Ausgabe 
24.12.1906
 
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sprechen, wie das Wohl-Verständlich fei, wenn inan sich acht­zehn Jahre nicht gesehen und so vieles inzwischen erlebt habe. Tas letzte Mort in Den Auszeichnungen warSefsi". Es folgte ein leerer Raum, der sich herzbrechend ratlos ausnahm mit seinen Tränenspuren und dann ganz unten mit zitternder Hand geschrieben:Herr Gott und Vater im Himmel, nimm dich der Sefsi an! Wenn ich sehe, daß es ihr gut geht, dann will ich vergeben in deinem Namen und friedlich sein- von Stund an."

Auf dieses Gelübde hin wagte Jochen Staberow insofern eine?! Vorschuß, als er für d^s frische Grab einen prächtigen Kranz annahm, auf dessen Schleife kein Name stand nur das Wort des Apostels:Ihr wisset nun alles . . . und zürnet nicht!"

Fast drei Wochen schon iveilte Josefa von Knieper auf Neumieschenhof. Wenn es irgendwo in der Welt einen Ort gab, wo das ivunde Herz der Waise unter liebevollster Rück­sichtnahme ihrer Umgebung nach Trost und seelischer Genesung ringen konnte, so war es hier. Frau von Flottwell eine nach jeder Richtung vornehme Dame, Ende der Zwanziger hatte vor anderthalb Jahren selbst einen herben Verlust er­litten. Sie hatte den über alles geliebten Gatten verloren. In der Bewirtschaftung des Gutes, die sie trotz vieler vorteil­hafter Pachtantrüge selbst übernommen, fand die junge Witive jene angespannte Tätigkeit, welche über Gram iind Kummer am besten hinweghilft. Damit aber hing es zusammen, daß sie sich der Erziehung ihrer beiden Knaben im Alter von sechs und vier Jahren nicht in wünschenswerter Meise- widmen konnte. Umso dankbarer war sie svr die ernste, dabei doch so unendlich gütige und liebevolle Art, in der die Baroneß sich der Kleinen gleich am ersten Tage annahm und deren ganzes Herz zu gewinnen wußte. So kam es, daß Josefa von Knieper sich schon in den wenigen Wochen eine Stellung geschaffen, welche über die einer Gesellschafterin oder Erzieherin weit hinansging, es war die einer Freundin und Vertrauten. Tie Vereinsamte schloß sich der jungen Frau umso herzlicher an, als diese in ihrem Wesen, ja selbst in der Haltung und in ihren Gesichtszügen etwas hatte, was sie seltsam anzog. Wenn Frau von Flottwell ihr in der Dämmerung gegen» übcrsaß und plauderte, dann mar es der Baroneß, als hätte sie diese Stimme schon gehört eine Stimme, die bange Erinnerungen wachrief und ein unendliches Sehnen.

So auch heute wieder. Das junge Mädchen fühlte, daß es ihr heiß in die Augen stieg, und daß sie daran war, ihre Selbstbeherrschung zu verlieren.

»Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich werde nach den Kindern sehend

»Tun Sie das, Baroneß, aber kommen Sie bald wieder. Ich habe mit Ihnen zu sprechen etwas, das nun keinen Aufschub mehr leibet.*

Im Kinderzimmer wurde das junge Mädchen mit hellem Jubel empfangen. Während der kleine Eddy sich an ihr Kleid hing und stürmisch begehrte, auf den Arm genommen zu werden, tanzte der Aeltere, Fred, im Zimmer umher und krähte ausdauernd:

»Ich kann mein Gedicht schon, Tanke Seffa! Ich kann mein Gedicht! An fein I Soll ich mal sagen?*

»Eddy tann auch hm. Mal sagen?"

Der kleine Mann wartete den Bescheid nicht ab. Schon um dem Bruder zuvorzukommen, faltete er geschäftig die Händchen und plapperte stoekend:

Christtindlein tarn sii Erden In diese in diese heilge Nacht, Hat, daß wir (warte mal, nich sagen, Tanke Seffa) Hat, daß wir glückelich werden, Ten Schimmel initebracht*

Hochentzückt über seine Leistung klatschte er in die Händchen und sah dem jungen Mädchen lobheischend in die feucht- schimmernden Augen.

»Ach!* brüllte Fred. »Was bist du für ein Dummer- jahn! Es heißt doch Himmel und nich Schimmel! Tu meinst wohl, weil du dir ein Hottehüh gewünscht hast zu Weih­nachten!"

»Vis'n unesogenen Jung!" schalt der Kleine vom Ärm herab. »Tante Seffa weint all, weil du so'n hässelichen Jung bis!"

Fred steckte seinen Jndianertanz auf und spähte zwischen Verlegenheit und Schelmerei zu dem jungen Mädchen empor. Tann rief er triumphierend:

»Bah, ich weiß! Das ist nich deswengen! Das ist bloß, weil ihr Papa totgeftorben ist und sie nu auch keinen Papa hat und sag mal, Tante Seffa,* fügte er nachdenklich hinzu, in jenem unvermittelten Uebergang von Heiterkeit zu Ernst, wie ihn eben nur Kinder finden.

Was denn, mein kleiner Jung'?* fragte die Baroneß und strich zärtlich über den Blondkopf.

Denn sind unsere beiden Papas nun zusammen im Himmel!*

Ganz recht*

Un denn können sie sich was verzählen, nich?*

Auch das.*

Von uns, von dir und das find' ich eigentlich ganz gemütlich, Tante Seffa. Bloß ein Unglück haben unsere Papas doch! Sieh' mal, das Christkindlem is doch zu Weih­nachten garnich zu Hause!*

Nicht zu Hanse?*

Na nein! Es is doch auf der Erde, bei den vielen Kinders, die schon immer los drauf lauern!*

Denn triegen die Papas aderst nachher einen dollen Berg Sachen tesenkt,* wandte Eddy mit großen Augen und unter heftigem Kopfnicken ein,wenn das Christtindlein wieder sii Hause tommt!*

Wenn es denn man nich zu müde is und noch was hat,* bemerkte Fred skeptisch.

Tas Chrisikindlein ist niemals müde, Fred,* belehrte das junge Mädchen, indem es niederkauerte und den Kleinen ebenfalls an sich zog.Es ist immer unterwegs und über­all, im Himmel und aus der Erde*

Meinst wirklich? Was eine Beweglichkeit!*

Und seine ewige Güte und Gnade sind so unerschöpflich, daß es immer etwas hat, um die kleinen und die großen Menschen zu beglücken.*

Hat, daß wir glückelich werden

Ten Schim--nee, ich mein': den Himmel mitebracht.*

Eddy zitierte das träumerisch und lehnte die runde, weiche Wange an Tante Scffas Stirn. Auch Fred kuschelte sich eine Weile schweigend an, unter dem überwältigenden Eindrücke des Weihnachtsmysteriums. In feinen hellen Angen malten sich die krausen Gedanken, die er dachte und denen er nachgrübelte. Die Augen schauten begeistert und fast feierlich, als er sagte:

Dann will ich mal heute ganz doll beten, daß du was besonders Feines kriegst, Tante Seffa. Ach, Eddy!* krähte er dann erschrocken aus.Nn haben wir doch vergessen, auch für Onkel Walter zu beten, wie uns Mutting gesagt hat! Daß er gesund is, wenn wir hinkommenl Wie kann man nu bloß! Wollen wir jetzt beten, Eddy?*

Man los*

An fein! Denn sag' uns man vor, Tante Seffa! Allein krieg' ich da nix zusammen, wo der liebe Gott amtlich hin­hört. Was is denn? Denkst du wieder an deinen tot* gestorbenen Papa? Alach' doch nich, Tante Seffa; er hat doch nu einen guten Bekannten oben, wo er sich was mit verzählen kann, und*

Still, Fred,* flüsterte die Baroneß. »Sag' mir, wer ist Onkel Walter?"

Onkel Walter iS doch Onkel Walter,* erwiderte der Kleine, unbändig erstaunt.

Onkel Walia is sooooo droß,* erklärte der Jüngere, indem er beide Aermchen in die Höhe warf und sich aufreckte, so hoch er konnte.Und in der Tasch hinten hat Onkel Walia immer Lockelade hm.*

Und ein blankes Auge von Glas hat er!* rief Fred, der nun nicht nachstehen wollte. Dann überkam ihn aber wieder das Erstaunen, daß Tante Seffa von Onkel Walter nichts wußte. Er puffte das junge Mädchen schelmisch mit