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üer stehlen konnten, vermittelten sie den geheime» Nach­richtendienst. Oft flogen Bälle über die Maner in den Kinderhof, wurden von diesem, wie int Spiel, auf den den zweiten, den Weiberhof, wo häufig in rührenden Tönen das bekannte schwermütige Matrosenlied:Tie weiße Taube", unter desseu Klänge» einst Kaiser Max von Mexiko erschossen worden war, gesungen wurde, und von diesem wahrscheinlich auf den Männerhof weiterbefördert. Ich fürchtete, daß Werkzeuge auf diese Weise eingeschmuggelt würden, und wollte nicht Mitschuldiger werden. Es gelang mir einmal bei passender Gelegenheit, als em Wärter htuzn kam, diesem die KontrcbcmBe in die .Hand zu spielen. Em Wutblick voit feiten der beiden jungen Korsen war meine Belohnung. Sie erhielten Zellenarrest und lange Straf- reden. Mir sagte auf meine Anfrage der Wärter, daß es nur Tabak wäre, deu die Frauen ihren gefangenen Männern zukommen ließen. Ich habe später auch nie wieder hindernd eingegriffeu, da ich mich vor der Böswilligkeit der Burschen fürchtete.

Einmal flogen ivie im Spuk von Resau mehrere Laiber Weißbrot über die etwa zehn Meter hohe Mauer. JSie Jungen hatten einen wahren Festtag, als sie es rasend schnell verzehrten.

Später war auch eilt älterer Mann, der in keinem Ge­fängnis aushalten konnte er wär zeitweise in Corte und Nimes untergebracht gewesen bei uns. Zur Stärkung seiner Gesundheit erhielt er jeden Tag eine halbe Flasche Wein und ein kleines, auf Holz gestecktes Beefsteak. Seine Brust war dick init Ausschlag behaftet. Schade, daß ich damals kein Na- falän hatte; es hätte ihm sicher geholfen werden können. Ter Mann wär sehr erbittert und bösartig, wenn ich sein Korsisch nicht verstand, und hat mir manchem Fluch nach- geschickt und Arges angewünscht, obwohl ich stets mitleidig gegen ihn ivar.

Jedes Stückchen Papier, Zeitungsblätter, Schülerhcft- seiteu, die zum Einwickeln der Früchte benutzt worben waren, wurden gierig von mir durchstudiert. Ein Zeitungs­fetzen brachte einen Aufruf au alle stimmfähigen Bürger, sich der Aufhebung der Klosterschuleu zu widersetzen. Es wurde darin genau pro Kopf ausgerechnet, welche unend­lichen Summen jeder Steuerzahler ausbringeu müßte, wenn an Stelle der nubcsoldeten Mönche und Nonnen besoldete Lehrkräfte träten. In einer andern halben Zeitungsseite hetzte mau gegen die Freimaurer. Sie wären die Wurzel alles Uebels in Frankreich, die Ursache der großen Staats- umwälzungen, denn wie auf ein gegebenes Zeichen wäre seinerzeit an den verschiedensten, weit von einander ent­fernten Plätzen die Revolution ausgebrochen. Ein recht schmackhaftes Stück Tortendessert war von einem Aüfsatz von Fräulein Botti, der Tochter meines Restaurateurs, umhüllt. Aehulich den bekannten Erzählungen des Pariser Petit Journal" aus dem Livre d'or von 1870 schilderte darin die Jungfrau nach Anleitung der frommen Nonnen, wie ein preußischer Offizier mit seinen Leuten in einen Gutshof gerückt wäre, aus dem eine französische Mteilung kurz vorher entwichen war. Ter Preuße forderte die Tochter auf, ihm mitzuteilen, nach welcher Richtung die Franzosen sich gewandt hätten. Da sie sich weigerte, ihre Landsleute zu verraten, ließ der Offizier auf das junge Mädchen eine Salve abgeben, unter der sie als Heldin zusammenbrach. Silke et decorum est pro patria mori.

Wie aus den verschiedenen Schilderungen zu ersehen, war meine Stimmung sehr verschieden. Hatte mir mein Rechtsanwalt günstige Nachrichten gebracht, war das Wetter klar, der Gefängnishof trocken und ich auf ihm allein und un­gestört, hatte ich kein Fieber, war mein großer Stoß Briefe und Postkarten aus der Heimat eingetrofsen, so marschierte ich stolz und selbstbewußt hin und her wie ein preußischer Soldat und stimmte:Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben" an oderWas blasen die Trompeten" oderIch halt' einen Kameraden",Preisend mit viel schönewReden", Das Wandern ist des Müllers Lust".

Ja, wenn ich hoffte, daß es keiner hörte, wagte ich mich sogar auEs braust ein Ruf tote Donnerhäll", be­sonders wenn ich in Moltkes Briefen an feine Brant und Frau gelesen hätte. Das Buchzeichen, das schtoärz-weiß-rote Bändchen, ließ ich Beim Lesen immer herausfordernd herum­flattern.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" hat mich immer fchwennütig gemacht, auch frühes schon in England, in

einer sehr lustigen englischen Gesellschaft, als ich es, auf­gefordert, auch etwas vorzutragen, saug.

Oft saß ich auch bei froher Stimmung auf dem alters- gebrechlicheu, zerschnittenen Eichentisch, der mangels anderer Sitzgelegenheiten in den Gefängnishof gebracht war, und! sgng im frohlockenden Tempo des Adventsliedes:Macht hoch die Tür, die Tore macht weit", das alte, liebe Lied: Wie schön leuchtet der Morgenstern".

Wer ich habe auch viele recht trübe, finstere Stunden durchgekostet. Wie oft habe ich brennend dasVater unfer"- gebetet und bei jeder Bitte hinzugefügt:Auch hier in Korsika", dem Lande, in dem über Religion gespottet wird, too sich jeder selbst ein Gott und über alle, die es noch mit Moral, Treue, Glauben, Wahrheit halten, erhaben dünkt. Wenn der wildeste Orkan über das Gefängnis dahinbrauste,, wenn Blitz und Donner Schlag auf Schlag inederfchmetter- ten, sodaß die eisenfesten Grundmauern auf granitnen Fundamenten schier erbebten, dann hoffte ich, daßEr" endlich sein Machtwort sprechen und das ganze Lügeunest pom Erdboden fortfegcn würde. Frohlockend wäre ich, wie Simsou, mit der Philisterbrut uittergegangen. AberEr" nahte sich mir nicht. . . und tieftraurig, gebrochenen Her­zens, beugte ich mich unter seinen Willen. Es is. genug, so nimm nun, Herr, meine Seele, ich begehre nickt mehr zu. leben. Wie hat sich damals der Chef des Gefäncnisses auf­geregt, als ich aufFröhliche Ostergrüße" dm Freunde als Illustration meiner Stimmung den ersten Vers vo» Psalm 28 an führte. Ain schlimmsten trug ich an den Souii- nnd Festtagen, an denen ich sonst fast regelnüßig zur Kirche gepilgert war. MhNlich der Jngeborg in Frenssens Brei Getreuen", die ich im Gefängnis zu Ajaccio las, müßte ich erkennen, daß ich meine religiöse Uelerzeugung, auf die ich so stolz gewesen war, als ein Feierkleid getragen hatte, als Josefs bunten Rock, der in Regen und in Kälte nichts wert war. Ich war oft recht rnüdc und las meine Bibel mit einer eintönige», gleichgiltige» Stimme, als oh ich Gottes Wort nicht mehr begreifen konnte. Vicl^haben mir in dieser Herzensnot und Verzweiflung Storchs Sonnenstrahlen einfangen" geholfen, sprachen doch die alten! lieben Worte zum Herzen wie trauter Glockenklaug ans' der liebe» Heimat. Wie oft und immer und immer wieder; habe ich über seinemTief hinab", doch'hoch hinauf",Der nehme sein Krerz auf sich",Gethsemane-Stunden",Eine kühne Bebauptnng",Wider die Sorge" gesessen, wen» die Geduld gar nicht kommen wollte. Wie furchtbar, wen» ich mir nach dem sehr Bittere» Rezept Nr. 6 in letzterem vor stellte, daß ich einem Justizirrtum zum Opfer falle» und hingerichtet werde» konnte, und letzteres wäre »och nicht einmal das Schlimmste gewesen, dann wäre ich mit meiner innigst geliebte» Mutter wieder vereinigt worden. Die Richter hätten lebenslängliche Zwangsarbeit auf den Galeeren beantragt. Was wären das für Qualen gewesen, zwischen solchem Gesindel und vom Ungeziefer starrend dahin zu leben. Mit dem Tode hätte ich mich noch versöhnen' können. Das wäre bald überstanden gewesen, und als Trost brauchte ich nur anzunehmen, daß ich auf meiner Studien­reise unter Menschenfresser geraten wäre.

, (Fortsetzung folgt.)

Eine Studienreise nach Trier-

Bo» K a r l N e u r a t h. i t

I.

Unter der Führung der Professoren Bet he, «au er und Strack begaben sieh am 30. Mai etwa 50 Studierende der Universität, Schüler der genannten Professoren, nach der alten Augusta Trevcrornm, um dort die großartigen Repe römischer Kultur und römischer Kunst zu besichtigen.

Zeigte auch der Himmel am Morgen her Abreise nur em graues, griesgrämiges Gesicht, der guten Laune der «nidien- fahrer gegenüber konnte er nicht standhalten und je langer er die jugendlichen Scholastcn betrachtete, um so freundlicher wurde er. Aber Undank ist der Welt Lohn, und so mußte er sich denn gefallen lassen, daß er kaum beachtet wurde. Er mochte auch aus alter Erfahrung wissen, daß junge Studeiiten lieber em junges blühendes Weiblein sehen, _ ivie cs die Ewe war, denn einen alten Herren in grauer Zipfelmütze, ivenn er nicht zufällig eine dicke Geldtasche zurgeneigten Verfügung stellt.

Es Ivar ja vielleicht nicht gerade hübsch, daß man ihn so . oben' liegen lies; und nur Augen für das prächtige Lahntal hatte, derweil der Zug rasselnd durch die erblühten Lande eckte, aber hübsch war es doch. Du lieber Gott, den Morgenhimmel haben wir schon pst gesehen. Wir wissen ganz genau, daß er entweder