I8|
SKT
blöde und!
Mittellose Mädchen.
Roman von H. E h r Hard t.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Sie verkehrte jetzt unbefangen, ja fast kameradschaftlich mit ihnen, aber die Grenze, die sie von ihnen schied, blieb doch eine scharf gezogene. Sie hatte alles schwierige bis jetzt überwunden, sogar das' Altzeichnen, sie hatte gelernt, freie, gewagte Reden ruhig anzuhören, ohne sich darüber zu empören — aber das leichte KünUerblut meldete sich bei ihr nicht.
Sie dachte oft an Suse. Die wäre im Atelier in ihrem Element gewesen. Sie duldete nie, daß die Schwester sie abholte. Für sie fürchtete sie diese Atmosphäre des sorglosen Vagabundentums.
Sie konnte sich jetzt ohnehin so wenig um Suse kümmern. Sie arbeitete angestrengt.
Tietzheim war sehr ungehalten gewesen über den quantitativen Rückgang ihrer Leistungen. Und sie durfte diesen Verdienst nicht verlieren. Meist nahm sie jetzt die Nächte zu Hilfe.
Sie war in den letzten heißen Wochen schmal und blaß geworden, aber sie achtete es nicht. Sie sah sich ihrem Ziele näher kommen. Der Meister, wie sie ihn hier im Atelier nur nannten, war zufrieden mit ihr. Er hatte ihr erlaubt, das Porträt der alten Frau in Oel auszuführen und cs in einer Gemäldeausstellung an die Oefsentlichkeit zu bringen. So war sie die einzige, die an tiefem heißen Tage mit Lust und Liebe arbeitete, obgleich man Willy Hammer nicht zur Korrektur erwartete und die anderen sich diese Tatsache zunutze machten und nur widerwillig mit dem Stift herumfuhren und strichelten.
Ein wohlbekannter, elastischer Schritt auf der Treppe draußen ließ sie plötzlich aus' ihrer Faulheit emporschrecken. Sie hatten trotz ihrer freien, selbständigen Persönlichkeit einen Heidenrespekt vor dem Meister, der in letzter Zeit ganz besonders rücksichtslos gewesen war und einen sehr nervösen, ruhelosen Eindruck zu machen pflegte, den man früher nie an ihm bemerkt hatte.
Seine Malweiber behaupteten: „Er wird alt und daher griesgrämig", und sie rebellierten gegen ihn — aber nur- innerlich.
Mit einem Gemisch von neugieriger Erwartung und unliebsamer Ueberraschung blickten sie auf die sich geräuschvoll öffnende Tür. Rasch senkten die Augen sich wieder und die Erwiderung seines Grußes klang von mürrischen Lippen. Sie ärgerten sich über sein Kommen, denn sie merkten es alle im ersten Moment seines Eintretens, daß er nervöser als je war, der Meistex. Sie wußten, wenn er diesen müden verschleierten Blick hatte, dieses' spöttische Lächeln, dann war nicht mit ihm zu spaßen.
" In die drückende Stille, die der Begrüßung gefolgt war, tönte knapp und klar sein klangvolles Organ:
das erste Lob an dem Tage.
Die anderen horchten auf und tauschten vielsagende Blicke. Das besondere Interesse, das der Meister an seiner schönen neuen Schülerin nahnr, war ihnen längst kein Ge- heimnis mehr. Aber weder Ruth noch Hammer achteten darauf. Das Mädchen, das auch in dem groben grauen Malkittel ihre vornehme Anmut bewahrte, war ruhig von der Staffelei zurückgetreten, nicht das leiseste Rot in ihrem Gesicht verriet, daß sein Lob sie erfreute. Dafür stieg ihm das Blut in die Stirn. Ihre sich stets gleich bleibendes
„Mehr Schatten ins Haar!" „Die Augen sind schlecht" „Hier der rechte Arm total verzeichnet."
Es flog nur so von vernichtenden Kritiken um die ge- senkten Frauenköpfe, während er hastig, oft nur einen flüchtigen Blick auf eine Arbeit werfend, von einer Staffelei zur anderen glitt. Da trat mancher die Träne ungewollt in die heißen, schmerzenden Augen, die müde Hand mit dem Pinsel senkte sich, die Lippen zuckten in bitterer Hoffnungslosigkeit — durch die großen, trüben Atelierfenstep sah der bleigraue Himmel herein, freudlos und lastend wie der ganze, glühend heiße Großstadtsommertag.
Die Frau auf dem Modelltisch lächelte blöde ....(! schläfrig vor sich hin. Zuerst hatte es sie geniert, von so vielen Augenpaaren immer wieder prüfend angestarrt zu werden, jetzt ließ es sie gl-eichgiltig. Sie saß da in ihrem! alten, geflickten Arbeitsrock, in der verwaschenen Kattunjacke und der sauberen blauen Schürze, so wie sie jeden Tag ihrem Mann das Essen zu tragen pflegte nach dem Neubau in der Augsburgerstraße. Jetzt vertrat sie dabei schon ihre Aelteste, die erste von neun Kindern, die Gottlob sämtlich aus dem gröbsten heraus waren. Das Modellsitzen, zu dem Willy Hammer sie auf der Straße geworben, war ein angenehmer Verdienst — sie konnte sich dabei zum erstenmal in ihrem Leben ausruhen.
Der Maler war jetzt hinter Ruth Meridies getreten. Seine scharfen klugen Augen richteten sich prüfend auf die große Leinwand. Das junge Mädchen war den andern weit' voraus, sie besaß eine erstaunliche Leistungsfähigkeit und eine Arbeitskraft, die man der schmalen Hand nie zugetraut hätte. Im Entwurf war das Bild vollständig fertig, der Kopf bereits soweit ausgeführt, daß der Eindruck desselben als ganzes auf den Beschauer wirken mußte. Man fühlte schon jetzt, das Bild würde kein Porträt werden, sondern es würde die Tragödie der Frau aus dem Volke erzählen, der äbgearbeiteten, geduldigen, der rohen Willkür des Mannes preisgegebeneu, kinderreichen Arbeiterfrau, die vorzeitig gealtert ist, stumpf und müde geworden in der Frohnarbeit ihres harten, mühseligen Lebens.
Willy Hammer stand einen Moment regungslos. Etwas wie Eifersucht krallte sich in sein Herz, Eifersucht auf dieses stolze, ernste Mädchen, das sich mit dieser Arber: den ersten Lorbeer um die schöne Stirn flechten konnte. Aber die Freude über die talentvolle Schülerin siegte.
„Gut, sehr gut, Fräulein Meridies!" sagte er. Es war


