jungen brauchen sie, um neue Kräfte zu sammeln zum Weiterwandern!
Wie ich in diesen Wintertagen!
Und die Alten, weil sie müde am Endziel ihrer Pilgerfahrt angekommen sind.
Der Kreisphysikus gab mir recht, daß ich bei der Begräbnisfeier zugegen sein wollte.
„Man muß sich nicht lieb haben bis zum Egoismus/ sagte er, „mein neumodischer Sohn und Doktor ist zu ängstlich." Tabci lächle er vor innerem Stolze über das ganze gute, alte Gesicht. Ich werde es vor ihm verantworten, daß du dabei warst. Tn sichst frisch und gut aus, und ich denke immer, wir werden dich aus der Bernstadter Verbannung bald wieder entlassen können. Ter alte Kreisphysikus Hübner wird das feinem jungen Kollegen nach Berlin melden, der ihm die Ehre erwiesen hat, ihm die Behandlung seiner Patientin, der berühmten Tclla Brandt, anzuvertrauen." Wenn der liebe Doktor wüßte, daß ich längst entwischt bin. Und gar, daß ich aufschreibe, was er gesagt hat, damit sein Berliner Kollege dies und noch manches andere erfahre, was mir in diesen stillen Wochen durch den Sinn gegangen ... trotzdem er es verboten hatte."
Della hatte sich ein ivirklichcs Behagen im Elternhanse geschaffen. Vater rmd Mutter ließen sie gewähren, seit sie fanden, daß ihre Art, sich zu beschäftigen, sie heiterer und ruhiger mache als die Grübeleien, denen sie sich in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes hingab. Auch hatte der alte Hausarzt und Hausfreund Dr. Hübner hinter ihrem Rücken die Eltern beruhigt.
„Laßt sie nur machen, was ihr selbst Vergnügen macht. Das ist das beste Heilmittel. Was Schlimmes tut Dellchen nicht! Und sich so vom Herzen reden, was drauf drückt, tut immer gut. Ob's nun mündlich oder schriftlich geschieht! Es ist ein Zeitvertreib. Gute Augen hat sie, und was man sich so allein vorerzählt, das macht nie so viel heißes Blut, wie wenn man's andern vorklagt. Ra, und manches zu sagen und zu klagen wird der arme Wurm wohl haben. Hat zu viel erlebt in jungen Jahren . . . wird nicht so mir nichts dir nichts znsammengellappt sein in Berlin. Ich denke mir,


