Ausgabe 
24.11.1906
 
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1906

Samstag den 24. Wovemöer

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Hoken-Sonntag.

Feuchtkalte Nebel lagern in der Runde llnb die Natur ist jeden Schmucks beraubt, Stein Vöglein bringt mehr frohen Sanges Knude Und auch der Wald senkt nn'ibe hext sein Haupt. Ein kalter Ranhreii liegt aus den Gefilden, Mit melken Blättern spielt der rauhe Wind, 9!ni öder Flur kein Blümchen mehr zu finden, Tas uns erfreut durch farbenreiches Bild.

Tod) welch ein Blühen rings auf Grabeshügeln» Als wenn der Frühling seinen Einzug hält, Als ob nach langer Nacht auf Frührots Flügeln 'Der Sonne Gold begrüßt die trübe Welt.

Es gilt ja dem Gedächtnis unsrer Sieben, Tie heimgegangen in ein bess'res Land, Wo etrüge Wahrheit, eroge Siebe thronen Und Tränen trocknen eines Engels Hand.

Trum nahen mir euch heut mit frischen Kränzen, Wird auch der Schmerz von neuem angefacht, Und ob im Ange bang die Tränen glänzen. Wir senden Grüße euch in Grabesnacht.

Schlait wohl, ihr Sieben, die in Golt geschieden, SD, schlummert sanft in friedlich-stiller Grnit, Bis euch dereinst nach langem Grabesfrieden Zum ewigen Licht des Vaters Liebe ruft.

Gießen, 1906. Tt> eodor Loos.

Zm Manne des Geheimnisses.

Roman von H. v. Raesfeld.

Nachdruck verboten!.. ' (Fortsetzung.)

53. Kapitel.

Eine fixe Ide.

Wir verließen die beiden Schwestern, als sie sich in Todesangst ratlos anstarrten.

Marian's blasse Lippen mühten sich vergebens, einige Worte des Trostes zu flüstern,, sie brachte kein Wort heraus. Die weißen Arme umklammerten sie, das schöne verzweiflungs­volle Gesicht starrte sie an.

D, Marian, Marian, hilf mir! O Himmel, was soll ich tun? Was soll aus mir werden?"

Treu, wie sie ihr ganzes Leben hindurch gewesen, ver­suchte Marian, sie zu beruhigen.

Mein Liebling, du hast ja nichts zu fürchten, sieh, ich bin hier, sei doch ruhig".

Aber er ist tot!" rief sie mit wildem Schrecken in ihren Augen,er ist totl*

Das ist nicht dein Fehler, herzliebste Eve. Du hast nichts damit zu tun. Es kann dich ja gar nichts angehen.,"

Doch alles war vergebens. Mit einem gellenden Auf­schrei, der Marian sah emporfahren ließ, siel Lady Wayne in eine todesähnliche Ohnmacht.

Angst und Slot malten sich in Miß West's Zügen. Hastig schellte sie und befahl der herbeicilenden Zofe, sofort einen reitenden Boten nach Kenningsthorpe zu Dr. Roberts zu schicken, Lady Wayne sei gefährlich krank. Die Zofe eilte davon, und Marian setzte sich ängstlich am Bette ihrer Schwester nieder, horehte, wie die Equipagen mit den Gästen wieder abfuhren, und fragte sich bange, was in diesem Hause, worüber seit einigen Stunden ein wahres Verhängnis zu schweben schien, demnächst wohl vorfallen würde.

Wie viel mochte ihre Schwester wissen? Jack hatte sicherlich sein Geheimnis nicht verraten. Schnüffler und Spion mochte er sein, aber sein feierlich beschworenes Ver­sprechen zu brechen, dazu war er doch wohl nicht niedrig und gemein genug.

Nein, es war keine andere Erklärung für Lady Wayne's Aufregung und Angst möglich, als die Gemütserschütterung über die Kunde, daß ein derartiges, unheimliches Verbrechen sozusagen auf der Schwelle ihres Hauses verübt worden war.

Marian grübelte und bemühte sich, das Geheimnis zu enträtseln, das alle Bewohner Kenninghalls beschäftigte.

Was hatte Jack Jefferies dorthin gebracht? Hatte elf s i e vielleicht sehen und sprechen wollen?

Er konnte doch kein Geld nötig haben das war un­möglich. Sie hatte ihm auf sein Verlangen das ganze erste jährliche Einkommen im voraus gegeben. Er hatte nicht ein­mal Zeit gehabt, das Geld auszugeben. Es war also kaum wahrscheinlich, daß er hergekominen war, um eine Aussprache mit ihr herbeizuführen; oder- konnte es fein, daß er ihr schlechte Nachrichten hatte bringen, ihr vielleicht hatte Mit­teilen wollen, daß schließlich noch andere dem Geheimnis auf der Spur seien?

Aber angenommen, es wäre so wie würde das dag Geheimnis seines Todes erklären?

Für mich", dachte Marian,könnten einige denken, fei sein Tod eine Erleichterung. Ich glaube, ich bin die ein­zige, die dabei gewinnt. Ich gewinne tausend Pfund jährlich und die Sicherung eines gefährlichen Geheimnisses; doch Gott weiß, ich bin unschuldig an seinem Tode. Und hätte ich seinen Tod bloß wollen brauchen, ich hätte es nicht getan".

Hier wurde ihre Grübelei unterbrochen; das Mädchen meldete Dr. Roberts, und ihr auf dem Fuße folgte hastig und erhitzt der Arzt selbst.

Bedauere außerordentlich, von MyladyS Krankheit zu hören, Miß West. Kenninghall sieht heute ordentlich ganz