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®v Beit und Zimmer und Licht — das muß ich sagen, in Keser großen Stabt!"
„Armer Papa!" rief sie, ihn aufs neue umschlingend. „Und welches Glück, daß dein Abenteuer noch so abgelaufen •ft, es hätte schlimmer kommen können." Schaudernd dachte 'ie daran. Sic schloß die Augen, als wolle sie das Bild sibwehren, das vor sie trat. Sie kannte zwar Berlin noch nicht, aber sie hatte genug von den Gefahren gehört, die so naiven, weltfremden Leuten drohen, wie ihr Vater einer ist. Und dann fiel ihr ein, wie diese kleine ängstliche Sparsaui- teit so gar nicht im Verhältnis stand zu ihrer jetzigen Lebcns- zührung, und wie oft sie sich früher damit ermutigt hatte, daß sie den Eltern ein freies, breites, sorgloses Leben schaffen werde, sie reich und glücklich machen, sobald sie ihr Ziel erreicht haben würde.
„Aber, Väterchen, warum bist bit beim gar so sparsam? Du bist doch nicht geizig geworben, alter Herr? Hast's Wirklich nicht nötig! Ich schicke boch von dem vielen Gelbe, bas ich verbiene." Es war ihr augenscheinlich schtver, den Punkt zur Sprache zu bringen. Er lachte vergnügt, rieb sich bie Hände nnb machte ein ganz verschmitztes Gesicht.
„Na, rat’ mal, Teilchen!"
„Was, Papa?"
„Das Gelb — das haben wir für dich in bie Sparkasse gelegt."
„Wer, Papa!"
„Ja, sieh mal, Muttchen nnb ich haben reichlich, was wir brauchen. Jetzt gar! Tu . . . bu .. . na, bu kostest doch längst nichts mehr — un Gegenteil, verdienst selbst, also . . ."
„Ach, ®aiter! Tu ... . ihr .. .ja, aber was ihr euch abspartet in den vorhergehenbcn Jahren, als ich noch studierte. . . jp und (das. . . bas hättet ihr boch für euch wenigstens verwenbeu können!" Tränen waren in ihrer Stimme.
„Gott, Teilchen", sagte er ganz verwirrt. „Kinbcheu, es fehlte uns boch aber nichts — wir brauchen es ja nicht — benk mal, Mutter und ich, zwei alte Leute, nnb wie bu fort warst, wir konnten wirklich sparen!"
„Ja, absparen am kärglichen Brot", sagte sie bitter. „Währenb ber Stubien konnte ich eS nicht änbern, aber da sagte ich mir, nur Gebulb, uimm's an, ertrage cs, bu wirst alles wieber eütbringen, reichlich, hundertfach, tauseub- fach . . . nnb nun, wo's so weit ist, fragt ihr bas Gelb in bie Sparkasse."
Sie war in lebhafter Erregung emporgesprungen, nnb er sah sie ganz bestürzt au mit zaghaften, hilflosen Blicken.
„Ach, Teilchen", stammelte er, „Teilchen! Ich sage bir wirklich .. . Mama hat sich boch bas neue schwarze Atlasne gemacht mit Spitzen an beit Aermeln zur Hochzeit von Graf Guido. Wie bu es. gewünscht hast.unb ich. Einen neuen Winterröck habe ich mir gekauft, sehr wärm, beim SamUel Meraner an ber Ecke, sehr fein."
Tie Art, wie er sie zu beruhigen bemüht war, verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie lächelte unter Tränen nnb bann tagte sie:
„Ja, wahrhaftig! Ich sehe schon, ihr seib bie reinsten Perschwenber und treibt einen unerhörten Luxus. Also bas schwarze Atlasne existiert Unb . . ,"
„Ter neue Winterrock auch", fügte er eifrig hinzu.
„Unb was bie Hauptsache ist, ich habe, meinen lieben, guten, alten Papa bei mir, unb nun werbe ich ein Wörtlein mit dreinzureben haben."
Sie hatte sich in einen Fauteuil gefetzt, ben sie an das Sofa heranschob, in dessen Ecke er noch immer saß. „Unb jetzt werben wir zusammen frühstücken", sie brückte auf bie elektrische Klingel.
„Tu, Della . . . ich . . . ich habe schon gefrühstückt", warf er schüchtern ein, „sehr guten Kaffee unb zwei geschmierte Semmeln, fünfunbzwaNzig Pfennig."
Der Kellner trat ein.
„Servieren Sie zwei Tejeuners, bitte."
Er überreichte ihr bie Speisekarte, in bie sie flüchtig hineinblickte.
„Bringen Sie mir zwei Filets ä la Rossini."
„Wein gefällig, guäbiges Fräulein?"■ . ?
„Ja! Eine Flasche Bordeaux."
Als ber Kellner brausten war, sagte sie mit bittendem ..Tpue: - ■
„Du mußt dich schon fügen, Püppchen! Sie mal hier, bas ist boch anders wie daheim, ich hab's auch gelernt." Sie unterdrückte einen Seufzer und ein dunkler Schatten huschte über ihr Antlitz.
„Ja bu! Tas ist etwas anderes! Das begreife ich! Tu bist eine Künstlerin, bie Welt beobachtet bich, Mütter sagt, aller Augen finb auf bich gerichtet unb in beit Zeitungen stehst bu, ba mußt bu’3 natürlich vornehm geben unb, Gott sei Dank, bu hast's bazn!"
„Und hier in Berlin müßt du mir Gesellschaft leisten unb inithaltcn, unb babei erzählst du mir alles von zu Hanse. Alles . . . alles will ich hören." Wieber erbebte ihre Stimme wie in innerster Erregung, unb es war gut, baß der Kellner cintrat, gefolgt von beut Pikkolo, ber ihm beim Servieren behilflich war. Als bas Frühstück aufgetragen war unb bie Weinflasche geöffnet, sagte sie: „Ich beb'arf Ihrer Dienste nicht weiter!" Sie legte bann bem toter ein kleines Filetbeefsteak vor, goß ihm ein Glas Wein ein, unb als sie bemerkte, wie er bie Trüffel, bie darauf lag, beiseite schob, lachte sie: „Hast recht, Bätchen! Wozu mit neuen Tingen sich das alte, liebe Leben erschweren und den Magen verderben. Aber jetzt — auf Muttchens Ge-> sundheit!"
jFortsetzung folgt.)
Milder vom 15. deutsche» Wundcsschießm.
Bon Paul Sch web er-Berlin.
(Huber. Nachbr. Verb.)
M ü n ch c n, im Juli.
Die Beteiligung ber Schützen hatte schon am Montag eilte Hohe erreicht, wie sie bei keinem früheren Bunbes- schießen erzielt würbe. Die Zahl ber aktiven Schützen betrug am Freitag vormittag 4650, bie Schießeinlagen haben bereits mehr als 300 000 Mk. gebracht; es wirb bem na cf) erwartet, baß btefer Teil bcs Budgets gegenüber dem Voranschlag von 350000 Mk. mit einem erheblichen Plus ab- schließt.
Hamburg als nächste Feststabt wird diesen Erfolgen gegenüber einen äußerst schweren Stand haben. Wie wird es sich z. B. mit der Forderung nach einem „Volksfest- t a g c" abftuben, wie ihn München bot? War boch für bie ganze Stabt ein Feiertag unb besonbers für bie verehrliche Jugeub.
Ter Festzug auf ber Wiese war rasch arrangiert trotz seiner ganz eigenartigen Zusammensetzung. Voraus ein Poll von anno bazumal hoch zu Roß, bas Fcstkoinitee, Preisfahnen- unb Guirlanbenträger, mehrere hundert Buben im Haidhäuser, Auer unb Gicsinger Nationalkostüm', d. h. in Hembärmeln, barfuß unb ohne Kopfbebeckung, natürlich nur aus Zweckmäßigkeitsgrüiibcu. Die auffallenbe Erscheinung, daß alle schmutzige Füße hatten, wurde .bald erklärlich: sie hatten sie mit Schnsterpech eingerieben, um ben Maibaum leichter besteigen zu können. Dann folgten bie Rennpferbe, unb ben "Schluß bildete ein Dachauer Bauernpaar (bie beliebten Münchener Komiker Lnbl mtb Glonnh), die ein Wnnberzebra unb eine preisgekrönte Wunberküh „Aurora" vorführten.
Das Pferberennen nahm einen glänzenben Verlauf; es gab schöne Felber und ber Enbkainpf bilbete ein hochinteressantes Schauspiel. Bei ber Preisverteilung erhielt bie 50jährige braune Stute „Schützenliesel" ben 1., „Heiter", österreichischer Rassehengst, ben 2., unb „Lucki", schäbiger Vollbluthengst, ben 3. Preis. Aber auch bie übrigen Pferbe würben mit Fahnen unb Gelbpreisen (je 5 Nickel in einem grünfeibetten Beutel) bedacht.
Die Vorführung des Wunderzebras unb besonbers ber Wunderlich „Aurora" zog eine ungeheure Menschenmenge an. Die dicke Dachauerin (Herr Ludl) leitete die Produktion int Schweiße ihres Angesichts mit einer längeren Rebe ein, aus ber als wichtigstes Moment anzuführen ist, baß bie Wunberkny in Luzern geboren unb in Schliersee ihre elfte Jugend verlebte. Ihr Vater war ein Stier unb ihre Mutter ein Riubvieh. Die Leistungen bet Wunberküh be- beuteten übrigens ein Wunder ber Drefsurkuust. Ein Vortrag bes bie Wundertiere besitzenden Paares:
, , Mir fait ba G'scherte,
Koane Gelehrte, ! s Ja, mir san g'schert, : ' Wig fix si' g'hört,


