Monlag den 24. I-zcnröer
M. 190
1906
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Zlnd zürn? nicht!
Weihnachts-Erzählung von Teo vonTorn.
Nachdruck verboten.,
(Schluß.)
„Ja, weshalb! Wenn du zu Vatern nach oben gehst, der bei seinem kranken Nucke zu Visite ist, der wird die Augen rollen und sagen: Dieser verflüchtige Triddelfitz, zuerst hat er uns schikaniert und uns um unser Geld gebracht und jetzt will er uns noch durch sogenannte Wohl- tätigkeiten beschämen! Wenn du mich fragst, dann sage- ich: Es gibt dumme Luders, deren anständige Gesinnung weder durch eine kanonenmäßig schlechte Behandlung, noch durch gröbliche Verkennung, noch durch sonst was unterzukriegen ist! Aber ich mein', Baroneßchen, daß wir da nicht maßgebend sind. Frag' mal was anderes — beim Herz beispielsweise würde ich mal fragen, lind wenn dir das keinen Bescheid geben kann, so wirst du allerdings hinter den kuriosen Zusammenhang oieser ganzen Geschichte nie kommen."
„Mein Herz!" jubelte und toeiitte sie in einem Atemzuge, indem sie die Hände gegen die glühenden Wangen drückte. Das war aber nur ein jähes Aufflammen. Fast in demselben Moment fielen die Arme schlaff herunter. Ter beseligte Schimmer in den blauen Augen erlosch, und die Lippen preßten sich wie int Schmerz fest aufeinander.
Josefa von Knieper schüttelte den Kopf und sah zu Boden.
„Ich werde nicht fragen, Onkel Staberow", sagte sie leise, aber bestimmt; „mein Herz würde hier nicht mitsprechen dürfen, auch wenn es nicht schon längst gestorben wäre. Und du darfst es nicht zu wecken suchen, Onkel Staberow. Gib ihm seine Ruh' — ich bitte dich! Was du mir da angedeutet, ist schrecklicher als alles andere. Ich. mag es nicht ausdenken. Ich kann es nicht!"
„Weil du ein eigensinniges Mädel bist, Baroneß! Von dem echten bockbeinigen Knieperschen Schlage! Lieber zehnmal unter einem Unrecht zu Gründe gehen, als es einsehen und wieder gut machen. Oha, was für ein Schlag Menschen!"
„Es ist nichts mehr gut zu machen. Dazu ist es zu spät. Auch wenn ich mein bißchen Stolz beugen und ge- demütigt vor ihn hintreten wollte, um alles abzubitten, was ich in den anderthalb Jahren gesagt und getan — was wäre damit erreicht? Meinst du, daß dann alle Bitterkeit beseitigt wäre und vor allem der Haß des Vaters?"
Wie ein Frösteln überlief es die schlanke Gestalt des jungen Mädchens. Jochen Staberow konnte nicht anders, er legte den Arm um ihre Schulter und strich begütigend über ihren Scheitel. Sie schaute zu ihm auf mit dem Blicke eines gehetzten Mildes. Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte Jochen Staberow einen solchen angstvollen, verzweifelten und todestraurigen Blick gesehen. Tas war vor Jahren gewesen, auf seiner letzten Jagd, als er eilt junges Reh angeschweißt hatte. Es war im Feuer zusammengebrochen —
und so hatte es ihn angesehen, als er sich genähert. Dann war das arme Tier mit seiner letzten Kraft hochgegangen, geflüchtet und — irgendwo verendet int stillen Walde. Und dieses arme, wunde Menschenkind flüchtete auch. — —i
„Ich gehe fort, Onkel Staberow", hauchte es bebend. „Tas ist die Lösung. Tie einzige! Halte mich nicht. Es ist wie von Gott, daß ich bett Brief erhielt heute morgen. Eine Frau von Flottwell auf Nenwieschenhof im Schleswig- schen oben bietet mir alles, was ich noch wünschen kann. Wie bte Dame auf mich gekommen ist und woher sie meine Adresse hat, das weiß ich nicht. Ist ja auch gleichgültig. Ich nehme es als das, was es ist: als ein Geschenk vom Himmel, für das ich mich nicht dankbar genug erweisen kann. Menn ich mich dann erst unabhängig gemacht habe und nicht mehr so namenlos leide unter dem Gefühl, daß jener Mann, der---"
Ein gellendes Rufen von der Treppe her unterbrach sie. Auch Jochen Staberow macht erschrockene Augen und eilte zur Tür. Ehe er diese noch öffnen konnte, ivurde sie von draußen aufgerissen und Fielen stürzte herein. Beide Hände auf den wogenden Busen gepreßt, rang sie nach Luft und Atem. Eins ihrer grauen Zöpfchen, die sie sonst sauber und sorgfältig zu einem Storchnest aufgesteckt trug, hatte sich gelöst und baumelte ihr trostlos im Nacken.
„Herr Staberow!" keuchte sie. „Herr Staberow!"
„Na, was gibt es denn schon wieder, zum Donnerlich- ting!" rief dieser unwillig „Haben Sie was gerochen oder hat es wieder gepiept? Dann ist es aber ganz gewiß bei Ihnen gewesen. So eine Unvernünftigkeit!"
„Es hat nicht gepiept, Herr Staberow — dafür aber hab' ich gesehen — ich war oben — unterm Dach! Achott- chen, achottchen, Herr Staberow! Ter — der Herr Baron — hat ein totes Ferkel im Arm! Er sitzt ganz mußstill —< und die Nase ist gar nicht mehr rot — und er macht so friedliche Augen, wie er noch nie gemacht hat ----"
Jochen Staberow brummte etwas von „Trönbartel' und ,Gespensterkieken', als er der Baroneß folgte, die mit wankenden Kniecn zum Boden hinauseilte. Aber es war ihm doch arg beklommen ums Herz. Und als er sich dann überzeugt, daß der alte Knieper den Verlust des letzten, was ihm von Pardubitz geblieben, wirklich nicht hatte überleben können, schnaubte er so fürchterlich, in sein buntes Sacktuch, ü>ie er noch nie geschnaubt.
Drei Tage später brachte man den Alten heim — und Jochen Staberow achtete peinlich darauf, daß das gemäß den Vorschriften geschah, die der Baron wenige Tage vor seinem Tode niedergeschrieben hatte. Ter Kondukt sollte nicht am Herrenhause vorbei, sondern auf dem Umwege über den Haideweg nach bem Friedhöfe geführt werden. Aus dem Herrenhause selbst tollte beileibe niemand folgern Und wenn man ihn ordentlich fest eingemummelt habe in die liebe Bardubitzer Erde, bann sollten alle gleich Weggehen, beim er hätte nötig, was mit seiner Frau zu be-


