431

errang sich den Dollen Beifall der Tausende, die ihn mit Rührung vernahmen.

Das sinnige Spiel des Topfschlagens, das man hier natürlich modernisiert und in ein Maßkrngsch lagen umgewandelt hatte, fand nicht nur zahlreiche Teilnehmer, sondern auch viele Bewunderer. Münchens männliche Jugend hat sich hierbei als äußerst gewandt erwiesen, und wo die Berechnungskunst vielleicht mangelte, da trat die echte Kameradschaft hervor.Weiter links muaßt schlag'», £'lieft",iatzt hau zua, iatzt host a's!" das waren die Reden, die das muntere Spiel begleiteten und manchen schönen Erfolg sicherten.

Das B e st e i g e n d e s M a i b a u m s, auf dessen Spitze so schöne Holzfiguren und andere Sachen baumelten, war lange Zeit hindurch von Mißgunst begleitet. Bis zur Hälfte kamen die meisten, aber daun ging's in beschleunigtem Tempo wieder zurück zur Erde. Endlich, nach langem, ver­geblichen Bemühen wurden dieGrößern" vorgeschickt und unter lautem Jubel gelang es diesen, den Kranz zu erreichen. Die Gunst des Augenblicks nützend, flogen hölzerne, schon bemalte Bajazzos, Körbchen, Kästchen und andere Tinge herab, über die die Freunde des Siegers bis zu dessen .tzerabkunft aus luftiger Höhe mit Argusaugen wachten, damit sie kein Unberufener ergreife. Schon schlich die Nacht über den großen, weiten Platz herein, als auch der G-ipfel- busch herabgeholt wurde. Und daun zogen sie frohgemut heim, die Sieger in den verschiedenen Spielen, lustig die Fahnen schwingend und sich des errungenen Preises freuend. Mancher der Tausende von Zuschauern mag sich bei diesem tollen Treiben seiner eigenen Jügend erinnert haben und der Volksfeste, die er selbst mitgemacht in den Zeiten, da sie noch häufiger zu treffen waren.

Die riesigen Menschenmassen, die gestern zur Wiese wallten, haben natürlich den N a hr u n g s ni i tt e l b e- ständen der Festbuden außerordentlich stark zugesetzt: Im Cafo wurden gestern verkauft 100 Pfund Kaffee, 40 Torten, 150 Liter Gefrornes und um 120 Mk. Kleingebäck. Die Bude der Löwenbrauerei verkaufte 170 Hektoliter Bier, 12 000 Paar Schweinswürstel, 8000 Wiener und Regens­burger, 120 Gänse, 150 Hühner, 4 Zentner Ripperl, 2 Ztr. Emmentaler, 1 Zentner Butter und 3040 Schinken. In der Festhalle wurden verzehrt: 7 Kälber, 5 Schweine, 24 Rehe, 52 Gänse, 120 Hühner und 12 Zentner Goulhas, 15 000 Regensburger und 20 000 Semmeln. Der Bierver­brauch beziffert sich in der Halle auf 180 Hektoliter. In deralten Liesl": 107 Hektoliter Bier, 20 Schinken, 10 000 Schweinswürstel, 100 Wecken Brot, IV2 Zentner Käse, für 80 Mark Regensburger und für 120 Mark Wienerwürstl. Bürgerbräu: 80 Hektoliter Bier, 7000 Schweinswürstel, 2000 Regensburger, 40 Gänse, 50 Hühner, IV2 Zentner Käse, 1/2 Zentner Butter.Bauer in der Au": 85 Hektoliter Bier, 5000 Schweinswürstel, für 400 Mark Dicke und Dünne, 60 Gänse und 80 Hühner. In der Hühnerbraterei wurden 500 Hühner verkauft. In der Fischbraterei von Pravida, die auch Prinz Ludwig im Laufe der Woche mit seinem Besuche beehrte, wurden 53 Zentner Fische verkauft.

In München, wo sich einVerein gegen das schlechte Einschenken" unter Beteiligung von Stadtvätern, Pro­fessoren, Kaufleuten ufw. gebildet hat, wo der Landtag die Bockprobe" imHofbräuhaus" mit tiefem Ernst vornimmt, in München ist es nicht verwunderlich, daß die Stadt einen Magistratsrat mit dem Spezialauftrag auf die Festwiese abgesandt hat, das Einschenken zu kontrollieren. Kostet doch dieFestmaß 40 Pfennige, ein für München unerhörter Preis, der mit der besonderen Güte desWies'nbieres" begründet wird. Und trotzdem üben sich die Schenkkellner, die das Bier in Pacht bekommen, fleißig imSchneiden", um ihren Verdienst am Hektoliter nach Möglichkeit zu er­höhen. Was Wunder, wenn also trotz der magistratüchen Kontrolle der Wanderer aus dem Norden klagt, daß das Münchener Bieroben" beinahe billiger sei, als an der Quelle, weil die Schaumkrone hier schon mehr einer päpst­lichen Tiara gleicht.

Der Freitag war den Manen Bismarcks geweiht, ^n vNehreren Sonderzügen fuhren die Schützenbrüder um 3 Uhr nach Starnberg, dessen durch Ludwigs II. Tod für jedes Bayernherz geheiligter tiefgrüner See der Schauplatz für eine großartige Kundgebung von Bismaxckverehreru aller Stände und aus allen deutschen Gauen wurde. Mit Böller­schüssen von Leoni und dem Bismarckturm begrüßt, fuhren die Festteilnehmer in mehreren Dampfern üher be;; See,

dessen Südseite die steile Alpenwand des Wetterstein- gebirges. mit Deutschlands höchstem Berge, der Zugspitze, abschließt. Als die Schiffe Schloß Berg und dessen Park massierten, an dessen Ufer die vom Prinzregenten gestiftete romanische Gedächtniskäpelle an das tragische Ende des idealen Bayernkönigs gemahnt, verstummte der fröhliche Gesang und die Musik auf den Schiffen und die Schützen zogen tief ergriffen den Hut. Tann ging es weiter in flotter Fahrt nach Leoni, von wo aus der Aufstieg zum Bismarck­turm erfolgte. In Starnberg und Leoni paradierten die Ruder- und Segelklubs des Starnberger Sees in festlichem Aufzuge vor den Schützen und die Musikkapelle des ersten chweren Reiterregiments marschierte den Schützen mit klingendem Spiel auf dem Wege zur Höhe voraus. Am Fuße des Bismarckturms angekommen, von dessen Krönung Fan- aren erschallten, feierte Direktor Loöu-München Bismarck als nationalen Geisteshelden und pries seine unsterblichen Verdienste um die Einigung Deutschlands. Mit Macht timmte alles in den Gesang des Verbrüderungsliedes Deutschland, Deutschland über alles!" ein. Tann legten die Vorstände des deutschen und des österreichischen Schntzen- bundes, sowie die Delegierten der Einzelvereiue pracht­volle Kränze mit Schleifen in den Farben der verschiedenen Staaten mit kurzen Huldigungsausprachen nieder. In­zwischen war der Marketenderzug angekommen. Die ganze Festversammlung lagerte sich unter Gottes freiem Himmel und es entwickelte sich ein echtes, rechtes Schützenleben.

Zur Frage der TabakvergistuuL.

Es wird viel über die Schädlichkeit des Rauchens geschrieben» und geredet, ohne das; sich bisher ein wirklich zuverlässiger Starts punkt iu dieser Frage ergeben hätte. Selbp die Wissenschaft ist sich in ihrer Beurteilung noch nicht einig, und man hört sogar widersprechende Anschaunngcn darüber, was denn eigentlich das Schädliche am Tabak sei. Früher hat man allgemein von VI rro­tt n v c r g i f t u n g gesprochen, während neuerdings von cungeN Seiten bel-auptet worden ist, daß weniger das 'Nikotin als das beim Verbrennen des Tabaks entwickelte Kohlenoxyd und Bedenkliche am Tabakgenuh sei. Ebenso schwanken die Meinungen mit Bezug darauf, wieviel Tabak man einem erwachsenen Menschen zu verbrauchen oder, wie mau von Alters in Deuts ch- laud sagte, zusaufen" gestatten könne und wo das lieb ermaß anfange. Einen wertvollen Beitrag zur Frage chronischer. Tabal- vergistung hat fetzt Dr. Favarger vom Wiener. Institut sur all­gemeine und experimentelle Pathologie veröffentlicht, nachdem er Versuche bezüglich der Folgen von Nikotin an Hunden vor- qcnommen hat. Die Ergebnisse dieser jetzt lt> Jahre zurück­liegenden Experimente schienen zu beweisen, daß gewisse inmk- haste Veränderungen am Herzen durch laug andauernde Wirkung vou Nikotin eintreten können'. Nachdem nun vor einigen Zähren noch ein besonderer Stoff im Tabak entdeckt worden lvnr,_ b?r mit dem Nikotin nicht übereinstimmte, nahm Dr. Favarger feine Arbeiten wieder amf. Seit dieser Zeit erhielt er leiten Stofs in Gestalt eines ätherischen Tabaköls von dunkler Farbe und betäubendem Geruch geliefert, das bei seiner Handhabung eine unangenehme Wirkung verriet, indem cs Kopfschmerzen, Brech­reiz 'und Schwindel verursachte. Von diesem Ocl waren aus 20 Kilogramm Tabak beim Verrauchen etwa ,7a Gramm ge­wonnen worden. Trotz jener bedenklich erscheinenden Eigenschaften ergaben die ersten Versuche die Tatsache, daß eine Einimpfung von 1/2 Gramm des Oels beim Meerschweinchen eine Er­krankung der Tiere nicht zur Folge hatte Es mußte danach geschlossen werden, daß dem Stoss keine besondere Giftig­keit zukomme; zumal die Impfung unter die Haut immer weit gefährlicher ist als die Aufnahme durch den Mund. ^m Gan­zen ergaben die Experimente, daß jeneS Brenzol des Tabaks keine anderen Wirkungen hat als die ätherischen Oele überhaupt und zur Erklärung der chronischen Tabakvergiftring keineswegs dienen kann. Favarger wiederholte nun noch seine Experimente mit Nikotin fütternn g an Hunden, und zwar erhielten die Tiere bis zn 10 Tropfen täglich von einer Losung, die allmäh­lich bis zu einem Nikotingehalt von 6 V..H. gesteigert wurde. Es stylte sich bei den Hunden eine allgemeine «torung der Nerven­vorgänge ein, so daß die Tiere in den ersten zwei Monaten bc- beutenb an Gewicht verloren. Insbesondere zeigte sich eine beträchtliche Abnahme der roten und eine entsprechende «er mehrnng d e r w e i ß e n B l u t k ö r p e r che n , also die Ausbildung einer echten Bleichsucht. Auch favarger regt die" schon oft besprochene Frage an, ob nicht das sogenannte Fenchtrauchen weit schädlich er fei als das tr0ckene, daß also vor allem das eigentliche Lutscheu an Zigarren, das sich so viele Raucher angewöhnt haben, unbedingtwidemateiiwerden müsse. Wahrscheinlich ist diese Unsitte in demselben Grade schäd­licher, wie das Tabak kau en für verderblicher güt als das Rauchen. 1