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mein Weib zu werden; würde dich nie so verehren, wie ich es jetzt tue, wenn ich nicht diese feste Ueberzeugung hätte.
—- Nun, denke ich, haben wir alles gesehen, was sehenswert ist; wir sind schon über drei Stunden daran; und doch bist du noch nicht einmal im westlichen Flügel gewesen; wir müssen das auf morgen verschieben. Du siehst so blaß aus, Herzlieb, — habe ich dich ermüdet?"
„Nein," flüsterte die süße Stimme. „Ich, bin nicht müde; aber es ist spät; Marian wollte um drei llhr hier jein —"
„Es ist jetzt fast drei," sagte Lord Wayne. „Wir wollen auf die Terrasse hinuntergehen, um zu sehen, ob nichts von dem Wagen zu entdecken. Nun lächle, Evelyn, und hab wieder diesen lieblichen, rosigen Schimmer. Wo ist er jetzt hin? Ich wünsche, daß Marian sieht, daß ich gut für dich gesorgt habe."
„Sie wird nicht umhin können, das anzuerkennen," sagte die junge Frau, mit sehnsüchtigem Ausdruck sich an den starken rechten Arm ihres Gemahls hängend; „Marian wird es gleich sehen, wie gut du mit mir gewesen bist."
Eine halbe Stunde später, und Marian West wurde mit größter Herzlichkeit auf Kenninghall bewillkommnet. Lord Wayne küßte sie auf die Stirn und begrüßte sie mit so herzlichen Worten, daß ihr die Tränen in die Augen traten. „Willkommen zu Hause, Schwester," sprach er warm; „erinnere dich stets, daß du von heute an hier deine Heimat hast!"
Dann wurde sie Algernon Wayne vorgestellt, der sie in seiner gewohnten nachlässigen Art und Weise, gleichwohl aber herzlich bewillkommnete. Mrs. Wayne, die sie scharf ins Auge faßte und sich dann heimlich ehrlich eingestand, daß sie in Mrs. West höchstwahrscheinlich eine ebenbürtige Gegnerin gefunden habe; Lady Beverley, — die, wie gegen alle — liebenswürdig und freundlich gegen sie ivar und ihr sagte, sie freue sich herzlich darüber, daß sie gekommen fei, um bei ihrer lieblichen Schwester zu bleiben.
„Sie dürfen sie nicht von der Welt verderben lassen, Miß West; sie ist so schön, daß sie sicher von allen Seiten umschmeichelt und verzogen werden ivird. Geben sie es nicht zu, daß sie auf diese Weise verdorben wird. Lord Wayne wird ihr nie „nein" sagen können. Sie mässen fester sein."
Marian lächelte und versprach, „nein" sagen zu lernen.
Ein sehr nötiges Wort in dieser Welt, Miß West, glauben sie mir's", fuhr Lady Beverley fort; „doch leider eins, das zu äußern nur wenige Leute den Mut haben."
Dann, in der Annahme, daß die beiden Schwestern gern allein sein würden, begab Lord Wayne sich in sein Arbeits- zimmer, unter dem Vorwande, er habe noeh einige dringende Briefe zu erledigen. —
Evelyn und Marian standen auf der Terrasse, gegen die Stein-Balustrade gelehnt, und sahen beide mit entzückten Blicken auf die rings sieh dehnende prächtige Landschaft. Dann wandte Marian sich und sah der Schwester ins Gesicht.
„Du hast ein großartiges Heim," sagte sie. „Nie hätte ich mir träumen lassen, daß Kenninghall etivas derartiges feil"
„Es ist sehr großartig, ja," sagte die klare, ruhige Stinune Evelyn's.
„Und du, bist du glücklich, recht glücklich, Eve? Sag's mir, Liebling. Das ist alles, was ich wirklich 51t hören wünsche. Du bist vollkommen glücklich, nicht wahr?"
„Ja," versetzte sie; „Mortimer ist mehr als gut mit mir; ich habe alles, was mein Herz verlangt. O, Marian vergieb mir, wenn ich unsere Abmachung dies eine Mal breche. Glaubst du, daß es sicher ist? Marian, sag mir, ist es sicher?"
„Dein Geheimnis?" flüsterte sie zurück; „jawohl, Eve, so sicher, als ob jeder, der es bewahrt, tot im Grabe läge."
„Dann bin ich glücklich, sehr glücklich," sprach Lady Wayne mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. „Das war die einzige Sorge, die mich quälte."
„Laß dich nie wieder davon quälen, Kind; es ist tot
und begraben. Und du weißt ja, was tot ist, das kann nicht reden."
5. Kapitel.
Lady Wayne zu Hause.
Einige Wochen verflossen. Lady Wayne begann sich von der Ueberraschnng über all' das Neue und Großartige, das sie umgab, etwas zu erholen — sich zu Hause zu fühlen. Die gesamte Elite der Nachbarschaft hatte ihre Besuche abgestattet. Großartige Festessen und glänzende Feierlichkeiten waren ihr zu Ehren gegeben worden, und auf jeder derselben war sie erschienen — strahlend, bezaubernd schön — der Neid aller jungen Damen und aller jungen Frauen.
Wer war so glücklich wie Mylady Wayne? Wer so schön, so reich? Wer trug solch' prächtige Toiletten? Wer besaß solch' kostbare Juwelen? Wessen Antlitz war so hold und schön — wessen Lächeln so ruhig und süß?
„Wie ich Sie beneide, Lady Wane," sagte Lilly Ather- stone eines Tages zu ihr. „Sie müssen eine Fee zur Pathin gehabt haben; Sie haben alles, was Sie in dieser Welt glücklich machen kann!"
Lady Wayne hörte diese Rede mit ruhigem, lächelndem Antlitz an Wer wußte, was in ihrem Herzen vorging? In guter Gesellschaft enthüllen wir das Antlitz unserer Toten nicht; wir verbergen es irgendwo, gleichviel wie und wo. Wenn ein plötzlicher Schmerz ihr Herz durchdrang, als sie sich eines fernen kleinen Grabes erinnerte, so erriet Lilly jedenfalls nichts davon. ,
„Du bist sehr glücklich, mein Liebling", sagte ihr stolzer, liebevoller Gemahl eines Tages, als er beobachtete, wie sie blumenbeladen vom Garten hereinkam.
Keine Spur von Schatten lag in den strahlenden, zu ihm erhobenen Augen. ..
„Ja, ich bin sehr glücklich", sagte sie. „Weshalb fragst du mich, Mortimer?"
„Weil ich nie ein Gesicht so ruhig und sich gesehen habe, wie deins", versetzte et. ,
Wenn ein Schmerz so scharf wie ein Schwert sie dnrch- bohrte bei dem Gedanken, wie vollkommen et sich auf sie verließ, wie ohne jeden Hintergedanken er ihr vertraute, so machte sie doch keine äußere Bewegung.
Die größte Besitzung in der Nähe von Kenninghall, wenigstens innerhalb Besuchs-Entfernung, war Belvoir Eastle, der Sitz des Herzogs von Ehisledon. Der Herzog von Chis- ledon galt allgemein als der stolzeste und exklusivste Magnat Englands. Sein Stolz war nicht von der Art der Waynes, der von einem uraltadeligen Geschlechte ausstrahlende Glanz und Ruhm; et war stolz aus sein Geld, seinen Titel, seinen Rang; er hatte sich zu einer gesellschaftlichen Größe entwickelt, seine Ansichten wurden mit allgemeiner Ehrerbietung und Unterwürsigkeiit aufgenonunen; es gehörte förmlich zum guten Ton, zu ihm aufzublicken und seine Urteile und Au- sichteii als unfehlbare Gesetze hinzunehmen, Das Siegel drückte er feiner Größe erst recht auf durch feine Heirat mit einer deutschen Prinzessin — nicht etwa einer Dame mit einem leeren hochtönenden Titel, sondern einer aus königlichem Geblüt, deren Familie Europa viele Herrscher gegeben. Er war stolz und exklusiv vor seiner Heirat gewesen, wurde es aber lioch erst ganz anders nachher. Er sah die Liste seiner Be- kannten durch; alle, deren Ansprüche an alten Adel nur irgenbmie zweifelhaft, strich er sofort aus ihren Reihen. Höher und höher nahm er seinen Flug; die ganze Nachbarschaft geriet in Bewegung über den Besuch eines königlichen Prinzen bei ihm; eine Gimst, welche nicht so ost einem Untertanen widerfuhr.
Dies ivichtige Ereignis trat etwa vier Monate nach Lord Waynes Verheiratung ein, und die Aufregung, die es in der Grafschaft hervorrief, war ungeheuer. Wer würde zu den Festlichkeiten, die es aus diesem Anlaß gab, em- geladen werden? Das war die große Frage.
< i z (Fortsetzung folgt.)


