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dem Fäustchen an: »Verstell dich doch man nich: Dn roidft kleine Jungs bloß zum kstarren halten. Gleich eh' du kamst, war er doch hier und da hat er uns jeden auf ein Knie gesetzt und uns gesagt, daß daß wir jetzt so artig sein müßten, wie noch nie in unserm ganzen Leben. Es käme ein Engel, den der liebe Gott extra für uns geschickt halt'. Er Hütt' zwar keine Flügel, aber wunderschöne blaue Augen. Und der Engel Hütte schon so viele Schmerzen gehabt, daß es eine Sünde wäre, wenn kleine Jungs ihn noch durch Unart kränkten. Und morgen fahren wir hin und dann mußt du Onkel Walter sagen —"
„Daß der Fred ein Plappermäulchen ist/ sagte Frau von Flotiwell, welche die Portiere teilte und eintrat. Das klang scherzhaft und doch etwas beklommen. Sie eilte zu dem jungen Mädchen, hob es auf und schloß es schwesterlich zärtlich in die Arme.
„Kommen Sie, Baroneß, ich werde astes bekennen. Wenn Sie erfahren haben werden, wie viel ich meinem Bruder verdanke, wie ich an diesem lieben Menschen hänge und wie er mich gebeten hat, werden Sie mir diese kleine Heimlichkeit nicht übel deuten/
„Sagen Sie mir nur das eine/ hauchte Josefa von Knieper bebend, „er ist krank —*
„Seit ich ihm schrieb, daß Sie sich für den Weihnachts- Heiligabend Urlaub ausgebeten haben, um das Grab Ihrer Eltern zu besuchen, scheint er wieder munter. Und da Sie doch reisen, Baroneß, so begleite ich Sie mit den Kindern und wir begehen das Weihnachtsfest auf Pardubitz."
Fred und Eddy hörten nicht mehr, was ihre Tante Seffa auf diesen Vorschlag erwiderte, aber sie hatten die Zuversicht, daß es nun erst ganz besonders fein werden würde. Und der Aeltere gab dem auch in seiner lebhaften Art Ausdruck.
„Wollen wir nu beten oder Kobolz schießen, Eddy!?" „Lieba Kabolz hießen!"
Tas Christkind war in wirbelndem Flockcntanz auf die Erde gekommen. Walter von Meck hatte auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Schwester die Gäste nicht selbst von der Bahn geholt. Ehe der Pardubitzer Schlitten in den Weg zum Herrenhause einbog, hielt er einen Moment vor der Friedhofspsorte. Josefa von Knieper stieg aus, und während ihr aus dem davongieitenden Gefährt ein paar Helle Stimmchen Grüße nachriefen, eilte sie über die weiche Schneedecke die bekannten Pfade entlang, bis das große weiße Marmorkreuz aus dem Dunkel hccvortrat.
Ta hemmte sie ihre Schritte und trat zögernd näher. Durch das heilige Schweigen rings umher ging es wie ein Nonnen und Wispern .... Vielleicht war es der Wind, welcher durch die Eschen und Trauerweiden wehte . . . . Vielleicht auch sprachen die Toten in der Weihenacht. . .
Dazwischen aber sprach das Leben.
Josefa von Knieper war in die Knie gesunken, die gefalteten Hände fest an die Brust gedrückt.
„Vater/ bat sie eindringlich. „Höre mich noch dieses eine Mal, Vater I Ich muß es dir sagen, was ich längst hätte sagen sollen, wenn ich nicht so gefürchtet hätte, dich zu kränken. Ich hasse ihn nicht! Ich kann f$n nicht hassen, Vater! Ich hatte ihn lieb von der ersten Stunde an, und um es ihn und dich nicht merken zu lassen, war ich hart und ungerecht. Jetzt aber ist meine Kraft zu Ende. Ich werde ihn wiedersehen, und wenn er dann vor mich hintritt, werde ich nicht mehr lügen können, weder in Wort noch Haltung. Und wenn ich es auch vielleicht noch einmal in tausend Qualen würde niederringen können, daß ich es ihm nicht sage, wie ich ihn liebe — er wird es doch merken! Und was dann!? Vater, hilf mir — ich bitte dich, so innig ich kann! Und du, Mutting, ich hab' dich nicht gekannt, weil ich dir das Leben gekostet —• aber ich bin dein Kind und du hast mich lieb; das weiß ich. Sprich ein gutes Wort für mich — ein Wort — ein Zeichen!!"
Aufschluchzend hatte sie die gerungenen Hände auf den Hügel des Vaters gestemmt. Der lockere Schnee rieselte zur Seite, Eine feuchte Seidenschleife wurde sichtbar und ein
güldenes Wort blinkte ihr entgegen — dann noch eins — mehrere —- —■ —: „Ihr wisset nun alles .... und zürnet nicht!" Das war die Antwort.
„Dank, Vater, Dank!" stammelte sie und es war ihr, als wenn es so sein mußte, daß Walter von Meck in diesem Augenblick neben ihr niederkniete und sie umfaßte. Sie lehnte sich an ihn und sagte leise, aber fest, wie in beseligender Gewißheit: „Ich darf, ich darf dich, dich lieb haben — und ich habe dich lieb."
Da stimmte das Glöckchen im Dorfe den Lobgesang der Weihenacht an und verkündete ihre herrliche Botschaft.
Als die beiden dann nach einigen Minuten in den Saal traten, wo die brennende Tanne ihrer herrschte, schoß Fred vor Entzücken darüber, daß Tante Seffa und Onkel Walter sich doch kannten und sich sogar küßten, seinen schönsten Purzelbaum. Eddy hielt es nun für an der Zeit, daß er endlich sein Verschen sagte:
„Christtindlein kam su Erden
In dieser heil'gen Nacht, Hat, daß wir glückelich werden Den — Himmel mitebraeht!"
Kadetten-WriHnaHt.
Erinnerungen eines alten Kadetten.
Von R. v. E.
Hurra, der erste Schnee! Ja, es war wirklich so. Gleich morgens hatten wir alle es gemerkt, klang doch das Reveille-Trommeln des alten Portiers ganz merkwürdig gedämpft. Zwar war es noch so duster, daß man nichts erkennen konnte, aber der kleine fixe H. hatte sich ganz schnell aus dem Schlafsaal „gefuscht" und nachgesehen, und bereits auff dem Waschsaal verbreitete sich mit Wnrdesetle die verlockende Botschaft: es liegt kolossal anständiger Schnee, erbackt famos, heute nachmittag ist Schneekeilerei!
So kam es, daß heute das trübe brennende Licht der „Petroleumfunzen" auf dem Waschsaal lauter vor Erregung glühende jugendliche Gesichter beleuchtete und jeder sich „doll" beeilte, herunter auf die Stube zu kommen, um sich selbst von dem Wunder zu überzeugen. Jetzt merkte man doch endlich, daß Weihnachten vor der Türe stand, ein wahres Glück, daß das schlappe Wetter aufgehört hatte! Und welch glänzende Perspektive eröffnete sich einem für den nahen Urlaub: Schlittenfahren, Eisbahn: es wardein- fach gar nicht auszudenken. Dabei bloß noch zwei Tage! Morgen sollten schon die Koffer empfangen werden, und in meinem hatte ich noch dazu eine „Rippe" Chokolade vom letzten Urlaub her drin, nein, es war „doll fein".
Doch heute stand ein anderes großes Ereignis im Vordergründe des Interesses: Schneekeilerei! — Wer je Kadett gewesen ist, weiß, welch magischer Zauber in diesem Worte liegt. Da konnte nran doch zeigen, wer ein ganzer Kerl war. Ruhm und Ehre erntete der Tapfere in reichem Maße, wehe aber dem, der sich bei der Schneekeilerei als feige erwies. Er wurde von den Kameraden verachtet und Schmach und Schande hing ihm dauernd an.
So wurden denn schon beim ersten Frühstück — Milchsuppe mit eingebrockter Semmel und etwas Butter, „Pams" genannt — die Aussichten für diese wichtige Begebenheit eingehend erörtert und wahre Heldentaten berichtet, die enizelne Kadetten im vorigen Jahre bei der Schneekeilerei verübt haben sollten, sodaß uns „Schuappsäcken" (Neulingen) die Haare ordentlich zu Berge standen.
Kaum konnte man dann im Unterricht aufpassen, das Mittagessen wurde geradezu heruntergeschlungen und jetzt war der große Augenblick da.
Die Kompagnien scharten sich um ihre „Komapgnie- strämmsten", höhnische Bemerkungen und Herausforderungen flogen herüber und hinüber, dann ein Hagel von Schneebällen, und nun der Ruf: „Zweite Kompagnie marsch, marsch, hurra". Boll Begeisterung stürzten wir uns aus den Gegner. Ja, es war eine wirkliche Schlacht, und brav hatte ich gefochten, trotz meiner Kleinheit, das konnten mir manche bezeugen. Schließlich aber hatte mich so ein großer Bengel doch untergekriegt und „in Schwitzkasten genommen", und dann kugelten wir zusammen in einen Schneehaufen. Aber was tat's! Der Sieg war unser, da kam's auf ein paar Beulen oder Schrammen und auf nasse Sachen nicht an.


