Ausgabe 
24.2.1906
 
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Sache gerettet, aber die SonNe brachte es doch noch an den Tag. Da hatte Vater strenge verboten, Hans dürfe nicht «» unfern Birnbaum gehen, denn die Birnen waren noch nicht reif und in der Zeitung war viel von Cholera die Rede. Der recht hohe Birnbaum hängt etwas über die eiserne Gartentür, deren einzelne Stäbe oben in zieinlich scharfenPfeilspitzen enden. Hans natürlich übertrat nicht nur Vaters Verbot, sondern er streckte sich auf dem Baum zrl weit vor, fiel hinab und gerade in die eisernen Spitzen. Er hätte dabei völlig verunglücken können, doch wurde nicht der Kops verletzt, sondern nur die Beine. Jur Moment muß er aber rasende Schmerzen gehabt mib stark geblutet haben, Mir ist's noch unbegreiflich^ wie er das alles verbeißen und ver­bergen konnte. Ich sah ihn eigentümlich langsam ins Haus gehen, glaubte, er mache Scherz, und liest ihn ruhig gehen. Später fragte ihn Mutter:Du hast ja die Schulhöfen an?" Da sagte er:Ja, Auguste bessert an den andern eine Kleinig­keit aus." Eine nette Kleinigkeit war das! Zwei Tage später sahen wir uns die Arbeit näher an, es war ein wahres Kunst­werk, was die Fleißige an diesen gänzlich zerrissenen Kleidern geleistet hatte.

Zwei Tage lang hat Hans die Wunden wirklich verheimlichen können, dann sollte er gegen Abend baden. Dabei macht er stets in der Badestubck einen Lärm und plätschert so laut in dem Wasser, daß wir ihn bis ins Wohnzimmer hören. An jenem Tage aber blieb alles verdächtig still, so daß Mutter endlich ausstand:Ich muß nach Hans sehen, man hört ihn gar nicht." Gleich darauf rief iie entsetzt:WaS hast Du, Haus? Was ist mit Deinem Bein geschehen?" Wir eilten alle hin. Da stand der entlarvte Sünder und hatte aus' Furcht vor Schmerzen nicht gewagt, die frischen Wunden der Berührung niit dem Bade­wasser auszusetzen. Nun mußte er alles beichten. Prügelstrafe war diesmal unmöglich, das Bein wäre durch sie nur noch schlimmer geworden. Es wurde eine andere Strafe ersonnen: Hans mußte mit nächsten freien Nachmittag, während er durchs offene Fenster die Kameraden schreien und spielen hörte, mehrere Stunden ohne Beschäftigung im Bette liegen. Das hatte aus ihn eine so schlimute Wirkung, daß er ganz bleich, wie ein ge­brochenes altes Männchen abends noch in den Garten schlich, und ich hörte, wie Vater zu Mutter sagte:Das dürfen wir nicht wieder wagen. Ich glaube wir konnten ihn krank machen, wenn wir dem kräftigen, unruhigen Jungen stundenlang jede Bewegung und Tätigkeit nehmen."

Mit Lernstrafen ist unserm Hans auch nicht beizukommen, das füllt ihm alles viel zu leicht, er lernt ausgezeichnet. lleber- haupt, das muß ich offen bekennen, er ist der einzige gescheite von uns: Meine Schwester imponiert mir nicht. Sie schreibt jeden Tag an ihren Bräutigam, oder liest seine Briese, und wenn der Bräutigaut hier ist, so sit-en die beiden im andern Zimmer, und ich höre gar nicht einmal ob sie überhaupt reden. Ich fragte Mutter, ob Brautpaare immer so langweilig seien. Da lachte sie und sagte:Warte nur, wie Du erst sein wirst." Aber da wehrte ich mich:Ich werde meinem Bräutigam alles er­zählen, was mich interessiert, ich werde ihm aus der Edda er­zählen". Da lachte Mutter noch mehr, so daß ich ihr weiter gar nichts sagte, und ich bin doch so begeistert für die Helden­gestalten der Edda, wir haben sie neulich in der Literaturgeschichte ourchgenommen.

Ich wollte aber uns uninteressante Geschwister aufzählen: nach meiner Schwester komme ich. lieber diesen Gegenstand fragt man lieber nicht meine Lehrer und Lehrerinnen: ich habe so eine Ahnung, als ob sie nicht sehr begeistert für mich seien. Dann kommt Bruder Wolfgang. Wenn der bei uns in Ferien ist, dann spricht er nur immer von seinem Stubenältesten und von den Streichen, die in irgend einer andern Klasse gemacht worden sein sollen, und damit glaubt er, Hans und mir Ein­druck zu machen. Aber unserm Hans' ist das viel zu langweilig, und so endigt die Unterhaltung jedesmal mit Ritter großen Prügelei, bei der der gewandte Hans meistens Sieger bleibt.

Der letzte von uns Geschwistern ist unser Familiengenie, unser Hans. Hier sieht man einige ältere Herren auf der Straße, die sollen große Gelehrte sein, sie sehen sehr angenehm und befriedigt aus ein solcher wird gewiß einmal unser Hans. Die jungen Gelehrten sollen noch angenehmer sein, als die alten, sagen die Mädchen, die cs wissen müssen. Man muß eben nur hoffen, daß Hans nicht vorher den Hals bricht.

Eine schlimme Erinnerung habe ich noch aus der Stadt, in der wir früher wohnten. Hans war da noch Kein, aber er hatte schon dieselbe Leidenschaft wie jetzt für recht lange, glatte Eisschleifen, ob sie nun in den Gossen, oder sonstwo zu finden find. Nun war. dort eine alte steinerne Brücke, mit Mauern statt Geländer, die mit'breiten, glatten Steinplatten gedeckt waren. Wenn ich aus der Schule kam, lehnte ich mich oft über diese Steinplatten soweit ich konnte, um hinunter zu sehen in den Fluß. Dann dachte ichauf die Mauer steigen darf man nicht, wer da hinunter fällt, kommt nicht wieder herauf." Einmal bei Glatteis sah ich von weitem eine' Anzahl Menschen auf der Brücke, kleine Knaben und mehrere Erwachsene in ungewohnter Erregung. Ich lief neugierig hin und kam gerade noch dazu wie ein fremder Herr unsern Hans von der Mauer herunter- gehoben hatte, der hatte da oben auf dem Glatteis schleifen wollen. Der Herr zankte ihn nun. Ich sagte:Bitte, geben Sie ihm

tüchtige Schläge. Wenn ein fremder Herr ihn geschlagen hat, das wird er wohl nicht vergessen." Der Herr sah mich lächelnd und etwas stutzig an. Ich erklärte aber:Ich bin seins Schwester, Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie ihn tüchtig prügeln". Das tat er denn. Ich machte ihm meinen Knix und bedankte mich noch mehr für die vorbeugenden Prügel als für die Lebensrettung, denn ich habe einen felsenfesten Glauben an den guten Engel, der unsern Hans beschützt.

Der Sünder hatte die Zählte aufeinander gebissen und Straf­rede wie Prügel hingcnommen ohne zu mucksen, aber er war so tief gekränkt und entrüstet, daß er erst gar nicht merkte, daß ich ihn an der Hand führte, nach Hause. Plötzlich siel ihm ein, daß ich doch diejenige sei, die er am meisten hassen müsse, er sah mich mit seinen blitzenden Augen au und riß sich wütend loS:Mit Dir gehe ich niemals wieder!" Daß ich dann den Eltern nichts erzählte, erkannte er wohl dankbar an. Diese Alteration durste ich aber Mutter nicht beibringen; und noch­malige Prügel hätten auch beit Eindruck abgeschwächt, den die ersten machten. Am Nachmittag wurde ich weggeschickt, Aepfel einkaufcn, mit der Erlaubnis, gleich einen für mich zu be­halten. Da legte der kleine Egoist ganz treuherzig seine Hand in meine:Darf ich mit Dir gehen?" Die Freundschaft war also rasch wieder hergestellt.

Seine Streiche sind nicht immer so schrecklich wie dieser, manchmal trotz aller Unart sind sie wirklich hübsch. Im vorigen Sommer, an einem wunderschönen Sonntagmorgen, goß Hans die Blumen im Vorgarten. Dabei standen die beiden nied­lichen Nachbars'kinder, die den großen Jungen jederzeit bewundernd umgeben. Sie sahen allerliebst aus in ihren frischen Sommer- kleidchen und tadellos weißen Schürzchen, eben frisch geglättet. Da plötzlich hob Hans die Gießkanne hoch und goß mit der Brause recht kräftig über die kleinen Mädchen, er hielt sie wohl für die schönsten Blumenknöspchen im ganzen Garten. Ich sprang hinzu:Nicht weinen! Ich gebe Euch auch Zucker. Weint nur nicht, ich mache alles wieder gut!" Sie waren so verblüfft über die Schandtat, daß ich sie wirklich rasch bis hinters Haus gebracht hatte, ehe ihr Weinen losbrach. Hier konnte weder ihre Mutter, noch unsere sie hören. Das Wasser lief den armen Dingern an den glattfrisierten Härchen herab und über die roten Wangen, und die Schürzchen waren patschnaß. Die zog ich schnell aus, und von oben rief Auguste verständnis- . innig:Hängen« Sie die Schürzchen über die Büsche in die ' Sonne. Ich hole sie, wenn sie soweit abgetrocknet sind, ich plätte gerade meine Bluse." Leni schluchzte noch immer bis ich sie endlich verstand:Du wolltest uns doch Zucker geben." Den hatte ich dann rasch der Köchin abgebettelt, und nun waren sie wieder so ganz getröstet, daß sie sogar unserm Hans, der sich heranmachte, von ihrem Zucker abgeben wollten. Ich sagte aber:Nein, der bekommt nichts', er war viel zu unartig." Da schlich er in's Haus und ließ sich jedenfalls von der Köchin noch mehr schenken, als sie mir gegeben hatte.

llnser HauS weiß immer für sich zu sorgen, und macht sich auch gern unabhängig soweit es geht. Zur Kirschenernte durfte er einige Kameraden eiuladen, die sollten helfen, unsern Baum abtun. Auf der Platte bei Annerod hatte Mutter durch Ver­mittelung der Eierfrau einen Kirschbanm gesteigert, und hatte nun Taschen und Körbe bereit gemacht, die schönen Früchte heim- znbringen. Die Knaben fanden sich ein, erwartungsfroh, aber als wir eben gehen wollten, erhielt meine Schwester noch einen der bewußten Briese, und Mutter war so unvorsichtig, ihr zu erlauben, daß sie ihn noch erst las. Als wir dann in den Hof kamen, waren die Jungen spurlos verschwunden. Wir konnten ja hoffen, sie seien vorausgegangen, aber nirgends auf dem ganzen Weg sahen wir sie vor uns sie müssen gelaufen sein, als seien sie verfolgt. Mutter machte sich rechte Sorge um die ihr anvertrauten Kinder. Als wir endlich aulangten, fanden wir freilich die Gesellschaft schon eifrig bei der Arbeit, aber da sie nicht wußten, welches unser Bannt war, hatten sic sich auf alle Bäume verteilt und schon reichlich geerntet, das sah man an den schwarzeit Mündern und Händen. Zugleich mit uns traf der Flurschütz ein, und zankte wütend über diese Dieberei, bis Mutter ihn beruhigte, er solle zusehen, daß wir unsere halbe Ernte am Baume ließen, daran könnten sich die geschädigten Be­sitzer schadlos halten. So geschah es denn, und es war für uns ganz vorteilhaft, denn wir hätten sonst eine Leiter aus dem Dorfe leihen und herantragen müssen, um die äußersten Zweige zu erreichen. Die ließen wir nun voll Kirschen hängen und brachten einen reichen Segen mit nach Hause.

Am Abend halsen wir noch der Köchin beim Einmachen. Dann teilte Mutter ab, was am nächsten Tag für Küchen und was zum Kochen verbraucht iverbeit sollte, und dann waren noch viele, sehr viele Kirschen übrig. Ich machte den Vorschlag:Darf Hans damit sein Jugendfest halten? Die Kinder bekommen dann nur Biitterbrot und Kirschen und komnien garnicht tu die Wohnung, sondern bleiben im Hof."Jngendfest! Jugend- fest!" schrie Hans und umarmte uns, als gälte es, uns zu zerquetschen. Das war seine ganze Sehnsucht seit er, bald nach unsrer Ankunft, dieses schöne Fest der Schulkinder mit angesehen hatte, ohne doch teilnehmen zu dürfen, da er noch nicht in der Schule angemeldet war. Nun half er mir eifrig im Vor- bereiten der Spiele. Wir machten aus alten Bettüchern ^äcke