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Jem Wahren, Kdken, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.) ' T;; r~!~i 11. ' i
Die Sperlinge rumorten vor dein Fenster und schimpften laut auf ihre Art: es war Zeit, daß man ihnen das Futter streute. Aber die Hand, die sonst so willig ganze Brötchen zerkrümelte, um dem frechen Gesindel Atzung zu geben, war heute säumig. Priestap lag noch im Bett. Er schlief nicht mehr; er war nur zu lässig, um aufzustehen; er war zu faul, dem Diener zu klingeln.
Er lag in einem Prachtbett, die Hände auf dem grün- seidenen Plumeau, den Kopf tief in die Kissen gedrückt — mit weit offenen Augen. Sein Atem ging ungleichmäßig und war zeitweilig von fremdartigen Tönen begleitet. Er wußte das; der Arzt hatte ihm schon vor Jahresfrist gesagt, daß er seine angegriffene Lunge schonen müsse. Er wiederholte sich das allmorgendlich, wenn er sein bleiches Gesicht mit dem durchsichtigen Teint in dem Spiegel sah, und wenn ein trockener Husten ihn packte. Doch er schonte sich nicht. Er hatte noch nie so wild gelebt, wie in diesem letzten Jahre. Diese Hetzjagd nach abscheulichen Genüssen, das wüste Umhertreiben in unsauberen Lokalen, ein toller Taumel von Gier zu Gier, das hatte er früher verachtet. Und wahrhaftig: im Grunde genommen erfüllte es ihn noch heilte mit Ekel.
Er hatte einen ähnlichen Ekel am Spieltisch von Monte Carlo empfundeil. Zllweilen war seine nervöse Feinfühligkeit besonders groß. Da verstiminte ihn die Berührung von einer Dirnenhand. Im Kasino von Monaeo umgab ihn ein ganzer Ring von Kokotten. Eins dieser Weiber verfiel plötzlich in epileptische Krämpfe. Priestap zitterte; aber um sich beherrschen zu lernen, spielte er ruhig weiter, ganz kaltblütig, und verlor bei aller Kaltblütigkeit ein großes Vermögen. Er wurde schwer krank. Kaum genesen, nahm er gegen den Willen des Arztes Seebäder in Biarritz. Ein verständiger Mann riet ihm, zwei Jahre in Egypten zu verleben. Statt dessen fuhr er nach Paris und kehrte dann nach Berlin zurück, sich in einen ungeheuren Strudel von Erregungen zu stürzen.
Er tat das nicht, weil schlechte Instinkte ihn lasterhaft 'gemacht hatten; denn im tollsten Trubel der Orgien wurde er ein Gefühl entsetzlicher Oede nicht los. Es war eine Art psychiatrischer Spleen, der ihn plötzlich mit Geierklauen gepackt hatte. Immer hatte seine Seele einem flatternden Vögelchen geglichen, das fliegen möchte und doch zu schwach ist, sich in reinen Aether zu erheben. Er fühlte die Bleigewichte, die ihn beschwerten. Er wollte und wollte und kam über das Wollen nicht hinaus. Eine wahnsinnige Blasiertheit beherrschte den armen Kerl. Er sehnte sich nach Sorgen und fand keine. Er fing hunderterlei an und liest es wieder liegen. Jede rasch erwachende Regung in
ihm zerfloß in matte Mutlosigkeit. Es war, als sei alles verderbt in ihm wie in dem letzten traurigen Sprößling einer degenerierten Familie, oder als lähme ein unbegreifliches Etwas alle seine guten Instinkte, bevor sie zu rechter Entfaltung kommen konnten.
Und da geriet Priestap über die eigene Schwäche in unbegreifliche Wut. Er fühlte den ungleichen Kampf in seiner Seele, ein Ringen mit Idealen, mit Edlem und Schönem — und eine rasende Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Aus tiefster Melancholie verfiel er in das entgegengesetzte Extrem: er warf sich wilden Ausschweifungen in die Arme, die seinen zarten Körper untergruben und in der Folge auch sein Gemüt mehr und mehr umdüsterten. Es kant dahiu, daß er im Tode einen Erlöser zu wähnen meinte: er begann mit dem Tode zu spielen; er begann sich auf den Tod vorzubereiten.
Um diese Zeit fing er an, sich geistig zu beschäftigen. Unter seiner Dienerschaft war einer, ein schon älterer ManN — er wurde Daniel genannt —, der eine gewisse Anhänglichkeit an seinen Herrn zeigte; der ihn weniger bestahl als' die übrigen, auf seine Gesundheit achtete und zuweilen auch einmal mit einer gutgemeinten Mahnung kam. Es erschien Daniel höchst sonderbar, daß fein Herr Baron sich plötzlich so lebhaft mit Büchern umgab. Große Ballen wurden in das Haus geschafft und neue Bibliotheksschränke angeschafft. Aber ach, 'die Philosophen wie die Theosophen hatten Priestap wenig zu sagen; er irrte mit zerstreuten Sinnen über sie hinfort, bis ihn eines Tages ein neues, nnerschlossenes, gefährliches Reich zu fesseln begann: die Mystik des Okkulten, Ein bahnender Weg führte von der Todesvorstellung der Mten in dies geheimnisvolle Gebiet hinüber: der Seelenbegleiter zunr jenseitigen Leben, Osiris, Barna und Hermes, der im modernen Spiritismus zum körperlichen Astralgeist wurde.
Religiöse Skepsis hatte Priestap nie gequält. Mer das Wunderbare zog ihn au. Bald umgab ihn ein Schwarm von Meuteureru, ehrlichen Mystikern und abgefeimten Gauklerinnen. Es wurden Sitzungen arrangiert: die Phänomene hagelten, aus unsichtbarer Höhe regneten Blumen herab, Sphärenmusik erklang, Geister erschienen, und die Tische klopften. Schwarze und weiße Magie reichten sich die Hände. Ein genialer Strolch, der sich Graf Lusi nannte,^ Italiener zu sein vorgab und Berlin „studieren" wollte, führte Priestap aus dem Gebiet des Uebersinnlichen noch weiter bergab in unheimliche Finsternisse. Da sprachen nicht mehr die Geister, sondern aus Besessenen und Truu-i tenen kreischten Dämonen; es ging nicht mehr zu lichter Höhe, sondern in brodelnde Tiefen; törichte Phantastik wurde zur Schändung des Heiligsten, ein freches Gaukelspiel zu wüstem Hexensabbath, der Unfug zu unerhörter Blasphemie: Priestap lernte auch den Sanatismus kennen/ den Lust aus einem Kreise verrückter Pariser Dekadenten mitgebracht hatte, und der feiner schäumenden Verbrecher- seele Wollust war.


