Ausgabe 
25.6.1906
 
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Mittellose Mädchen.

Noman von H, Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Da hob Suse den Blick. Sie war bleich geworden. Sie fühlte, daß sie ein großes Wagnis unternommen hatte. Wenn ihr eine beschämende Niederlage wurde?

Die blauen Kinderaugen forschten ernst und bang in den heißen, dunklen des Mannes. Dann sagte sie leise, zögernd:

Wir wissen es nicht aber, Herr Hammer, vielleicht Sic cs ist seit dem Tage, da sie das letzte Mal aus Ihrem Atelier kam/'

Ein unartikulierter Laut brach von den Lippen des Mannes. Sein leidenschaftliches Temperament kannte kein Zurückhalten mehr.

Fräulein Suse, liebes Fräulein Suse!" keuchte er, ihre Hand wie in einem Schraubstock pressend,Sie begehen ein Verbrechen an mir, wenn Sic nicht die Wahrheit sprechen ein zweites Mal ertrage ich eine solch ungeheure Enttäuschung nicht. Ich liebe Ruth wie sehr, das möchte ich nur ihr selbst sagen ich hatte gehofft, sie erwidere meine Gefühle aber auf einmal, am letzten Tage, war alles aus schlimmer wie einen Fremden hat sie mich behandelt ganz rind gar gleichgiltig es macht mich verrückt, daß ich den Grund dazu nicht finden kann helfen Sie mir doch erst, das zii erfahren dann will ich freudig hoffen jetzt kann ich's noch nicht."

Suse blickte scheu um sich.

Um Gotteswillcn, leiser!" flehte sic, durch seine Lciden- schaft fast geängstigt,Ruth liebt Sic, daran besteht für mich kein Zweifel. Was sie von Ihnen getrennt hat, das iveiß ich auch nicht."

Er ließ sich erschöpft auf eine der rotsamtnen Bänke fallen und Suse setzte sich neben ihn, denn auch ihr war die Aufregung in alle Glieder gefahren. Sie seufzte tief arif. Der Seufzer brachte ihn etivas zur Besinnung.

Entschuldigen Sie meine Erregung," sagte er, mit einem lmntseidenen Tuche über seine feuchte Stirn fahrend,ich bin ein wilder Geselle Ruth würde manches an mir zu be­mängeln finden, aber ich habe zu sehr gelitten fast ein Jahr lang, seit ich aus Berlin floh sagen Sie mir nur eins, Fräulein Suse, war Ruth am Tage vorher mit Menschen zusammen, die mich bei ihr verleumdet haben könnten wir Künstler werden ost scharf verurteilt."

Suse dachte nach. Einen Moment nur. Tann schüttelte sie ungläubig den Kopf.

Ich weiß zufällig noch, daß Ruth an dem Tage keinen Schritt ausging, bis abends da waren wir mit unseren Verwandten im Theater, später noch bei Dressel da war nur noch mein jetziger Brätigam mit."

Bei Dressel? Wann, ich meine, zu welcher Stunde kann das gewesen sein?"

Zwischen elf bis zwölf Uhr."

Er fuhr ivic elektrisiert empor. Auf einmal sah er ganz klar. Das Abschiedssouper der schönen Lora. Das war es.

Ob sie ihn gesehen, ivo8 sie darüber erfahren und von wem, das überlegte er gar nicht der Instinkt des Liebenden wies ihm die richtige Spur.

In fliegender Hast berichtete er Suse seine Vermutungen, klärte ihr die ganze Sachlage auf, ohne sein früheres Leben zu beschönigen.

Sie war nicht prüde. Sie hörte ihm ohne Verlegenheit zu und versprach ihm, als er atemlos seine Beichte beendet, seine Sache bei Ruth zu führen und ihin sofort brieflichen Bescheid zu senden.

Wie ein Trunkener küßte er dankbar die kleinen Mädchen» Hände und stammelte:

Wünschen Sie sich von mir, was Sie wollen, Suse, Sie sollen cs haben, wenn Sie meine Schwägerin werden."

Sie entzog ihm lachend die Hände.

Na, warten Sie, diesmal nehme ich Sie beim Wort und ich werde gewiß nicht bescheiden sein. Aber nun kommen Sie, wir müssen sehen, daß wir unser langes Tetc-a-tete vor den anderen vertuschen können. Sagen Sic mir schnell," sie wies auf das erste Bild, vor dem sic gerade standen,was das Bild hier für Vorzüge und für Mängel hat?"

Sie waren zur rechten Zeit mit ihrer Auseinandersetzung fertig geworden, denn die Räume füllten sich plötzlich mit Besuchern, die ihrem Alleinsein ein Ende bereiteten. Eben erschienen auch die drei Herren im Türrahmen.

Trautendorf hatte denn doch für gut befunden, den Freunden eine Andeutung über Suses Mission zu machen, da sie sich doch zu sehr über das Zurückbleiben der beiden gc- ivnndcrt hatten, und so machte keiner eine diesbezügliche Be­merkung, sondern alle ignorierten cs völlig. Nur Trauten­dorf flüsterte int Hinausgchen, Suses Hand zärtlich drückend;

Nun, Schatz, alles nach Wunsch gegangen?"

Und Suse schmiegte sich an ihn und sagte leise und glücklich:

Ja, alles wird gut werden, Fritz. Ich bin ganz wirbelig vor Freude."

Sie nahmen Bittner mit sich nach Hause. Frau von Brockhaus hatte ihm ausdrücklich sagen lassen, wie sehr sie sich freiten würde, ihn wiederzusehen.