Ausgabe 
24.9.1906
 
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Montag den 24. Stpftmbcr

1866

fflM

Zur Manne des He^eimnrsses.

Roincin von H. v. Raesfeld.

Nachdruck verbotet.

(Fortsetzung.)

Gut, zugegeben, dos," sagte er;und ivas, glaubst du, ist dies gewisse Etwas?"

Das ist die Frage," versetzte sie mit grosser Lebhaftig­keit.Ein Weib kann hundert Geheimnisse und darüber in ihrem Leben haben, die niemand errät. Sic mag des Geldes willen geheiratet und vielleicht all die Zeit einen anderen geliebt haben. Sie kann jemanden geliebt haben, der tot ist; oder, wie ich vorhin sagte, es ist vielleicht ein noch dunk­leres Geheimnis vielleicht eins, was deine Nachfolge sichert."

Das sollst du mir nicht noch einmal sagen!" rief er leise, aber zornig.Wie du nur dergleichen von ihr sagen kannst, das verstehe ich nicht. Sie ist so jung ein reines Lind."

Sic ist vierundzwanzig," envidcrte Mrs. Wayne scharf, obivohl das gebe ich zu sie nicht älter wie achtzehn aussicht."

Dann musst du die Abgeschmacktheit deines Verdachts doch-cinsehen. Vierundzwanzig; sic hat noch keine Zeit zu irgend einem großen Geheimnisse gehabt, Vella."

Du wirst sehen, Noch etwas ist mir ausgefallen. Sic hat in eine der ältesten Familien Englands geheiratet; hat alles, was ihr Herz nur verlangen kann; ihre Schwester, die einzige Verwandte, die sic zu haben scheint, kommt hierher und bleibt bei ihnen. Man sollte natürlicherweise doch an- nehmen, ihr Herz fließe über von Glück; und doch, gestern abend sie war kaum drei Minuten allein gewesen und ich ging zu ihr ins Gcsellschaftszimincr stand sie in ganz niedergeschlagener, gottverlassener Haltung da, und die Augen standen ihr voll Tränen. Wieder fragte ich mich, was wohl der Gegenstand ihrer einsamen Gedanken gewesen, der ihr Tränen entlockt?"

Ta aber lachte Algernon Wayne laut aus.

Vielleicht war es gerade der Gedanke an ihr Uebermaß von Glück! Tu Scharfsinnigste aller Scharfsinnigen! Hast du denn nie gehört, daß gerade sehr zarte, gefühlvolle, ver­feinerte Naturen"

Rede keinen Unsinn, Algy," unterbrach ihn sein Weib ungeduldig.Ihr Männer besitzt alles, nur keinen gesunden Menschenverstand. Ich ivcrde jetzt kein Wort mehr darüber verlieren. Wer zuletzt lacht, lacht an: besten, nur das eine will ich dir noch sagen: ich werde auf der Lauer liegen. Falls etwas dabei hcrauszubckommen ist. so mache ich eine

Wette gegen sämtliche Londoner Geheimpolizisten, daß ich es auch herausbekomme. Ich weiß zu warten sie nicht."

Und damit rauschte Mrs. Wayne von dannen, und mit einem Seufzer der Erleichterung, daß diese ihm so unbehag­liche Unterhaltung vorbei, nahm ihr Gemahl seine unter­brochene Zcituiigslektürc wieder auf.

Während ihre Gäste sich so unterhielten, machte Lady Evelun Wayne die Runde durch das prächtige Heim, worin sie jetzt Herrin und Königin war. Ihre Ucberraschung und ihr Entzücken kannten keine Grenzen. Die königliche Pracht der Gemächer mit ihren Kunstschätzen, namentlich den zahl­reichen Gemälden die große Gemäldegalerie an und für sich hatte mir wenige ihresgleichen in England überhaupt riß sie hin.

Dort, in langer Reihe, hingen die Porträts der Waynes, Frauen, bekannt wegen ihrer Schönheit, Männer, bekannter noch durch den Ruhm, der sich an ihren Namen geknüpft. Dort, zuletzt von allen, hing auch das Porträt von Mortimer Lord Mayne. Das hübsche, edle Gesicht blitzte strahlend aus dem breiten kostbaren Nahmen; daneben war eine freie Stelle. Lord Wayne blickte hin und lächelte.

Weißt du, wofür der Platz da noch frei ist?" fragte er.

Nein," versetzte sie.

Für mein Weib," sagte er, sie an sich drückend.Weißt du, Evelyn, vor zwei Jahren kam ich regelmäßig hierher, betrachtete den Fleck und dachte, ob wohl jemals ein liebes Gesicht neben mir hängen würde, ob ich wohl je ein weib­liches Wesen fände, welches ich lieben und heiraten könnte. Ich dachte dann an alle Gesichter, die ich kannte, und ver­suchte, mir eins davon hier zwischen vorzustcllen, aber keins gefiel mir. Ich sah kein Gesicht, das ich lieben konnte, bis ich deins gesehen."

Sic erhob die schönen Augen zu ihm.

Bin ich deine erste Liebe, Mortimer?" fragte sie,hast du dich nie um irgend eine andere gekümmert?"

Nie!" versetzte er.Meine Ideen darüber sind eigen­tümlich vielleicht wirst du sie für überspannt halten, ober ich glaube nur an eine Liebe, und das ist die erste. Es gibt keine andere, keine wahre und wirkliche; es ist un­möglich. Die erste Liebe absorbiert die ganze Romantik, die Hingabe, das Ideale, sowohl beim Manne, wie bei der Frau. Und deshalb schätze ich deine Siebe gerade so hoch, Evelyn."

Ihre Wimpern hatten sich langsam wieder gesenkt, und das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, erstarb ganz langsam.

Er beachtete cs nicht, sondern fuhr begeistert fort:Du hast nie einen anderen geliebt, bis du mich gesehen. Ich weiß das, mein Liebling! Ich würde dich nie gebeten haben.