Ausgabe 
23.6.1906
 
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Willy Hammer war nicht harmlos genug, um nicht so­fort zu merken, daß diese zufällige Begegnung eine abgekartete Sache war. Die Entdeckung bereitete ihm keinen Nerger, nein, eine jähe Hoffnung durchflutete ihn heiss und drängend.

Tiefaufatinend sah er sich mit Suse allein, während die drei Herren, in alten Erinnerungen versunken, plaudernd weitergeschritten waren.

Er hatte einen Glückwunsch gemurmelt und sich höflich gegen den hübschen schlanken Offizier verneigt nun stand er stumm neben dem harmlos plaudernden jungen Mädchen, das ihm van ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit erzählte und endlich neckend sagte:

Sie haben schlecht Wart gehalten, Herr Hammer! Wo bleiben die Einladungen zu den exquisiten Diners bei Ihnen?"

Er unterbrach sie stirnrunzelnd.

Sic waren nur in Voraussetzung meiner Verheiratung ergangen!" erwiderte er, sich gewaltsam äußere Haltung gebend, da ihn die Erinnerung an jenen letzten Glückstag seiner Liebe zu überwältigen drohte, 'und da muß ich sie heut ein für allemal zurücknehmen. Ich werde mich nie verheiraten."

Suse lachte schelmisch und silberhell.

Verzeihen Sie nur, Herr Hammer!" bat sie, das zornige Aufleuchten seiner Augen voll Befriedigung be­merkend,aber es ist zu drollig. Genau dasselbe habe ich nämlich, genau so ernsthaft auch einmal ausgesprochen und eine Stunde darauf war ich verlobt. Deshalb muß ich jetzt jedem Menschen ins Gesicht lachen, der so tragisch be­hauptet: ich werde niemals heiraten! Der wird gewöhnlich Lügen gestraft."

Noch immer strahlte ihr hübsches Gesicht ihm in über­mütiger Heiterkeit entgegen. Lag's in den blauen Augen nicht wie eine schelmische Glücksverheißung? Zuckte es nicht förm- lich ungeduldig tun die frischen Lippen, als hielten sie gewalt­sam eine Freudenbotschaft zurück?

Aber was konnte dieser junge Tollkopf von seiner Liebe wissen? Er traute ihr schließlich zu, daß sie ihn nur foppte! Aber diese Begegnung, die so nach Verabredung aussah? Das heiße Blut begann in seinem Kopfe zu hämmern. Warum quälte er sich so? Warum fragte er nicht ganz einfach nach Ruth, wo doch jetzt, da er vor der Schwester stand, jede Fiber an ihm sich danach sehnte, etwas von ihr zu erfahren? Er richtete sich in einem plötzlichen Entschluß hoch auf. War er nicht Mann genug, sein Urteil zu hören?

Lassen wir das Heiratsthema, Fräulein Meridies. Ich möchte lieber von Ihnen erfahren, wie es Ihrer Fräulein Schwester geht? Malt sie noch fleißig?"

Es war heraus und er wunderte sich, wie ruhig er ge­sprochen.

Sie barg das Triumphblitzen ihrer Augen rasch unter gesenkten Lidern. Ihre Finger nestelten an dem Veilchenstranß zwischen den Knöpfen ihrer schwarzen Tuchjacke.

Ach, Ruth macht uns großen Kummer!" sagte sie, das rosige Gesicht in ernste Falten legend,sie sieht elend aus, so mager und blaß wie ein Hauch und das Malen Du lieber Gott wenn's nicht um den Verdienst ginge hätte sie's wohl längst ganz aufgegeben."

Sie sah den Mann vor sich nicht an, sondern mühte sich jetzt mit dem Druckknopf ihres Handschuhs ab, der nicht schließen wollte.

Er stand mit zusammengebissenen Zähnen. Man merkte ihm an, welche Erregung er in sich verarbeitete. Wäre es möglich, daß Ruth seinetwegen? Aber warum dann die er­kältende Abwehr?

Einen Moment war cs still zwischen den beiden. Aus den Nebenräumen klang das Murmeln menschlicher Stimmen, von draußen das vielfältige Geräusch der Straße.

Was ist mit ihr?" fragte Willy Hammer endlich. Es kam aus trockener Kehle.

(Fortsetzung folgt.)

157 Hage korsischer Flaukmörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Ti em an n.

(Nachdruck erwünscht.)

(Fortsetzung.)

Die beiden Wärter stürzten sich auf mich und durch­suchten mich bis auf deil Leib. As man mich in die gemein­same Zelle bringen wollte, verbat ich mir dies mit aller Energie. Ich denke noch jetzt mit Schauder daran, wie ich dort hineinblickte, und die Einaesperrten ihr Taschentuch vom Gesicht aözogen und mich anstarrten.Ah, vous voulez Payer!" und gegen 10 Frcs. monatliches Pistol (Miete) erhielt ich eine eiskalte Zelle, 2 Meter breit und 3 Meter lang, mit einem in Ketten hängenden Fenster, ein Meter im Quadrat, oben an der Wand ; das Jirventar: 1 Nachtschränkchen, 2 Stühle, 1 Tisch und die niedrige Eisenbettstelle, auf welcher 2 Wollmatratzen lagen, füllten den Raum, in dem ich unter Ausnutzung aller Winkel und Ecken 20 Schrittchen machen konnte.

Alm 8. oder 9. Januar war meine erste Vernehmung. Ich protestierte gegen meine Festnahme und gab 7 bis 8 Herren aus ersten Magdeburger Familien auf, die, evtl, aus meine Kosten telegraphisch befragt, über mich befrie­digende Auskunft erteilen würden. Der Richter wunderte sich, daß ich von ihnen genaue Titel, Straßen und Haus­nummern angeben konnte.

Gegen den 16. Januar schrieb ich nach Magdeburg: . . . Man hat mich auf dem Gefängnishofe viermal photo­graphiert und alles nach Deutschland geschickt. Wenn doch erst alles vorüber wäre! Hier im Gefängnis ist es fürchter­lich: Dazu bin ich nach dem Süden gereist, um mich zu erholen und neues zu sehen! Obwohl ich nichts zu fürchten habe, bin ich von der ganzen Sache doch so mitgenommen und heruntergekommen und nervös, daß ich an den Wänden hochgehen könnte."

Am 17. Januar, vom Richter abgesandt am 21.:

Am Dienstag voriger Woche war großes Verhör, und habe ich alle Punkte widerlegen können. Wenn die Sache nicht so bitter und ernst wäre und mich 14 Tage meines Lebus schon gekostet hätte, müßte ich über sie herzlich lachen. (Ich hatte wütend geantwortet, an der ganzen An­klage interessierte mich nur das Wortaus dem Hinterhalt" hinter assassinat: die Vokabel wäre mir neu!) Was mußte mich aber auch der Teufel reiten, nach Ajaccio zu gehen. Heute, Sonntag, habe ich mein ganzes Zeug zur chemischen Untersuchung abliefern müssen, und überzeugt man sich endgiltig, daß ich mit dem blutigen Raubmorde nichts zu tun habe. H. R. hat sich sofort auf eine Zeitungsmeldung hin an den Sohn des Ermordeten gewendet, da ich auf dessen Veranlassung hin inhaftiert worden sei. Ich kann daran nicht glauben, da ich von Frau Direktor M. und ihrem Bruder, Herrn Generalsuperintendenten W., sehr herz- liche Dankeszuschristen auf meinen Kondolenzbrief Yin be­kommen habe. Hier in Ajaccio hat man immer noch den Hafenarbeiterstreik, was auch nicht zur allgemeinen Sicher­heit beiträgt."

Am selben Tage schrieb ich nach Siegen:

Die Sache ist einfach furchtbar, und hatte mich die Ermordung des Direktors schon in riesige Aufregung ver­setzt, da man wegen des hier schon über eine Woche dauern­den Hafenarbeiterstreikes sowieso sich unsicher fühlte und nirgends allein spazieren zu gehen wägte.

Glücklicherweise habe ich meinen. Winterüberzieher mit in das Gefängnis genommen, ebenso doppelte Röcke, letz- ters infolge des Umstandes, daß es im Hotelspeisesaal immer so kalt war, daß ich daselbst zum Essen doppelte Röcke trug, sodaß ich einigermaßen gegen weitere Erkäl­tung geschützt bin. Ich sitze nun schon 10 Tage im Gefängnis und will zu Gott hoffen, daß dies nun bald ein Ende hat, da ich die ganze Zeit ungewaschen bin, die Kleider nicht ablegen und auch die Wäsche nicht wechseln konnte. Da mir natürlich die Gesellschaft nicht behagt, beschränke ich meine Spaziergänge auf dem übelriechenden Gefängnishofe auf das Aleräußerste."

: Der Hafenarbeiterstreik ncchin so wilde Gestalt an, daß. man die Haupträdelsführer in das Gefängnis stecken mußten< Darauf zog die ganze Rotte vor das.Gefängnis und ver­suchte, es mit wütendem Gebrüll zu stürmen. Mehrere Fenster wurden eingeworfen und Militär mit scharfgeladenen Gewehren zur Verteidigung des Gefängnisses in dasselbe