Ausgabe 
23.6.1906
 
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legt. Man denke sich, wie fürchterlich dieser wüste Wf» ruhrstnmult rund um die Mauern auf meine Nerven wirkte!

Auf vorstehender Karte fand auch die unglaubliche, von allen Zeitungen begierig aufgenommene Schauermär von dem fortgeworfenen Jackett die allereinfachste Er­klärung. Auf meinem Leibe befindlich, war es am 8. Jan. von dem Ajaccioer Untersuchungsrichter auf meinem Hotel­zimmer unter meiner Garderobe vergeblich gesucht worden.

Am 23. Januar schrieb ich:

Mir geht es so leidlich. Ich habe mich nun nach 16 Tagen ziemlich in dies traurige Gefängnisleben gefügt." (Die böswilligen Verfolgungen, in denen man mich wie ein wildes Tier vor meiner Inhaftierung hetzte, hatten bewirkt, daß ich mich schließlich im Gefängnis gleichsam in Sicherheit fühlte.) Mein einziges augenblickliches Sehnen ist, daß ich aus dem Hotel meine Sachen bekomme, damit ich die Wäsche, die ich schon 20 Tage zirka auf dem Leibe habe, wechseln kann, sowie auch meine Reisedecke, meine Schlafdecke und mein Plümeau, damit ich nicht länger an­gezogen, wie ich seit meiner Verhaftung gehe, unter die mir gestellten Schlafdecken zu kriechen brauche. Sobald ich meine Sachen habe, erbitte ich mir auch Waschwasser: Welche Freude dann, mich nach 17 Tagen wieder einmal waschen zu dürfen. Die Nächte sind in den kalten Steinzellen infam kalt und besonders vor Sonnenaufgang wird es bitter kalt. Außer den Gefängnisfuppeu nähre ich mich meistens von diversen Beefsteaks. Man weiß nicht, was man sich hier bestellen soll. Mir grault vor allem, was man hier ißt."

Am 26. Januuar:

Gott sei Dank, habe ich letzten Samstag (23. Januar) auch meine Sachen bekommen, die Wäsche wechseln, mich waschen, rasieren und kämmen können. Meine Wäsche und Haare waren einfach furchtbar.

Ein wahrer Trost ist es, daß ich geradezu mit Briefen und Beileidsbezeugungen von Magdeburg usw. überhäuft bin. Wenn ich doch erst allen die Hand drücken kann. Die Leute hier müssen nach Erhalt der Unterlagen sehen, daß ein Irrtum vorliegt, denn zum Spaß ermordet man doch keinen. Fast hätte ich gewünscht, daß nach meiner Fest­nahme noch ein Mord vorgekommen wäre."

Ain 27. Januar:Es wurden mir außer Euren Briefen eine Anzahl Karten von . . . gesandt, alles liebe, gütige Zeichen freundlichen Gedenkens, die mir Einsamen ein reicher Trost tonten. Die Anstrengungen, die Magdeburg für mich macht, und das Interesse, das man meiner Sache entgegenbringt, sind rührend. Mir stehen die Tränen in den Augen über all die Güte und Freundlichkeit. Man merkt erst, mit wie starken Wurzeln man sich an unser gutes altes Nest aukrampft, und wie man mit allen Herzens­fasern sich danach sehnt, dort in einen stillen Hafen ein­zulaufen. Jedenfalls werde ich hier den Kelch bis zur Hefe austrinken müssen. Gott gebe mir Kraft dazu. Die ewigen Msregungen find furchtbar,"

Am 20. Februar:Heute habe ich an. . . geschrieben, daß er seinen Bruder, der Redakteur in Berlin an einer vielgelesenen Zeitung ist, auch mobil macht. Es muß doch endlich auch einmal energisch vorgegangen werden, damit der Mörder gefunden wird. Alle Untersuchungen gegen mich find und bleiben nur leeres Strohdreschen. Wenn Pariser Detektivs die Sache vor nun 52 Tagen in die Hände ge­nommen hatten, wäre in dem kleinen Ajaccio schon längst der Richtige entdeckt worden, aber mir scheint, als wenn man es nicht wägte. Seit gestern erhalte ich aus einem Restaurant Essen.

Man fühlt sich dadurch mehr Mensch. Leider regnet und gewittert es hier fast jeden Tag, sodaß ich wenig auf den kleinen Gefängnishof hinauskomme und, auf dem Bette liegend, mich mit Lektüre beschäftigen muß."

Am 25. Februar:Heute werden es glücklich 7 Wochen, daß ich dank der Aussage eines Bengels, der schon zweimal wegen Diebstahls bestraft ist, im Gefängnis sitze, trotz­dem sonst nicht das Geringste gegen mich vorliegt und unzählige Ehrenleute erster Familien ihre Ehre für mich verpfändet haben. So wird die ganze Sache hingezogen und man hofft durch das Hinziehen Zeit zu gewinnen, und die Sache zum Einschlafen zu bringen. Damit dies nicht geschehen kann, bitte ich Euch, weiter energischst durch die Presse tätig zu sein."

(Fortsetzung folgt.)

Gilt Bolt ohne Jahrzahlen

waren die indianischen Ureinwohner von Mexiko. Ihr Kalender ist einer der absonderlichsten, den Menschen jemals ersinnen konnten. Die Eroberer des uralten Tolteken-Reiches waren dieAzteka" (d. h. Männer vom LandeAztlan", dem Landedes weißen Reihers"). Man darf sich die Azteken also nicht als kleinschädelige, blödsinnige Mißgeburten denken, wofür sie so gern gehalten werden und bei Schaubudenbesitzern gezeigt werden. An Kultur der Religionsbegriffe, Kunstschöpsimgen und des Städtebaues, namentlich aber in ihrem geregelten Staats­wesen und Gesetzesüberlieferungen sind die Azteken und ihre nahe- verwandten Nachbarstämme ungefähr den Babyloniern und Assyrern an die Seite zu stellen. Ihre Kultur reicht loeiter. als fünf Jahrtausende zurück. Gleichwohl fehlt der aztekischen Zeitrechnung der BegriffJahreszahl" vollständig. Sie rechnen nach einer Periode von 52 Jahren, die in vier Abschnitte von je 13 Jahren geteilt sind. Diese 13 sind mit Ordnungszahlen bezeichnet, das einzige, was in ihrer Chronowgie gezählt wird. Neben den viermal wiederholten 13 Zahlen wird hinter jede Jahresbezeichnung eins der vier göttlichen Sym­bole: Teepatl (Fels), Calli (Haus), Tochtli (Kaninchen und Akatl (Rohr) gefügt. Die vier Symbole kehren in 52 Jahren der Reihe nach 13 mal wieder. Wenn also der Azteke sagt:Es war ini Jahre Macuilli. Tochtli, d. h. im 5. Jahre mit dem Kaninchen, so ist es für ihn ohne weiteres klar, daß dies das 31. unter den 52 bedeutet. Der ganze Zyklus hießUmlauf" (2 Umläufe waren gleich einemAlter"). Die Kalendersteine waren kreisrund in 52 Teile eingeteilt. Eine Schlange, bie sich in den Schweif biß, umringelte die Peripherie und wand sich viermal um die Stellen, die je 13 Abschnitte umfaßten. Dies Kalendarium galt aber nicht, wie man vermuten könnte, für vier Jahreszeiten und 52 Wochen des römischen Kalenders, fon- dern für 52 Jahre. Der Tag wurde in vier gleiche Abschnitte geteilt, diese halbierte mit in Gedanken, ein exaktes Maß für diese kleineren Zeitteile bestand nicht. Die FrageWie spät ist es?" mag mir beantwortet worden sein durch die AngabeDie Sonne steht über den westlichen Bergen". Das aber sah wohl jeder auch selbst. Zur Nachtzeit verkündeten Hornsignale der Tempelpriester den Zeitpunkt nach dem Stand der Gestirne. Das aztekische Jahr besaß zwar auch 365 Tage, aber in seltsamer Einteilung. Man hatte 18 Monate zu je 20 Tagen, diese zer­fielen in 4 Wochen, die Woche war also mit 5 Tagen etwas knapp abgefnnden. Diese 72 Wochen oder 360 Tage füllten das Jahr nicht ganz aus. Die letzten fünf waren merkwürdigerweise keine Woche, sondern unglückbringendeNiemandstage" (Nemontemi) oder Freitage. Kein wichtiges Geschäft wurde in dieser verhängnis­vollen Zeit abgeschlossen, kein Handwerkszeug und keine Waffe berührt. Alle andern Tage im Jahre waren beschützt von mäch­tigen Dämonen, es gab (wie unsere Kalenderheiligen) bei den Azteken sogar 18 Beherrscher des Tages und 9 Beherrscher der Nacht, neben 20 Beherrschern der Woche, die sich in laufender! Reihenfolge des Menschengeschlechtes erbarmten, je nachdem sie du jour" im Aztekenkalender standen. Nur für die unseligen fünf Freitage war kein Schützer vorhanden. Die Kinder, welche an diesen fünf Tagen geboren wurden, erhielten beit traurigen BeinamenNemoquichtli" (Unglücksknabe) oderNecuihuatl" (Un­glücksmädchen). Das deckt sich vollkommen mit unserem Begriff Pechvogel", und solchen amten Uitgluckswurmchen wtrd wohl auch beizeiten klar geworden sein, was es heißt, fluchbelastet imbi ohne Hoffnungsstrahl durch das Leben zu wandern, wetl sich die Protektion der Götter und der Menschen von ihnen abwandte.

VerinrschteS.

* Ein gesetzlicher Schutz für die Wasserkräfte! wird jetzt in der Schweiz geplant. Der Prometheus berichtet darüber: Mit der fortschreiteitden Entwicklung der Elektrizitäts!- industrie hat auch die Umwandlung natürlicher Wasserkräfte in elektrische Energie einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die Möglichkeit dieser Umwandlung ließ erst bett vollen, ungeheuren Wert bei Wasserkräfte klar erkennen, einen Wert, dessen Aus- nutzuitg noch einer gewissen Erweiterung fähig ist. Diese Erkennt­nis vom Werte der Wasserkräfte veranlaßt nun bett schweize­rischen Bundesrat, der Bunbesversanimlung Vorschläge für einen gesetzlichen Sckfutz dieser Kräfte zu unterbreiten, die gerade in der S"" irgigcn Schweiz mit ihren vielen Wasferläufen von ftarkem älle einen recht erheblichen Teil des Nationalvermögens aus­machen. In dem Entwurf wirb besonders darauf hingewiesen, daß durch die rationelle Ausnutzung der verfügbaren Wniier- kräfte die Krafterzeugung der Schweiz sich in hohem Grade von der aus dem Auslände kommenden Kohle unabhängig machen könne, wodurch einerseits bcm Nationalvermögen alljährlich große Summen erhalten bleiben würden, und was andererseits auch für die Konkurrenzfähigkeit unb bie Entwicklung der schweizerischen Industrie und für bie geplante Elektrisierung ber Staatsbahnen von größter Wichtigkeit wäre. Es handelt sich deshalb vor allein darum, die schweizerischen Wassert'räfte dem einheimifchen Kraft­bedarf nutzbar zu machen, und zwar in einer Weise, bie nach Mög­lichkeit dem Volksganzen zu Gute kommt. Das soll erreicht werden durch ein Gesetz, nach dem elektrische Energie, die ganz