Ausgabe 
25.5.1906
 
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freundliche und doch zurückhaltende Art reizte ihn gerade­zu auf.

Malen Sie die Halspartie heut noch fertig, Fräuleui M'eridies!" sagte er in scharfem Befehlston,die anderen Damen mögen ruhig fortgehen ich habe keine Lust, mich heut mit Korrekturen zu plagen. Diese blödsinnige Hitze!"

Er fuhr sich nervös über das kurzgeschnittene, dunkle Haar.

Ruth begann gelassen ihre Pinsel auszumaschen.

Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich der Hitze wegen ebenfalls meine Arbeit abbreche."

Sehr viel habe ich dagegen!" schrie er erbost,Sie bleiben. Ich befehle es Ihnen als Lehrer. Sie haben wohl gar Angst, mit mir allein zu sein. Ich werd' Sie nicht beißen."

Sie würdigte ihn keiner Antwort, aber ihr Gesicht sah stolzer und herber nuS denn je. Als sei er Luft für sie, nickte sie über ihn hinweg, den hinausdrängenden Kolleginnen zu, die froh, daß sie der schlechten Laune des Meisters ent­ronnen, schalkhaft bedauernde Blicke nach der Zurückbleibenden sandten.

Die Frau auf dem Modelltisch rückte unruhig hin und her.

Stillgesessen!" kommandierte der Maler gereizt,wofür bezahl' ich Sie denn, meine Beste?"

Na, nischt -für ungut, Herr Maler, ich sitz ja schon ivie die weeße Puppe dort drüben. Für dat schöne Freilein schon gar gerne."

Und sie grinste Ruth an, die leise lächelte, aber mit sicherer Hand weiter arbeitete.

Bor der Schönheit beugt sich doch alles!" bemerkte Willy Hammer, sich einen Stuhl neben das junge Mädchen ziehend.

Der Spott in seiner Stimme ließ nun doch ihr stolzes Blut aufwallen.

Sind Sie hiergeblicben, um mir das zu sagen?" gab sie verletzend kalt zurück,wie Sie hörten, hat Frau Pietschte das schon übernommen und bei ihr war's jedenfalls ehrlicher und harmloser."

Ihre Augen blitzten. Und jetzt kam auch das Rot, das er vorhin vermißt und ergoß sich in zornigen: Aufglühen über ihre Wangen. In dem Moment war sie wirklich ent­zückend. Seine Stimmung schlug jäh um. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Kinn auf die verschränkten Hände gelegt, blinzelte er sie aus schelmischen, gefährlichen Augen von unten herauf an.

Menschenskind, wer wird so empfindlich sein? Sie müssen mich doch nachgerade kennen. Hunde die bellen, beißen nicht. Im Grunde bin ich ein Mensch, der um den kleinen Finger zu wickeln ist. Aber heut der Aerger wieder. Komm' ich in die Kunstausstellung heraus Sie wissen, ich habe das Porträt des Grafen W. dort hingeschickt wollte mal sehen, wie es sich dort macht. Haben ihm die Kerle von der Hängekommtssion doch einen Platz gegeben einen Platz nun eben eigentlich gar keinen. Biel zu hoch und schlecht beleuchtet. Ich war derart wilde, daß sie sich eines besseren besannen und mich noch umplazierten. Ein un­günstiger Platz besiegelt oft das Schicksal eines Bildes, respek­tive das Urteil über dasselbe. Und wenn man sein bestes gegeben hat verstehen Sie denn nicht, wie man sich über solch eine von Neid und Mißgunst diktierte Gemeinheit ärgern kann?"

Ich verstehe cs schon!" meinte das junge Mädchen, seinem eindringlichen Blick ausweichend,ich verstehe nur nicht, daß Sie Ihren Aerger über eine Sache, die nebenbei zu Ihrer Zufriedenheit abgeändert wurde, auf uns unschuldige Frauen übertragen können. Das ist ungerecht und rück­sichtslos. Und haben Sie sich wirklich innerlich noch nicht von Ihrer Verstimmung befreit, so müßten Sie als Mann Energie genug besitzen, sich beherrschen zu können."

Sie sprach gelassen, während sie innerlich ganz und gar nicht ruhig war. Dieser Mann da weckte eine ganz neue Saite in ihr. Sie hatte immer das Gefühl, sich gegen ihn

aufzulehnen, sein Selbstbewußtsein zu strafen, ihn in irgend einer Weise zu verletzen. Sie kam ihm stets gleichsam ge­wappnet und gerüstet entgegen und ließ sich weder durch seine Liebenswürdigkeit bestricken, noch durch seine RücksichtS- losigkeit aus der Fassung bringen. Ihr feiner Fraueninstinkt ivitterte unbewußt die Gefahr in ihm.

Ihn verblüffte die offene Sprache, die sie gegen ihn wagte, scheinbar unbekümmert, ob sie sich seine Gunst da­durch verscherzte, immer darauf pochend, daß sie nur Schülerin für ihn sein wollte, nie das begehrenswerte Weib, so wie er für sie als Mann gar nicht in Betracht kam. Er fand es eigentlich unerhört, daß gerade seine erste schöne Schülerin sich nicht Knall und Fall in ihn verliebt halte, nachdem so und so viel häßliche sich ihm vorher fast an den Hals ge­worfen, aber im Grunde steigerte es nur sein Interesse für sie. Es hatte einen eigenen Reiz für den verwöhnten Mann, daß sie so hartnäckig gegen ihn kämpfte.

Oh, welche Strafpredigt!" sagte er jetzt, zwischen Hohn und Scherz fchivankend,erkennen Sic nicht Milderungsgründe an, wenn rnan solch ein heißes, ungebärdiges Temperament besitzt, wie ich."

Nein!" klang es schroff zurück,gerade dagegen muß man kämpfen. Der schönste Sieg ist doch der, den man über sich selbst erringt."

Er sah auf ihre ruhig malende Hand, in ihr kühles, stolzes Gesicht und ein grimmiger Wunsch, sie zu quälen und zu kränken, erwachte auch in ihm.

Dann haben Sie doch sicher nie die Freude gehabt, solch schönsten Sieg zu feiern, denn Temperament haben Sie ja nicht zu bezwingen."

Ein Funken blitzte in ihrem Auge auf, der dem rück­sichtslosen Spötter wohl seine Behauptung hätte widerlegen können, wären die dunklen Wimpern nicht rasch über die verräterischen Augen gefallen. Ganz ruhig sagte Ruth dann:

Was wissen Sie von meinem Innern? Was über­haupt von meinem Leben?"

Es sollte abweisend klingen, aber im Moment warf sich die stille Tragik ihres jungen Lebens mit solcher Wucht auf ihr Herz, daß eine schmerzliche Anklage in ihren: Tori vibrierte, ein Hauch jener bitteren Hoffnungslosigkeit, die, ihre Kindheit und Jugend begleitet hatte. Ihm kam eine dunkle Ahnung davon und eine leise Scham regte sich in seinem Herzen, ob seiner Rücksichtslosigkeit. Er änderte seinen Ton und meinte warm und liebenswürdig:

Ich weiß allerdings sehr wenig von Ihrem Leben, Fräulein Meridies, aber es ist nicht meine Schuld. Warum verwehren Sie mir so hartnäckig einen Einblick in Ihre Ver­hältnisse?"

Ich wüßte nicht, was Sie daran interessieren konntet gab sie herbe zurück,das, was meinen Weg dornenvoll machte, liegt Ihnen doch so fern, so furchtbar fern."

Sie meinen, weil ich im Wohlleben aufwuchs, müßte mir das Verständnis für des Daseins Schwere nicht ge-- wvrden fein?"

Eine Falte furchte seine weiße Stirn unter dem dichteii schwarzen Haar.

Ich habe auch schon Leid erfahren, genug, um das anderer verstehen zu können. Und ich habe Not und Elend geschaut, von dem Sie sicher noch nichts wissen. Ich habe einen scharfen Blick bekommen für solche Dinge und ich weiß genau, auch Sie tragen schwer. Warum wollen Sie es leugnen?"

Des Mädchens Hand sank schwer herab, als sei ihre Kraft zu Ende.

Ich trage lieber allein!" murmelte sie.

Cie war sehr blaß geworden. Seine herzliche Art, die! durch die gedämpste Sprechweise etwas Vertrauliches erhielt/ schlug Bresche in die festgefügte Schranke, die sie zwischen, ihm und sich errichtet hatte. Ein sehnsüchtiges Verlangen drängte durch die entstandene Lücke zu ihm hin, ähnlich bem,; was sie einst zu Haus Klausen gezogen hatte sich stützen zu lassen von einem starken Arm, einen anderen sür sich sorgen und denken zu lassen, an eine breite Brust gelehnt/ alles verschwiegene Leid in Worten und Tränen aus­strömen zu dürfen. Sie war ganz Weib in dem Moment/ das schwache, schutzbedürftige, liebesehnende Weib. Ihre Wimpern feuchteten sich von aufsteigendem Naß.