1906
Ar. 107
fil
„MW Käi^HnHi b
ikai|8|l!|
JlFuf
in
KA
M
Der Stern.
Roman von'Ulrich Frank.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
„Entschuldigt, daß ich euch warten ließ. Aber Luise hat Migräne."
„Von der Reise wohl?" fragte Alfons etwas malitiös.
„Wahrscheinlich!" Ein sehr ernster Blick heftete sich auf den Bruder, der jede unpassende Bemerkung zurttckwieS. Dann flog sein Auge auf den Fremden, der soeben die Zeitung niederlegte und sich erhob. Einen Augenblick hafteten beider Blicke ineinander, wie zweier Gegner, die sich messen.
„Kennst du den Herrn?" fragte Karl Viktor.
„Ich ... ich weiß nicht .... es kommt mir so vor."
„Es war mir, als sähet ihr euch an wie Menschen, die sich kennen und sich nicht mögen."
„Zufall! Wer ist es denn? Kennt ihr ihn?"
„Ja, aber nur von der Bühne," sagte der Offizier, ) ein Kommödiant!"
„Es ist der bekannte Wittelsbach," fügte der junge unat hinzu. „Du hast wohl schon von ihm gehört?" Er zuckte zusammen. „Ach so? Der? Ich habe von gehört."
„Von den Leuten steht ja immerfort was in den ngen," sagte Alfons Giersdorf hochmütig. „Enfin, ich Hunger."
„Das Dejeuner ist serviert," meldete in diesem Äugender Kellner, schlug die Portiere zurück, um die Herren lszulassen, und schritt ihnen gravitätisch nach dem Speise- voran.
„Befehlen der Herr Graf hier?" Er deutete auf einen n, in einer Nische stehenden Tisch, für drei Personen
„Kommt Luise nicht herunter?"
„Sie hofft euch später zu sehen. Sie hat ein Anti- pulvcr genommen und will noch einige Stunden ." Dabei nahm er die Weinkarte und sagte zu dem seiner che harrenden Kellner:
„Zum Kaviar weißen Burgunder, vierundsechziger I"
Während die Brüder miteinander plaudernd beim Früh- saßen, hatte Wittelsbach sich in sein Zimmer begeben, ^orübergehen hatte er beim Portier um 1 Uhr ein Bad t und angeordnet, daß, sobald er läute, ein Bote bereit einen Brief fortzubringen. Als er oben angelangt rv.ni'f er sich auf die Caiselongue, reckte sich behaglich, zog nit wunderbaren Applikationen gearbeitete Decke aus
dunkelrotem Plüsch über sich, steckte eine Zigarette in Brand und träumte in die bläulichen Rauchwolken hinaus.
„Das also sind die Gu.. Dorfs? Wie merkwürdig, daß ich ihnen zu allererst begegnete in Berlin!"
„Ein gutes Zeichen? Vederemo! Jedenfalls werden wir uns nicht aus bcnt Wege gehen können, wie ich glaube! Und so sprechen sie von Della? Eigentümlich! Und doch ganz charakteristisch. Der Leutnant, der flotte Lebemann, etwas wegwerfend, der junge Diplomat und, wie cs scheint, recht ernste, solide Herr mit Verehrung und Hochachtung, der dritte ... gar nicht! Das aber war am vielsagendsten! Und wie er mich anschaute I"
Er blies nachdenklich den Rauch der Zigarette vor sich hin. „Und so wird es immer bleiben. Der Leichtsinn, die Frivolität werden sie schmälen, weil sie niemals mit ihnen in Kontakt kommen wird, der Ernst, die Gemessenheit werden sie bewundern, denn ihnen ist sie innerlich verwandt, und jene, die schweigen . . . werden sie lieben!"
Er war jäh cmporgesprungen. Die Decke lag auf dem Teppich und achtlos schob er sie mit dem Fuß zur Seite. Unruhig ging er im Zimmer auf und nieder. Es war ein großer, eleganter Raum, mit jenem Komfort ausgcstattet, der darauf bedacht ist, der Nüchternheit der Hotelzimmer einen Schein von Individualität und Intimität zu leihen. Künstlerische Nippes standen auf dem Kaminsims, eine Bronze- figur hielt einen Strauß zu elektrischer Beleuchtung bestimmter Blumen. Das Meublement war im Stil Louis quatorze gehalten und mit schwerem Gobelinstoff gepolstert. Es fehlte weder die große, von der Erde aufragcnde Lampe mit einem Schirm aus gelber Seide und Spitzen, noch ein Blumentisch, der mit Alpenveilchen und weißen Syringen besetzt war, von einer riesigen, in dichter rosa Blütenfülle prangenden Azalie bekrönt. Der Schreibtisch trug unzählige Gerätschaften und Bilder. Dinge des persönlichen Bedarfs, wie Wittelsbach sie um sich aufbaute, auch wenn er nur für kurze Zeit sich häuslich niedcrließ. Gegenstände, die er immer um sich zu sehen wünschte, weil sie einen Teil seiner Persönlichkeit ausmachten. Auf der obersten Etage des Schreibtisches das Porträt einer jungen Dame, die mit schwermütigem, fast schüchternem Auge sinnend vor sich hinblickte: Es trug die Unterschrift: „Ihrem Lehrer und Meister in dankbarer Ergebenheit. Della Brandt."
Lächelnd blieb er vor dem Bilde stehen, und etwas Kaltes, Grausames trat in seine Züge. Ein unbezähmbarer Hochmut, der seine ganze Erscheinung beherrschte. Selbst jetzt, wo er allein war.
„So bist du immer, Törin!" murmelte er leise vor sich hin, „und so bleibst du, vermeinst du, bleiben zu können...


