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Willy Hammer sah die Tränen in den dunklen Mädchen- angen mit einer Art ehrerbietiger Rührung. Er hatte lange Nicht vor einer Fran ähnliches empfunden.
Sie schien ihm heilig und unantastbar in ihrem schweigenden Dulden.
Mit sanfter Hand nahm er ihr, neben sie tretend, Pinsel und Palette aus der Hand.
„Für heute ist's genug, 'Sie sind übermüdet, es war unrecht von mir, Sie noch hier zu halten — aber denken Sie, daß ich's tat, um Sie mal eine halbe Stunde für mich allein zu haben und dann verzeihen Sie mir's. Wollen Sie, Ruth? Ja, bitte!"
Verwirrt, fassungslos blickte sie in das leidenschaftlich bewegte Männerantlitz. Sie fand keine Worte der Entgegnung.
Ta gab er der Frau auf dem Modelltisch ein energisches Zeichen zu gehen und als sie schläfrig davongetrottet war, neigte er sich über die zitternden Hände Ruths und fragte eindringlich:
„Können Sie denn gar kein Vertrauen zu mir fassen, Ruth? Sie müssen doch merken, wie Sie mir aus Herz gewachsen sind, wie ich mich an Ihren Fortschritten freue! Sagen Sie mir doch, was Sie drückt, vielleicht kann ich Ihnen helfen — ich weiß, Sie haben Geschwister — kann ich für deren Fortkommen etwas tun? Erlauben Sie mir doch, Sie einmal zu besuchen."
Er hatte hastig, überstürzt gesprochen, in dem impulsiven Wunsche, die tränenschimmernden Augen lächeln zu sehen.
Und da war es ja auch, das Lächeln, ein Lächeln der Dankbarkeit und der freudigen Ueberraschung. Alles fiel für eine kurze Spanne Zeit von ihr ab, ihr trotziger Stolz, ihr empörtes Auflehnen, all ihre Sorge und Angst. In der schwülen, lähmenden Atmosphäre des hochgelegenen Atelierraumes versank eine ganze Welt hinter ihr und es war, als setze sie in süßer Mattigkeit den Fuß in ein neues, schönes Land.
(Fortsetzung folgt.)
Der Kurort zum „Sorrueubnd".
Von Dr. O t t o G o t t h i l s.
(Nachdruck verboten.)
Wo liegt der heilkräftige Kürort zum „Sonnenbad"? Vergebens wirst du ihn auf der Landkarte suchen und doch liegt er dir so nahe. Bist du ein Siadtbewohner, der keinen Gatten zur Verfügung hat, so gehe in die städtischen Anlagen und auf die Kinderspielplätze, dann wandelst du im Kurorte „sonnenbad'. Wohnst du aber auf beut Lande oder in Nähe desselben, dann sprudelt in Garten, Feld und Flur die Heilquelle des Sonnenbades in wahrhaft überreichlichem Maße vom Himmel auf dich herab. Dabei bist du keineswegs das einzige lebende Wesen, welches in dem Lichtmeer Gesundnng und Kräftigung sucht.^Dort auf jenem Bauernhöfe liegt der Hund behaglich in der sonne ausgestreckt; nicht weit davon genießt die Katze mit wohlgefälligem Schnurren und zufrieden blinzelnden Augen die Heilkraft der Sonne, und in den heißen Sand wühlen die Hühner sich em, lüften bald den einen, bald den andern Flügel, drehen und wenden sich, damit die belebenden Sonnenstrahlen sie an allen Körperstellen bescheinen können. Auch draußen die Waldvögel, namentlich Amseln und Drosseln, machen es ebenso. „Die Pflanze selbst kehrt sich dem Lichte zu!" (Schiller.)
Und der Mensch? In ängstlicher Lichtfeindschaft verdunkelt er die Zimmer mit Vorhängen und Fensterläden zu grabgewölb- artigen Räumen und meidet möglichst jeden Gang im Sonnenschein, nur um nicht einige Schweißtropfen zu verlieren. Daher diese kränklichen Milchgesichter unter den Kindern der wohlhabenderen Familien, daher das große Heer der Blutarmen und Bleichsnchtigcn, der Schwächlinge an Nerven und Muskeln. Gehet hinaus in den lachenden Sonnenschein und lernet von Pflanzen und Tieren die Heilkraft der Sonne genießen. Ihre belebenden Strahlen zaubern aus der im Winter scheinbar toten Erde Blätter, Blüten und Früchte hervor, erwecken die im Winterschlaf erstarrten Tiere zum treuen Leben. _
Groß ist der Einfluß der Sonne auf den menschlichen Organismus. Der noch schwache Rekonvaleszent fühlt bei ihren erwärmenden Strahlen seine Lebenskräfte und -säste sich mehren. Ter Rheumatiker ist an sonnigen Tagen von seinem schmerzhaften Leiden ganz verschont. Die Heilung gewisser Hautkrankheiten nimmt im Sonnenlichte einen sehr schnellen Verlauf; bestimmte epidemische Krankheiten verschwinden in der sonnigen Jahreszeit vollständig. Der Italiener sagt: „Dove tio» viene il sole, viene il medico, wohin die Sonne nicht kommt, dahin kommt der Arzt." Ein altes Sprichwort lautet: „Auf der Schattenseite der Straße hält der Leichenwagen dreimal so oft als auf oer Sonnenseite." Unser ganzer körperlicher und geistiger Ge
sundheitszustand wird eben durch das Sonnenlicht erheblich beeinflußt.
Einen höchst interessanten Fall von dem sichtbar heilenden Einfluß der direkten Sonnenstrahlen an sich selbst berichtet Prof. Tr. Jäger. Durch mehrwöchentliches Nacktlassen des Beines vom Knie abwärts bis zum Schuh verschwanden seine Krampfadern an dem unbedeckten Teile, während sie da, wo die Beine in den Schnhen steckten, unverändert blieben. Prof. Jäger benntzte nun statt der bis über die Knöchel reichenden Schuhe Sandalen ohne Strümpfe; jetzt verschwanden die Krampfadern auch am ganzen Fuße, mit Ausüahme der Stelle des Fußrückens, über welche ein etwa daumenbreiter Lcderriemen der Sandale ging.
Von großem Werte sind die Sonnenbäder, die man mit einem Fluß- oder Seebade verbindet. Man geht ans dem Wasser heraus, läßt sich von der Sonne trocknen unb wiederholt dies nach Befinden noch ein bis zwei Mal. Aber auch leicht bekleidet kann man sich die Belebnngs- nitb Genesungskraft der Sonne zu nutze machen, indem man langsam gehend, sitzend oder liegend stundenlang an sonnigen Orten sich aufhält. Die Kleidung darf dabei weder beengend noch dunkel, sondern muß leicht und von Heller Farbe sein, damit möglichst viele Lichtstrahlen auf die Haut gelangen können.
Also, ihr Städter, gehet hinaus in Feld und Flur, dem lachenden Sonnenschein entgegen! Lasset eure Kindlein draußen auf dem warmen Sande oder Rasen Herumspielen, damit sie auch so gesunde, gerötete Gesichter und so feste, dralle Backen bekommen, wie die Bauernkinder! Es ist höchst unnatürlich, wenn schon kleine Mädchen mit einem Sonnenschirm einherstolzieren. Der sonnige Sommer bildet gleichsam die hygienische Gnadenzeit, welche dem Menschen verliehen ist, damit er in ihr eine solche Menge voll Lebenskraft und Gesundheit in seinem Körper ansspeichere, daß er den rauhen Stürmen des Herbstes und den Fährlichkeiten des eisigen Winters unbeschadet Widerstand leisten kann. _________
VermischLrs.
* Schlechtes Deutsch. August Engels veröffentlicht in einer Preisarbeit über dieses Thema folgendes Musterbeispiel: „Selbst frühzeitig ergraut, versuchte zu meiner Verzweiflung die höchstgepriesensten Haarfärbemittel, bis _ nach jahrelangem Ringen ein unvergleichlich wunderbares Mittel entdeckte, das leicht anwendbar, Haarboden reinhaltend, Kopf und Bart natür- liche Farbe in lebendigster Jugendfrische sofort unvergängllch wieder herstellte und ganz vergessen läßt, jemals ergraut ge- wesen zu sein." Aber dieses Beispiel, so schreibt der „Kunst- War t" hierzu, war nicht aus der literarrschen Welt, bie slch trotz der Einführung des Annoneierens von Privatbriesstellern bisher doch meistens lioch in einigem von der Welt der Haarfarbe-, Bandwurmvertilgungs- und BlutreiliiglingSmittel unterschied. Jetzt aber kündigt eine Verlagsbuchhandlung einen Roman so an: „Gehaltene Kraft der Seelenerschließung waltet in dem eigenartigen Buche, das sich zwingenden Ernstes in sich selbst vertieft und mit erschütternder Folgerichtigkeit in bie Stimmung unerbittlicher Tragik hineinreift." Was bedeuten die „chr- wnrd igen Eifelkrater" -beS Bades Bertrich, die um der kaiserlichen Majestät erlauchten Schutz flehten, gegen die Ankündigung dieses — man kann wohl sagen: höchst verwickelten und noch dazu unheimlichen Buchs? Die jungen Dichter und Schriftsteller mögen weinen, wie Alexander bei Philipps Siegen — was bleibt ihnen zu hin, wenn man nun auch beginnt, von dieser Seite unfern Sprachschatz zu bereichern?
* Der Zopf der hing ihm hinten. Den Hauptinhalt des kurhessischen E x e r z i er-R e g le men ts bildeten im schicksalsschweren Jahre 1806 die Montiermigsvor- schriften. Da lvar genau anbefohlen, wie laug der Hut in Reih' und Glied vorstehen durfte, die Breite der Halsbinde. und des weißen Streifens aus ihr war bis auf die kleinste Linie vorgeschrieben, der Platz eines jeden Gamaschenknopfes war auf den Punkt bestimmt. Dm Hcmptgegmstcmd der gesetzgebenden Weisheit bildete aber — der Zopf, diese Zierde des Mannes! Es galt als eine denkwürdige Epoche in der Militärgeschichte, als er, der Zopf, der bisher bis unter das Kreuz herunterhing, um die Hälfte gekürzt wurde und als die Locken den gekräuselten Haaren Platz machen mußten. Diese „einschneidende" Veränderung war mit einer jahrelangen Arbeit verknüpft, ehe jte ganz nach Wunsch ausgeführt werden konnte. Endlich erschien eme „Defimtiv- vorschrift", von höchster Stelle ausgehend, welche diele Sache ins reine brachte. Ihr war ein Maß beigelegt, welches die Lange und bie Dicke des Zopfes bestimmte. Eine beigefugte Zeichnung veranschaulichte, toie lang das Zopfband hinunterhängen, m welcher Art es ausgezackt sein sollte und ans welche Weise der Zopf mit drei Stecknadeln in einem vorgeschriebenen Dreieck zu befestigen sei. Mit derselben Genauigkeit schrieb der Kurfürst die übrige Frisur vor: z. B. den Schnitt der „Vergelte', des vorderen Haares, wie lang es über die Ohren herunterhangen durfte und ivie es gewellt werden mußte. Die Kapitäne, die für jeden einzelnen Mann einzustehen hatten, wurden bei vorkommen- den Fehlern mit Verweisen und Arrest bestraft, sie trugen em Zopfmaß an ihrem Stock und maßen jeden. Morgen, wenn sich die Kompagnie zur Parade versammelte, leben Zopf nut der


