Ausgabe 
25.4.1906
 
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iiterit des Horizonts schweifende Ange laben kann, und doch eine Muhe, die auch die wallendste Ungeduld besänftigt, joenn stunden­lang nichts fick folgt als das leise Wehen der im Winde schau- Mideu Gräser, das Glühen der Steppeblumm, das rastlose Schleifen und Zirpen der Feldgrillen und sonst gar nichts. Die Kultur raubte auch sckon in Ungarn der steppe titel von ihrer bilden Pracht, aber die Landschaften nördlich von Debrezin und zwischen Budapest und Szegedin blicken auch heute noch so brennend und unschuldsvoll at:f den Wanderer, als zur Zeit, da Hmmengüitle ihr dürres Gras abweideten.

' Die Steppe ist bekanntlich ein Land, das keinen Wald aufkommetr läßt, auch wenn der Magyare baumsreundlicher iväre, als er ist. Was ich an anderer Stelle von deut Grasflurklima sagte, das trifft für die ungarischen Pichten bis zum letztett

Worte zu. Hunfalvy, der angesehenste der ungarischen Meteoro-

logen, sagt in seinem Werke über die klimatischen Verhältnisse

seiner Heimat:Der Gang der Temperatur ilt im Herzen

Ungarns so, wie er in einem deut ozeanischen Einflug entrückten Binneulande zn sein pflegt: sehr schwankend, schnell veränderlich und extrem. Der Winter ist int allgemeinen streng, doch phr wechselnd. Bis Mitte Mai wechseln gewöhnlich warme Tage mit windigen und rauhen ab: Nachtfröste dauern bis April und Mai. Int ganzett genommen sind die trockenen und heißen Sommer häufiger ais die feuchten und kühlen. In solchen heißen som­mern bleibt nun das Thermometer oft wochenlang auf 22 bis .30 Grad int Schatten stehen. Daun beginnt die schwüle .Yttze schon des Morgens um 7 biß 8 Uhr und dauert bis abends 6 und 7 Uhr. Tie Lust ist außerordentlich trocken, und kein Tau­tropfen labt die Vegetation. Wochenlang erhebt sich saft teden Morgen ein Wind, der bis zum Abend gleichmäßig webt. Infolge dieser gr-oßeit Hitze, Dürre und der durch den Wind erzeugten außerordentlichen Transpiration welken die Blätter der Bäume und Gesträncher, die Saaten vergilben, die Grasnarbe der Wtesen vertrocknet gänzlich." , , _

Und aus seinen Tabellen sieht man, daß die größten Nteder- schläge int Frühsommer, also in der Hauptvegetattonchctt der Gräser, fallen (der Mai hat durchschnittlich zehn Regentage!) und daß der Winter überaus trocken und kalt ist. Das er­klärt die SteppeNveMation, vor allem den vollständigen Mangel an Bäumen. Ebenso gewinnen wir dadurch Verständnis, warum die Steppe überhaupt nur flüchtige Schönheit verträgt, mit zauberhafter Schnelligkeit ausblühend und ebenso rasck wieder vergehend so wie die Schönheit der Frauen ihrer Bewohner. Im Mai und anfangs Juni erschauern diese weiten Landschaften vor Blumen und Leben. In weiten Wellen fluten die üppigsten Gräser int Winde, silberweiß wie Reiherfedern das Thyrsafeld, dasärvaleänyhaj" (Waisenmädcheuhaar), nut das sich sentimentale Sagen ranken, goldig schimmernd im Süden die Goldbartflur, die natürliche, meterhohe Kornfelder bildet, und dazwischen rot, blau, gelb, violett in berückender Pracht ein Blumenmeer, zwan­zig Tragantarten, blaue Jrideen, Zwiebelgewächse, Ranunkeln, Disteln, Karden, Salbeien, Euphorbien, Gräser in einer Mamng- faltigkeit, von der unsere nordischen Wiesen, nur ein schwaches Abbild gewähren. Aber es gehen keine zwei Wochen ins Land, so hat die Sonne die ganze bunte Schar zu Tode gebrannt; aschfahl und dürrgelb, knisternd unter dem Tritt klagt die Steppe in süßem Heuduft schwimmend um ihre verlorene Schönheit. Verbrannt und dürr bleiben sie bis zum nächften Herbst, dessen Regen sie zwar mit neuen Blumengewinden schmückt, die aber den Vergleich mit der Frühlingspracht nicht aushalten. Ihre Lieblingsfarbe ist dann das schmutzige Grün der Melden und Gänsefüße, dazu gleißen bleiche Mifußgewächse, die stacheligen, ordinären Xanthien und einige Euphorbien zu Millionen im Temeser Komitat. Gekennzeichnet ivird diese Herbstvegetation durch das llcberwiegen behaarter, filziger und dorniger Gewächse, lunS ihr etwas Graues, Düsteres, unsäglich Lechzendes verleiht.

lind so wie die ungarische Steppe, in die sich Salzlachen mit ihrer Halophytenvegetation, aber auch ganz öde und pslanzcn- leere Sandstrccken eiumengcn, ist auch'die berühmteUrsteppe" tut Süden Rußlands, int einstigen Chersonesus, wohin Sage und dumpfe Erinnerung in Urs eiten die Amazonenvölker verlegte. Auch dort sind die natürlichen Federgrasfluren Vorhanden, auck dort hält das Frühjahr farbenfrohe Feste ab, hinken im Herbst die filzigen Gesellen nach, und ihre Flora ist bis auf untergeordnete Unterschiede identisch mit der ungarischen ist doch diese wie jene ein Abkömmling der landerweiten, inncrasiatischeit Hoch- steppen, die ins ferne Wendland in grauer Vorzeit die Welt erobern gingen, als ob sie den Boden vorbereiten wollten für die Stcppenvölker, die dann auf ihrer Spur wie ein Ungewitter nachstürmten.

Auch die nordamerikanische Prärie ist zum grössten Teil nichts als eine Steppe. Eintönige Ebene, ohne Bäume, ohne Sträucher, ohne hohe Kräuter; die Lebensform ist völlig identisch, aber die Erdgeschichte erfüllte sie mit ganz anderem Inhalt. Nur die Goldbartflur meldet sich auck dort, aber sonst halten Büffel­gras, Cvelcriagrüser, Andropogongräser den Boden beseht, und an Stelle unserer Tornenstaudeit treten Kakteen, an Stelle des Frühlingsslors meist ganz fremdartige Geschlechter und nur selten eineBeisitß-, Kerbeiia- oder Asterart, die auch unsere Flora kennt.

Wie das Korsett entstand.

hl.6.0. Wenn in diesen ersten schönen FrühlingLtagen die Frauen allenthalben sich an ihre Ausstattung für die warme Zeit des Jahres machen, so wird gewiß hier und dort die alte Frage: ob das Korsett bei« beibehalten oder abgeschafft werden soll, mit erneuertem Eifer diskutiert werden. Und da ist es wohl nicht uninteressant, einmal nachznsorschen, woher dieses von den Einen so fanatisch befehdete, von den Anderen so hartnäckig verteidigte Hilfsmittel der weiblichen Kleidung eigentlich stammt. Ganz genaue Auskunft ist freilich, das fei von vornherein bemerkt, hier schwer zu geben. Ja, man könnte sagen, daß der Zeitpunkt, zu dem daS Korsett entstand, mindestens ebenso ungewiß ist als der, zu dem es ver« schwinden wird. Denn schon die Griechinnen und die Römerinnen kannten eine Am von Mieder, einfache Tuchbänder, die von zwei schmalen ledernen Schulterflreifen gehalten wurden. Immerhin waren diese antiken Korsetts, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann, nur sehr bescheidene Vorläufer jenes Marterinstrumentes, dessen sich im Mittelalter die Frauen zur vermeintlichen Verschönerung ihres Wuchses bedienten, und dem gegen­über das heutiae Korsett wiederum als fast ebenso harmlos erscheint. Em französischer Gelehrter hat nun die Entdeckung gemacht, daß es eine tfiu-ffut aus dem Hause Wittelsbach, die Prinzessin Jsabean von Bayern, die Gattin Karls VI. von Frankreich, war, die als erste ihrem Mieder metallene Stäbchen einfügte und unter den Damen ihres Hofes selbstverständlich schnell Schule machte. Damit war der verhängnisvolle Schritt getan, der ans Jahrhunderte hinaus seine Nachwirkungen üben sollte. DaS Korsett jener Zeit wurdeBasqnine" genannt und bestand meist aus L>amtstoff mit Stäben ans Eisen, während der Schnüreinsatz vorne nicht immer aus Metall, sonderu auch aus Holz oder Horn gearbeitet wurde. Kanu man sich den Aufenthalt in einem so ungelenken, die Bewegungen hindernden Fiitteratt schon unbequem genug vorstellen, so feiert das Korsett als Tyrannin des weiblichen Geschlechts doch feinen eigentlichen Triumph erst int Di. Jahr« ßunbert als das eiserne Korsett von Venedig und Florenz anS sich ganz Europa unterwarf. GS war ein richtiger, ost mit schönen Ziselierungen versierter Panzer und die uns erhaltenen Exemplare davon besitzen cm so erhebliches Gewicht, daß eine Frau unserer Zeit ihre Last kaum zu tragen vermöchte. Schließlich trug indessen doch die Vernunft wieder dem Lueg davon, und die Niederländer waren es, die bic italrentfche Mode willkürlich abänderten und ein leichteres Korsett herstellten, das wenigstens nicht nur ans Eisenteilen, sondern auch ans Leder zusammengesetzt wurde. Hundert Jahre später erst sangen Stäbchen aus Fischbein die metallenen an zu ersetzen ohne daß jedoch ans das Korsett, sein Material und seine Formen eine belondere Aufmertsamkcit verwandt wurde. Und im Zeitalter des Rokoko wurde bti5 Korsett bann ein Lnxusartikcl; Seide verdrängte den Samt und hat bis hente ihren Platz hier siegreich behauptet. Rach der oreben Revolution, zur Zeit des Dtrectoire und des Empire schiel', das Korsett in seiner Existenz ernstlich bedroht. Es schrnmpfte, als das antike, unmittelbar unter der Brust znsammengehalteue Gewand in Ausnahme nelanat war, wiederum, ganz wie im klassischen Altertum, zu einem ftyrnalen Bande zusammen, das mit zwei dünnen Streifen über den Schultern oe- festiat ward. Aber mit der Restauration kam die Rückkehr zur Zweiteiluug der Tracht in Rock und bis zur Hüfte reichende Taille, luie sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Und die Wandelungen, die da» Korsett in diesem letzen Zeitabschnitte, der wechselnden Kleidermode entsprechend, durchaemacht hat, haben im wesentlichen nur dazn gesiihrt, es etwas dichter, dein Ban des Körpers angepaßter und etwas kostbarer als früher zu gestalten. ________________

VsVmrschtss»

Spinne am Morgen. Woher mag wohl das be­kannte Sprichwort kommen:Spinne aut Morgen Kmmner nnd Sorgen; Spinne am Abend erquickend und labend!"? Ein französischer Entoinologe in Frankreich lautet das Sprichwort: ,,Araign6e du matin, chragrin; araignöe du soir, espoir! gibt dafür folgende Erklärung: Die Spinne gibt ein beinahe unfehlbares Mittel an die Hand, das Wetter des Tages vorauszusagen. Wenn am Morgen viel Tau ge­fallen ist, was stets als ein Zeichen von schönem Wetter gelten kann, sieht man niemals eine Spinne; dagegen be­merkt man sie in trockenen, taulosen Morgenstunden in ihrem Netz; ihr Erscheinen ist also ein Zeichen, daß das Wetter schlecht sein, daß cs regnen wird, daher:Spinne au, Morgen, Kummer ttitb Sorgen". An warmen Abenden ver­läßt die Spinne gern ihr Netz, um die Insekten zu fangen, die bei schönem Weiter in großer Zahl in dec Luft spielen und auch für den nächsten Morgen schönes Wetter erivarten lassen, daher:Spinn- am Abend, erquickend und labend".

« Die fingierte Todesanzeige. JQoi1 einigen Jahren machte eine junge Daine durch ihre Schönheit und den geradezu verschtvenderischen Lnzms, mit dem sie in Wien austrat, allgemeines Aufsehen. Man ivußte nicht recht, >ver sie war und ivoher sie kam; bald legte sie sich den Namen einer alten grüslichen Familie bei, bald den einer englischen Adelssamilie. Sicher war nur, daß sie eine ausgezeichnete Klavierspielerin war, daß sie trotz ihrer großen Jugend ein