Ausgabe 
24.2.1906
 
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zurückzuschieben Wer er besann Stücke und ließ

Priestap lehnte den Kops zurück und wollte wieder die Augen schließen. Wer er raffte sich energisch zusammen, griff nach den Briefen und rip sie auf. Einladungen, Renn­bulletins, Betteleien, Drucksachen... die Papiere fielen zufammengeknäult neben den Divan. Auf einem kleinen, ganz roten Kartonblatt standen die Worte:I. N. D. Sams^- tag Mitternacht am alten Ort. De profundis Succub. Weihe einer Verlorenen. Zwei neue Gewonnene. Taem. ventr. Samael. Lusi. . ." Das Blatt zitterte leicht in der Hand des Lesenden. Er war dabei, es in das Kuvert

dachte völlig ruhig daran, ohne daß sein Herz Heller schlug oder ängstlicher pochte; er hatte sich an den Todesgedanken gewohnt. Dennoch ging jetzt eine leb- UEere Färbung über seine lichten Wangen; es schoß ihm em Blutstrom m das Antlitz. Ein zacher Wunsch wurde bcc- Wunsch, daß eilte liebe Hand sein geregeltere Bahnen gelenkt hätte.

"a ^atte das gekonnt: sie war auch eine Phan- ^I!-^^b^esen, doch keine, die sich wohl fühlte in däm- ^^^S^F??d.ü'vwmener Weichheit, sondern eine Adler- ftrhr;,110/ NWißet Kraft. Vielleicht hatte auch eine Frau W-wS "?d m der Liebe zu ihr wäre seines

gebracht^ Äleichtfgekermt und hätte goldene Früchte ith IS Aufzer kam von seinen Lippen. Das Lächeln wich S Farbe des Lebens, und es ging wieder ein dunkler ESS Schwermut über sein Gesicht. Er stand noch m voller ^ugend und fühlte sich greisesmüde. Ta schloß

.d?e schönen Augen, und unter den gesenkten Wimpern eim Haax .schwere Tränen hervor und rannen tute gleißende Perlen über die Wangen . . .

..... H1.1 der Tür pochte es leise. Es war Daniel, der sich ! HE" sorgte. Es sei um die Mittagsstunde; ob das Frühstück bringen dürfe?

aber Daniel wieder kam und das bem P:ühstück an das Bett schob, weigerte infe6^°mif' bsien.Gib den Vögeln", sagte er und

wies auf den schwatzenden Schwarm vor dem Fenster. Daniel erwiderte kein Wort, schenkte aber trotz der Ab-

und es in seine Tasche gleiten zu lassen, sich eines anderen, zerriß es in winzige die Schnitzel fallen.

(Fottsevnng folgt.)

Ilnsr Kans»

$on JB. H.

I Weisung den Tee ein und schlug ein Ei auf, öffnete däuft das Fenster ein wenig und streute eine Hand voll Krumen! hinaus, über die sich die Spatzen mit Eifer und lebhaftem Gepieve hermachten.

Tyrann", sagte Priestap, trank widerstrebend den Dee und löffelte das Ei aus.Ich will aufstehen . . ."

Daniel half ihm dabei. Plötzlich schwankte Priestap und glitt in des Dieners Arme. Es war ein Moment der Schwäche.Hoi", rief er,die Beine fliegen mir fort! Mtev Daniel, es ist nichts mehr. . ."

Und wieder sagte Daniel kein Wort. Er brachte seinen Herrn in das Badezimmer, goß irgend eine Essenz in daS Wasser und ftagte, ob Masseur und Manieure vorgelassen werden solle. Nein, entschied Priestap mißmutig, dehnte sich in der Wanne und befahl dann:Hinaus!" Daniel frottierte ihn, kleidete ihn stückweise an wie ein kleines! Kind, hüllte ihn in einen warmen Flanellanzug und führte ihn hierauf in das Herrenzimmer, wo Priestap sich sofort auf den Divan streckte.

Ter Trainer fei da, meldete Daniel.

Er soll wieder fortgehen", antwortete Priestap.

Nehmen der Herr Baron Besuche an?"

Nein."

Wo speisen der Herr Baron?"

Gar nicht. . . Ich weiß noch nicht. Laß' alles! Ftagen und gib mir die Briefe und Zeitungen . . ."

Daniel brachte einen Stoß Journale und Briefe, deckte den Herrn sorgfältig zu, zog die Storks vor dem einen Fenster ein wenig auseinander und trat ab. Priestap blin­zelte in das Licht; es mußte ein schöner Tag fein, denn die Sonne legte einen breiten gelben Streifen quer über den Teppich, und durch das feine Gewebe der Stores sah man den Himmel blauen.

Ich bin noch ganz außer Atem! Nun habe ich ihn aber gründ­lich hinausgespcrrt, unfern Hans. Wie hat er mich zerzaust, und wie ist mein Haar verwirrt! Ein Glück, daß Mutter mich nicht so sieht der tolle Junge!

Ich sage Mutter immer, wenn ich lange Kleider trüge, und' muh richtig erwachsen frisierte, daun hätte unser Hans auch Respekt vor mir. Sie will's" nicht glauben. Nun, wir werden sehen: Ostern komme ich aus der Schule, dann bin ich endlich erwachsen, dann wird sich's ja zeigen, wie Hans sich damit abfindet.

Er poltert noch immer an der Tür, aber diesmal bin ich unerbittlich. Das kann er nicht lassen, meine Sachen zu durch­suchen, und eben hatte ich doch nur an meinem französischen Aussatz geschrieben, ich war völlig unschuldig. Daß sein Ver­dacht nicht ganz grundlos ist, muß ich ja freilich anerkennen, er entdeckte neulich ganz zufällig zwischen meinen Heften einen Zettel mit Spottversen, aus welchen er leider sich selbst erkennen mußte. Seitdem habe ich keinen Frieden mehr, fortwährend halt er bei mir Haussuchung. Jetzt habe ich ihm aber erklärt, uh würde nun alle seine Unarten aufschreiben, und wenn der Herr Redakteur ein ebenso guter Pädagoge wäre wie ich, dann wurde er's' sogar abdrucken, und dann wäre er nämlich unser Hans vor der ganzen Stadt blamiert. Das wird helfen.

Nun ist es stille draußen. Er wird wohl zu Auguste ge- gangen sei und sich von ihr trösten lassen. Wenn Hans Auguste Nicht hatte, dann wäre er fteilich verlesen. Er verspricht ihr auch immer, er wolle sie später heiraten, und sie nennt ihn dann ihren Renten Bräutigam. Haus ist erst 10 Jahre alt, bis er em Mann fein wird, ist das niedliche, hübsche Ding schon eine alte Frau. Auguste kann wahrhaft kunstvoll Flicken einsetzen und Schäden ausbessern ich will das auch sicher bei ihr lernen, wenn ich erst aus der Schule bin und wie tnelc Prügel sie unscrm Haus dadurch schon erspart hat, das ist gar nichts zu zählen. .

Lin Herbst hätte sie ihn beinahe aus "einet ganz schlimmen

Der wilde Taumel würde von heillosem Einfluß auf die Gemütsstimninng Priestaps. Schon die spiritistischen ©eancen hatten feine sensiblen Nerven merkwürdig erregt: im Wachen und Träumen hörte er ringsum das klopfende Pochpvch, und Visionen umschlichen ihn, Wesenloses däm­merte an ihm vorüber, weiße Hände griffen durch die Lust, geheimnisvolle Stimmen flüsterten. Die Tenftls-- vrgien Lusis, bei denen ein polnischer Schriftsteller der Assistierende war, und die in wüsten Spelunken stattfanden, gräulich dekoriert und von blauen Flammen durchzuckt, wirkten wie ein Haschisch aus ihn ein. Er schlief nachts nur noch wenig und wälzte sich tagsüber mit zerschlagenen Gliedern auf dem Divan umher.

Heute hatte ein neues Schlafmittel ihm wenigstens einige Stunden Schlummer gebracht. Er fühlte sich zwar entnervt wie immer und körperlich todesmatt; aber er vermochte doch feine Gedanken zu sammeln, und das brachte eine gewisse Ruhe und Friedfertigkeit der Stimmung über ihn.

Er hatte geträumt, er fei gestorben, und wie um Faust, so stritten Engel und Teufel um feine Seele. Er hatte das vor sich gesehen, plastisch und dekorativ: wie die vom krummen und geraden Horn ihn hinabzerren wollten in die lodernde Hölle, und der Engelreigeu schwebte herab, Rosen ausstreueud unter lei;.;, köstlicher Musik, und bildete die schützende Wache um ihn. Da glitt ein sanftes Lächeln über fein weißes Gesicht. Ter Tod als Schreckgestalt war ihm immer fürchterlich gewesen. Bei den satanistischen Feiten feierte man ihn als das Prinzip des Böien; Tod und Teufel waren gleich. So mochten die alten Kelten und südslawischen Völke m vor sich gesehen haben: als dunkles, geflügeltes Ungeheuer, hammerbewehrt und mit glühenden Augen, als übermenschlich große hagere fahle Gestalt mit einer schwarzen Hündin, als ein Knochenweib mit Drachen- httrgen und Senft, von sechs hungrigen Wölfen gefolgt. Wer Priestap wollte, frenndlicher sollte der Tod ihm ent- aegenkommen, als Bruder des Schlafes wie in der antiken Welt, als fackeltragender Genins, von dem Falter der «eele umgankelt. Er fand etwas Beruhigendes in dem Gedanken au einen heiteren Tod. Er hatte auch vor, in feinen letzten Bestimmungen die Art seiner Beisetzung genau porzuschreiben. v ö ö

Da lenkten feine Gedanken sich in andere Wege. Er hatte noch kein Testament gemacht; das war doch nötig. Von feinem großen Vermögen war viel in alle Winde gefteeut worden; aber es blieb noch genug. Die amerikani- fetjen Verwandten seiner Stiefeltern waren ihm gleichgültig; er kannte sie auch kaum. Wem sollte sein Erbe zufallen? Der größte Teil stammte von seiner Mutter. Vielleicht war.es das beste, und jedenfalls "wäre es nach ihrem Sinn getuefen, er vermachte die Hinterlasfenschaft künstlerischen