Ausgabe 
24.10.1906
 
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Es feint ihr vor wie ein Traum, als Werner Jefferies ihr die Hand drüekte und mit ihr sprach. Sie blickte ihm halb verwirrt, halb geistesabwesend ins Gesicht und ant­wortete ihm, sie wußte nicht was und wie.

Werner legte sich die Verwirrung dieser bescheidenen Frau ganz anders aus. Gutmütig nahm er neben ihr Platz und begann mit ihr zu plaudern. In wenigen Minuten er­holte sie sich.Es ist alles sicher", sagte sie sich;alles sicher; niemand hat es entdeckt, daß es Eves Sohn ist".

Damit kehrte ihr die volle Selbstbeherrschung und Geistes­gegenwart zurück, und sie war imstande, mit ihm zu plaudern. Ach, kein Wunder, daß Eve von ihm entzückt gewesen, kein Wunder, daß Lord Wayne eine solche Vorliebe für ihn gefaßt.

Lady Wayne betrachtete die beiden, lächelte und dachte, daß der junge Mann sicherlich irgend einen wunderbaren Zauber an sich haben müsse, der jetzt auch sogar bei ihrer ruhigen, gesetzten Schwester zu wirken beginne. Die Aukün- dignng des Diners unterbrach das Tete-ä-Tete.

ES war eine so fröhliche Gesellschaft; Lord Wayne sah umher auf die lachenden, sonnigen jungen Gesichter; er blickte auf fein schönes Weib, strahlend in Juwelen, lächelnd, an­mutig und glücklich und ein Gefühl des'Friedens und der Sicherheit beschlich fein Herz ein warmes schauerndes Glücksgefühl, das ihn inmitten dieser glänzenden Gesellschaft mit froher Dankbarkeit gegen den Allgütigen erfüllte.

Keine Ahnung von den sich langsam in der Ferne zu­sammenballenden schweren Wetterwolken überkam ihn, von dem Unheil, das sich über Kcnninghall entladen sollte!--

Denselben Abend war Lord St. Gilbert einen Augen­blick allein mit Werner zusammen.

Nie werde ich dies liebliche Bild, das wir heute sahen, vergessen, Werner", sagte erMiß Wayne unter den Rosen. Wie schön sie ist wie lieblich und anmutig! Kann ich sie nicht als mein Weib gewinnen, so werde ich nie eine andere lieben."

Sie ist sehr hübsch, sehr lieblich", sagte Werner ruhig, aber ich glaube, mit ihrer Mutter ist sie nicht zu ver­gleichen!"

lind oluvohl Werner durchaus im Ernste sprach, lachte Lord St. Gilbert doch herzlich über seine Worte.

22. Kapitel.

Miß West verzweifelt.

Marian", sagte Lady Wayne,ich werde ganz unruhig Hin dich, und Mortimer geht es auch so. Weist du auch, wie verändert du bist? Deine Augen brennen und sehen aus, als ob du gar nicht mehr schliefest, deine Hände zittern. Du warst sonst so ruhig, so gleichmütig, so wacker, und jetzt bist du nervös, zerfahren. Was stimmt nur nicht, Liebe?"

Es war ein sehr blasses, verändertes Gesicht, das Miß West ihrer Schivester zuwandte. Sie versuchte zu lächeln und zu versichern, daß es nichts als Unwohlsein fei, doch Lady Waynes rege, liebende Teilnahme war nicht so leicht abzu- wehren und zufriedenzufteNen.

Sie betrachtete sie gespannt und fuhr dann plötzlich fort:

_Marian, du hast doch sicher nichts auf bem Herzen ks liegt doch nichts vor keine Gefahr!"

Nein, nein, Eve; was sollte ich auf dem Herzen haben? Sprich doch keinen Unsinn. Uebcrlass' mich nur mir selber es wird mir bald wieder besser gehen".

Aber", beharrte Lady Wayne,du hast das schon feit langem gesagt; wir haben dich auch gewähren lassen, aber du wirst und wirst nicht anders, nicht besser".

Miß West sah wirklich sehr angegriffen aus. Es war eine schreckliche Probe für sie gewesen, zu sehen, wie der Sohn ihrer Schwester als Fremdling Gastfreundschaft bei 'eines Mutter genoß und niemand von dem Sachverhalt et­was wußte, wie sie. Sie zwang sich, alles schweigend zu tragen, und cs war bisher auch leidlich gegangen; seit heute morgen aber lastet ein große Furcht auf ihr, eine schreckliche Angst, die sie keine Minute verließ und stets stieg.

An diesem Morgen, als die ganze Gesellschaft beim

Frühstück gesessen, hatte Elsie lachend von einem kleinen Perlen-Medaillon erzählt, das sie trug.

Es besitzt einen Zauber", sagte sie,einen wirklichen Zauber, es ist ein Talisman. So lange ichs trage, kann mir nichts Uebles widerfahren."

Werner wandte sich ebenfalls lachend zu ihr:Ich habe auch einen Talisman, aber keinen so hübschen wie Sie; der meinige ist eine grünseidene Börse."

Zeigen Sie her", sagte Elsie gebieterisch.

Gern, nachher. Sie ist aus meinem Zimmer. Ich gehe ohne sie nirgendwo hin."

Warum tragen Sie sie denn nicht?" fragte Elsie. Sie sollten ein Goldstück hineintun und sie stets bei sich tragen."

Nein; ich fürchte sie zu verlieren, und Sie wissen nicht, wie abergläubisch ich bin; es scheint mir all' mein Glück mit ihrem Besitz verknüpft. Ich habe eine Ahnung', daß, wenn ich sie verlöre, alb mein Glück mich verlassen würde."

Ich bin ganz neugierig auf Ihren Talisman", sagte Elsie.

Nach dem Frühstück werde ich sie Ihnen mit Vergnügen zeigen."

Und diese wenigen Worte hatten Miß West aller Selbst­beherrschung beraubt und sie säst zur Verzweiflung ge­trieben.

Eve wird diese Börse unter allen Umständen sofort wiedererkennen", dachte sie.Sie hat sie selbst gemacht und war so stolz darauf feiner Zeit. Wie konnte ich nur so verrückt, so dumm, so gedankenlos sein? Wer hätte es sich aber auch träumen lassen können, daß er je hierher kommen würde? O, mein Gott, mein Gott!" stöhnte die unglückliche Frau leise,ist es deine Hand, die das getan?"

Sie richtete ihre ganze Energie darauf, Werner und Elsie von dem Gegenstand ihrer Unterhaltung abzubringen. Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Anekdoten, zog sie auf, bis alle sich über ihre Aufgeräumtheit wunderten.

Nun", sagte sie gegen Ende des Frühstücks,laßt uns heute keine Zeit verlieren. Der Morgen ist wundervoll; wir wollen ein paar Bücher mitnehmen und in den Park Yinausgehen, und zwar bis zur Königs-Ceder; dort sollen Herr Jefferies und Lord St. Gilbert uns dann vorlesen."

Hurrah! Tantchen", rief Elsie,du wirst bald durch und durch lyrisch. Eine prächtigere Idee hätte ich selbst nicht erfinden können Sonnenschein, Blumenduft, im' Schatten der Ceder, und ein schönes Buch!"

Wirklich, das wird hübsch", lächelte auch Lady Wayne.

Lord St. Gilbert war alles gleich, wenn er nur in der Nähe seiner bezaubernden Eliie bleiben konnte.

Mir wollen also keine Zeit verlieren", sagte Miß' West; und keiner aus der kleinen Gesellschaft, wovon die meisten über den Eifer, womit sie zum Aufbruch trieb, lächelten, ahnte auch nur etwas von der fieberhaften Angst und Qual, die sie mittlerweile litte.

Sie redete und sprach so viel, von dem Buch, das sie nehmen sollten, wer zuerst und wer dann vorlesen sollte, wie hübsch und schön es draußen wäre, bis Werner und Elsie, von der Idee ganz begeistert, alles andere, Börse,; Versprechen, Talisman, vollständig vergaßen.

Dann, als sie alle aufbrechen wollten und Werner mit der ihm eigenen freundlichen Liebenswürdigkeit sich zum! Begleiter Miß West's erboten, erinnerte sie sich plötzlich, daß sie etwas sehr Wichtiges noch nicht besorgt habe.

Geht nur, geht nur schon ohne mich", sagte sie zu Lady Wayne;ich werde Euch folgen es wird nicht lange dauern."

Man ging; Lady Wayne mit dem heimlichen Gedanken, daß ihre Schwester in letzter Zeit doch recht merkwürdig geworden.

Lord St. Gilbert schwamm in Glückseligkeit er hatte sich der ausschließlichen Begleitung Elftes versichert. Sie gingen voraus und ihr munteres Geplauder und fröhliches Gelächter klang wie Musik durch die klare ruhige Sommern lüft herüber. t . j

Werner wandelte an Lady Waynes Seite. '

Weshalb heißt dieser Baum die Königs-Ceder?"- fragte er.

Ach, Mr. Jefferies, es gibt so viele Sagen und Legenden auf Kenninghall ich glaube, das ist auch der Grund, warum es mir hier so aßerordentlich gut gefällt. Die Geschichte ist also die: König Karl'II. war dem da-