Ausgabe 
24.11.1906
 
Einzelbild herunterladen

695

Schloßherr müde.Es wird sehr ungemütlich sein, das läßt sich aber nicht ändern."

Es wird nicht so ganz schlimm sein", fuhr Sergeant Elliot fort.Ich kenne einen Detektiv, der ein feinge­bildeter Mann ist, Inspektor Sinclair; und wenn irgend etwas Unangenehmes in einer Familie sich ereignet, so wird er stets für die Sache gewählt."

Tun Sie, wie Sie wollen", wiederholte Lord Wayne.

Ich habe nur auf Eurer Herrlichkeit Zustimmung ge­wartet", fuhr der Sergeant fort. Es wird am besten sein, wenn der Zweck seines Besuches geheim gehalten wird; denn wäre er bekannt, so würden die Absichten, die uns leiten, natürlich von vornherein vereitelt sein. Vielleicht wäre es das Beste, wenn er als Künstler zum Studium der Gemälde ins Schloß eingeführt würde."

Machen Sie das, wie Sie wollen", war die Er­widerung.Mir ist die Idee, einen Geheimpolizisten mitten unter uns zu wissen, im höchsten Grade zuwider; wenn es Recht und Gerechtigkeit aber verlangen, nun gut, so mag's geschehen."

Tann will ich die Sache also unverzüglich in die Wege leiten", sagte Sergeant Elliot.

Das Ergebnis dieser Unterhaltung war, daß binnen einer Stuilde das ganze Schloß wußte, daß ein Zimmer für Herrn Sinclair instand gesetzt werden sollte, einen Herrn, der die Gemälde besichtigen wollte.

In weniger denn sechs Stunden war Herr Sinclair bereits in seinem Zimmer installiert. Er wurde von Sergeant Elliot an der Bahn abKholt, und die beiden hatten zunächst eine lange Unterhaltung auf dem Privat­zimmer Elliots. Im Verlauf derselben zog der Sergeant ein sorgfältig in Papier gewickeltes Armband ans der Tasche, worauf Blutflecken und Schmutz wie von feuchter .Erde sich befanden.

Verlassen Sie sich darauf", bemerkte der Sergeant, wir sind dabei auf der richtigen Spur, was für ein Geheimnis auch noch dahinter stecken mag."

Was für eine Frau ist es?" fragte Herr Sinclair.

Sehr schön sehr stolz und würdevoll, eine, von der Cie zu allerletzt denken würden, daß sie in etwas Derartiges verwickelt sein könnte."

Aelter oder jünger, als der Ermordete?" fragte Herr .Sinclair.

Aelter, fünfzehn oder sechszehn Jahre älter", war die ^Erwiderung, worauf Herr Sinclair nichts weiter fragte.

Er wurde bald sehr populär im Schlosse. Er sagte den Mädchen so reizende Komplimente, daß sie alle hingerissen waren. Wenn er aber eine von ihnen bevorzugte, so war es augenscheinlich Jeannette, Myladys Zofe.

Er folgte ihr wie ein Schatten, schmeichelte ihr, trug die unwandelbarste Hingebung für sie zur Schau.

Ich habe gehört", sagte er ihr am Tage nach seiner Ankunft,daß in Lady Waynes Ankleidezimmer ein präch- tiger Correggio hängt."

Was ist ein Correggio?" fragte die hübsche kokette Jeannette.

Ein Gemälde von einem alten italienischen Meister, den ich besonders studiert habe und dessen Werke ich bei­nahe allo kenne, bis auf dieses. Das nächste Mal, wenn Mylady ausgeht, möchte ich eS sehr gern einmal betrachten ~ das heißt, wenn Sie solche Schätze zeigen dürfen."

Jeannette warf den Kopf kokett zurück.

Hat sich was zeigen zu dürfen", sagte sie.Ich weiß jetzt, welches Bild Sie meinen. Jeder, der nach zpenning- hall kommt, sieht es sich an."

Dann wollen Sie doch gegen mich sicher nicht un­freundlicher sein, wie gegen alle anderen Fremden, nicht wahr?" schmeichelte er galant; worauf das hübsche Kammer­kätzchen nur verheißungsvoll lächelte.

Dte Gelegenheit kam noch am selben Nachmittag.

Lady Wayne sah so angegriffen und ganz anders wie sonst aus, daß ihr Gemahl daraus bestand, sie zu einer Spazierfahrt mit hinauszunehmen. Vergeblich weigerte sie sich.Du mußt mitkommen, Evelyn, bestand er.Die frische, reine Luft wird die Erinnerung an diese Schrecken wegblasen."

Sie fürchtete, durch fortgesetzte Weigerung Erstaunen oder. Bemerkungen wachzurufen, und ging

(Fortsetzung folgt.).

Aas Museum in Aarmstadt.

Eine historische Skizze

1 von Hermann Knispel (Darmstadt)'.

(Unberechtigt, c ' druck verboten.) (Fortsetzung.)

Kürz, das Diarmstädter Museum wuchs rasch empör und erregte die Bewunderung aller Kunstfreunde und -kenner. Auch Goethe» hat dies rückhaltlos anerkannt. Sein Urteil in den eingangs erwähnten Reisebriefen gibt eine ungemein lebendige Schilderung über die junge Kunstanstalt und ihre damalige Bedeutung. Es möge daher an dieser Stelle mit nur wenigen Kürzungen Platz finden:D a r m st a d t. Das hiesige Groß­herzogliche Museum wird wohl immer unter den Anstalten dieser Gegenden zu den vorzüglichsten gezählt werden, und dessen nmster- hafte Einrichtung wird allen ähnlichen Unternehmungen billig zur Richtschnur dienen. In dem geräumigsten Lokal sind die mannigfaltigsten Gegenstände ohne Prunk, aber mit Ordnung, Würde und Reinlichkeit ausgestellt, so daß man durchaus mit Bewunderung im Genüsse belehrt wird.

Die herrlichsten Statuen in vortrefflichen Gipsabgüssen ver­dienen wohl zuerst genannt zu werden, an die sich zahlreiche Büsten, Körperteile, Basreliefe anschließen, alles in anständigen Räumen, der Betrachtung, so wie den Studien gleich günstig. Die Nachbildungen in Kork von allen bedeutenden römischen, ja italienischen Monumenten, wozu sich ältere deutsche gesellen, geben dem Baukünstler zu den bedeutendsten Vergleichungen Anlaß.

Eine zahlreiche Gemäldesammlung, in welcher jeder Liebhaber sich' nach seinem besonderen Interesse nn älteren und neueren Meistern geschichtlich unterrichten oder gemütlich ergötzen kann, ist durch mehrere Zimmer verbreitet.

Sucht man vergebens von den übrigen Schätzen einige Notiz zu liefern, so muß man wünschen, daß ein Katalog, wenn auch nur das Allgemeinste andeutend, dem Reisenden bald in dit Hände gereicht werde: denn wie soll man sich sonst aus dem unendlichen, obgleich vortrefflich geordneten und zusammcnge- stellten Reichtum herausfinden? Man sagt nicht zu viel, wenn man behauptet, daß Musterstücke der Kunst und Merkwürdig­keiten aller Jahrhunderte und Gegenden, welche uns betrachtungs­würdig überliefert werden, hier anzutreffen sind. Vasen und Urnen aller Art, Trink- und Scherzgefäße, Bronzen aller Jahr­hunderte, worunter man die köstlichsten Kandelaber und mehr- dochtige eherne Lampen bewundert, Reliquienkästchen der ältesten byzantinischen Zeit, von Erz und Schmelz, elfenbeinerne etwas später, Kirchengeräte jeder Art, unschätzbare Handzeichnungen der größten Meister, so gut ältere als neuere chinesische und japanische Arbeiten, Glasgeschirre, durch Materie, Form und Schleifknnst kostbar. Und so müßte man fortfahren, ein allge­meines Bild einer musterhaften Kunstsammlung aufzustellen, und man würde dennoch das Ganze nicht ergründen.

So finden sich z. B. eine große Anzahl altdeutscher Kirchen­gemälde, welche, restauriert und aufgefrischt, einer Scheinkapelle zur vorzüglichsten Zierde dienen würden. Was jedoch beinah noch mehr als die Schätze selbst den Beschauer anspricht, ist die Lebendigkeit, welche man dieser Sammlung, als einer sich immer fortbildenden, anmerkt. Alle Fächer sind in Bewegung; überall schließt sich etwas neues an; überall fügt sich's klarer und besser, so daß mhn von Jahr zu Jahr den schaffenden und ord­nenden Geist mehr zu bewundern hat. Selbst wenn man iit Bezug auf Köln die Sammlung des Herrn von Hüpsch dem Darmstädti- schcn Museum mißgönnte, so freut mau sich hier des glücklichen Geschicks, welches diesem Chaos zu teil ward, entwickelt, ge­sondert und einer schon lebendig geordneten Welt einvcrleibt zu werden.

Eine naturhistorische Sammlung von gleichem Reichtum und Vollständigkeit fleht dieser Kunstsammlung zur Seite. In hellen Galerien aufgeordnet, finden sich die drei Reiche der Natur, an welchen immer durch tätige Männer Reinlichkeit erhalten, das Erfreuliche für den Beschauer vermehrt und die Ordnung für den Wissenden und Wißbegierigen immer klarer eingerichtet wird. Wenn auch hiervon nur int allgemeinen die Rede sein kann, so darf man wenigstens insbesondere der Sammlung gedenken, welche, der vergleichenden Anatomie gewidmet, jene merkwürdigen Fos­silien, Reste der gigantischen Tiere ans der Urzeit, wie sie in dem weiten Rheintale so ost ausgegraben werden, geordnet und erhalten vor Augen stellt. Rührend war es dem Befchaer, viele Stücke hier zu finden, welche, von dem verblichenen Jugendfreunde Merck mit Liebe und Leidenschaft gesamnielt, nun durch landeK- herrliche Neigung und durch Sorgfalt eines nachfolgenden Natur­forschers hier gerettet und gesichert lagen.

Auch fand man jenen Wunsch schon erfüllt, daß nämlich seltene Naturgegenstande, die man schwerlich je mit Angeit sehen wird, neben anderen wirklichen Seltenheiten aufgestellt würden. Das ungeheure Geweih, wie man sie in Irland ausgräbt, ward zur Bewunderung des Anschauenden versitchsweise auf eine Papier- fläche gemalt. ...

Eine höchst reiche, eben so würdig als reinlich ausgestellt« Bibliothek setzt den Reisenden alsdann in Verwunderung und erregt in ihm den Wunsch, längere Zeit von diesen Schätzen Gebrauch machen zu können. Wie er denn auch, wenn er völlig fremd und mit hiesigen Verhältnissen ganz unbekannt wäre, not-