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Suse war auf dein Heimwege außer Rand und Band vor Glückseligkeit über das Gelingen ihres Plaues, so daß ihre Begleiter aus dein Lachen über ihre Ausgelassenheiten gar nicht herauskauien.
Als sie, zu Hause anKlangt, mit raschen Blicken den Garderobenhaltcr im Entree streifte, schrie sie fast auf vor Freude.
„Ruth ist da!" Und zu Trautendorf gewandt, den sie an den Schultern packte: „Menschcnskind, begreifst Du? Ruth? Rn wirds Tag'."
Er nahm, sie bei den Ohren.
„Wildfang, wann wirst Du bloß vernünftig werden? Wochenlang spielst Du die gesittete deutsche Jungfrau und eine Stunde macht den alten Tollkopf aus Dir!"
Sie guckte schnell zu Bittner hin, der sich vor dein Spiegel das schlichte Haar bürstete, dann hängte sie sich an Trautendorfs Hals:
„Liebst Du den Tollkopf nicht, Schatz?"
„Ach Du!" sagte er. Sonst nichts.
Und dann gabs einen verstohlenen Kuß, denn der lange Offizier steckte eben bedächtig seine Haarbürstchcn in die Tasche.
Die zurückgekehrte Betty, vor der Suse sich übrigens nie zu genieren pflegte, wenn sie ihrem Fritz einen Kuß geben wollte, riß die Tür zum Salon auf und trat, der jungen Braut zulächelnd, beiseite.
Die flog ungestüm auf die Schwester zu, welche neben Meta bereits bcn Gästen cntgcgentrat, und umhalste sie stürmisch. Dann erst küßte sie „Muttchen" die schmale Hand.
In dem Begrüßungstrubel bemerkte niemand, daß Oberleutnant Bittner betroffen zurückivich, als er in Ruths schönes blasses Gesicht sah.
Aber Trautendorf fiel cs bald darauf auf, daß der Freund aus seinem Gespräch mit Frau Meta heraus öfters eigentümlich forschend zu seiner Schivägerin herüberblickte. Es lag noch etwas anderes in seinem Blick, als nur das Wohlgefallen an ihrer Schönheit.
„Meine Schivägerin gefällt Dir wohl sehr?" neckte er in einem Moment des Alleinseins, „immerzu, mein Junge, sie ist noch zu haben."
Der Gefoppte lächelte gutmütig.
„Das erste gebe ich zu," meinte er ruhig, „aber in dem letzten Punkte glaube ich Dir ividersprechen z>l müssen. Ich täusche mich nicht, wenn ich behaupte, daß Willy Hammer und Deine Schwägerin sich nahestehen."
Trautendorf machte ein sehr verblüfftes Gesicht.
„Da iveißt Du mehr als ich, mein Junge! Aber wenn Du etiva nur wegen des heutigen Rendezvoils mit dem Maler Dir eine Tatsache zurcchtkombünerst — da irrst Du Dich. So iveit, wie'Du meinst, ist die Sache noch nicht gediehen."
(Fortsetzung folgt.)
157 Tage korsischer UauöNörder.
Erinnerungen an Korsika.
Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e in n n n.
(Nachdruck erwünscht.)
(Fortsetzung.)
Am 26. Februar: „. . . Auch das ewige Wenttrmken- müssen und Selterwasser bekommt mir nicht gut. Ebenso kann ich mich an das fette Essen, das obendrein furchtbar gewürzt ist, nicht gewöhnen. Ich habe häufig schlaflose Nächte, bisweilen auch Fieber. Man hat hier in Korsika gar nichts. Alles wird importiert. Nachmittags bin ich gewöhnlich 3—4 Stunden aus dem Gefänguishofe und lese, langsam auf und abgehend."
Aus Cannes wurde mir aus dem deutschen Pfarr- Hause unter dem 6. Februar die Mitteilung, daß nach verschiedenen Seiten für mich Schritte getan, auch an Fürst R. persönlich geschrieben wäre.
Am 16. Februar, daß Fürst R. versprochen hätte, daß Nir die möglichsten Erleichterungen zuteil werden sollten.
Ach 2. März!, daß der „Figaro" dieser. Tage meine .Sache
in die Oefsentlichkeit bringen würde, ebenso riet eine Magdeburger Dame am 9. März aus Cannes meinen Brüdern, aus Ergreifung des Mörders eine Belohnung auszusetzen. Spaßig ist, daß die Dame aus Mgst, eingesteckt zu werden, ihren Namen wieder ausgekritzelt hatte.
Im jugendlichem Leichtsinn der ersten Zeit, da ich noch hoffte, daß ein energisches. Einschreiten des Auswärtigen Amtes schon in den ersten Tagen alles wenden würde, hätte ich ein in die Gefängnismauer eingekratztes T durch einen der mitgefangenen Jungen mittels eines Blechlösfels zu AT ergänzen lassen. Später, nach Wochen, als immer mehr Geduld notwendig wurde, habe ich jenes Monogramm oft recht trübe betrachtet, stand doch dicht dahinter, wahrscheinlich von einem, der nicht schreiben konnte, ein Kreuz, ein recht ernstes Memento.
In der ersten Zeit war ich mit drei Knaben zusammen, von denen einer, Pauoletti Franyois, mit dem berüchtigten jungen Fagianelli befreundet war. Pauoletti bettelte mich, ständig um Schreibpapier an für Briefe au seine Schwester, wahrscheinlich aber zur Benachrichtigung seines Freundes Faggianelli, der wnnderbarerweise mich genau in Wintermantel und englischer Kappe, die ich erst im Gefängnis trug, von dem Berge herabkommen gesehen haben wollte.
Der dritte der Jungen wär ein Sardinier, der nicht französisch sprach. Er wurde von den beiden dreizehnjährigen Korsen mißhandelt, mit Tritten und Fäustpuffcn in den Rücken, sodaß alles knackte. Mir hat der arme Bengel, der nach der Aussage der Korsen außer dem Ungeziefer int Hemde keine Verwandten hatte, sehr leid getan. Es schien, als ob der Junge dies fühlte, denn er suchte mich, wenn ich trübe gestimmt war, durch phantastische Sprünge, Verzerrung der Augen und Backen zu erheitern. Die Belohnung waren erneute Püffe von der anderen Seite. Den Knaben erzählte ich von meinen Reisen, den zoologischen Garten in London, von Magdeburg, und wie einmal! unsere Königin Luise ihren Napoleon I. um ntetne' Vaterstadt als Geschenk gebeten hätte. Dagegen hörte ich von den Korsen, daß es jetzt ein schweres Verbrechen ivärc, in Ajaccio „Bivc Napoleon" zu rufen, das würde mit drei Monaten Gefängnis bestraft. Dennoch sangen mit ivähren Engelflimmeit die beiden mir die Napölienne und die Ajaccienne vor, von der sie wüßten, daß wir die gleiche Melodie „Ich halt' einen Kameraden" hatten. Als Schluß, folgte die Marseillaise, das Freiheitslied, in Frankreich von mir zuerst ijm Gefängnis gehört!
Versucht habe ich, den Korsen auf einem Damenbrett, das mit rotem Ziegelstein aus den Fußboden gemalt war, „Wolf und Schaf" bcizubrirtgen. Die vier Schafe ton eit aus dem Innern des Gefängnisbrotes gebrochen, der Wolf aus der braunen Kruste.
Großer Feiertag war für die Jungen, wenn sie für irgend eine Dienstleistung für den Gefangenen, der als letzte Etappe vor seiner Entlassung die Küche verwaltete. Zigarrenstummel oder Kleinigkeiten von Tabak erhielten. Durch das Schauloch in der Tür flogen noch einige glühende Kohlen nach, und eins, zwei, drei hatten die Bengel von ihren notdürftigen Hemden Streifen heruntergerissen, die, an den Kohlen angezündet, als Lunte mit Stöcken in die Hofmauer gesteckt, stundenlang glimmten, sodaß die Zigarrenreste ganz „con amore" über lange Stunden hin ver-, teilt werden konnten.
Oft war Rattenjagd. Die Ratten kamen, wenn es zü Abend ging, aus dem sehr primitiven „Kabinett" heraus. Au Stöcken wurden unten größere Stücke Gefängnisbrot befestigt und eine sogenannte Studcntcnfalle mittels Holz-, kübel konstruiert.
Häufig war mittags geheime Besprechung über die Gefängnismauer hinweg. Wie in Ali Baba von 1001 Nacht flog ein Steinchen über die Mauer, es wurde zurückbeför-, dert, ein zweites folgte bald. Jetzt ging die Kletterei los! Mit affenartiger Geschwindigkeit und Gelenkigkeit — tote ost habe ich die Burschen.darum beneidet — war Fran- ?ois Pauoletti auf der Klinke der Tür, die den Vorraum! gegen den Kinderhof abschließen konnte. Ein Krampfen' und Schwingen, und Pauoletti stand oben auf der Kante der Tür, von der er den Sprecher oder die Sprecherin! oben im Gangfenster des gegenüberliegenden Palais dä Justice sehen konnte. Mit fliegenden Worten wurde alles berichtet, vielleicht auch mir Schädliches hinausbeförderh wenigstens warnte mich mein Verteidiger immer wieder vor diesen Burschen. Da diese int Gefängnis überall sich hin M»


