Ausgabe 
23.5.1906
 
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Tage gesehen hatte. Die anderen entstammten alle irgend | welchen zigeunerhaften Verhältnissen, einer Existenz von heut zu nwrgen niemand wußte eigentlich- wovon sie lebten, ihre Stunden bezahlten.

.hin und wieder erwähnte eine Verwandte, die sie hinter dem Rücken des geizigen Vaters unterstützten oder eine alte Dame, die sich ihrer nach dem Tode der Eltern an­genommen aber es war tote ein stillschweigendes UÜber­einkommen, daß keins weiter forschte, teins sich um das Leben des anderen den Kopf zerbrach.

Sie hatteir nichts voreinander voraus, sie wohnten in elenden kleinen Hofzimmern, gingen schlecht gekleidet und nachlässig gekämmt, aßen mit männlichen Genossen ihrer Zunft in billigen Vorstadtrestattrants, sprachen über alle Dinge des Lebens mit rücksichtslosem Freimut und hatten längst den BegriffWeiblichkeit" als höchst unmodern und I unbequem abgeftreift.

Das einzige Ideal, an das sie glaubten und nach dem I sie strebten, war die Kunst. Und die schlug auch die einzige Brücke von ihnen zu Ruth Meridies. Das junge Mädchen, an peinlichste Ordnung und Sauberkeit gewöhnt, ekelte sich zuerst geradezu vor diesen verlotterten, zigeunerhaften Existenzen. Nur das Bewußtsein, mit ihnen nach einem gemeinsamen Ziel zu streben, ließ sie allmählich über ihr Aeußeres hinwegsehen.

(Fortsetzung folgt.)

politischen Verirrungen zu bewahren. Aber Goetz setzte e'S mit feinem scharfblickenden Geist und seiner überzeugenden Bered­samkeit durch, daß noch kein Bund gegründet wurde, da die Turner mit den damaligen Bereinstzesetzen sofort in Konflikt geraten wären. Man begnügte sich mit der Wahl eines ständigen Ausschusses, der sich 1861 in Gotha definitiv bildete und dem! Goetz als Geschäftsführer bis zu seiner int Jahre 1895 erfolgten Wahl als Vorsitzender der deutschen Turnerschaft angehörte. Offenen, schlichten Charakters, voller Begeisterung für die Turu- sache verbunden mit glühender Vaterlandsliebe, begabt mit einem reichen, weitausschauenden Geist und einer außergewöhnlichen Arbeitskraft, dabei ein vorzüglicher Redner, der es verstand, in packender, von Humor gewürzter Weise seinen Gedanken plasti­schen Ausdruck zu verleihen, und mit all diesen Eigenschaften ein hohes organisatorisches Talent verbindend, war er der rechte Mann auf dem rechten Posten. Schon in jener 1. Sitzung in Gotha 1861 stellte er daS dem Sinne nach noch jetzt geltende Pvogramm auf:Das Turnen kann nur dann seine reichen Früchte entfalten, wenn es als Mittel betrachtet wird, dem Vater­land ganze, tüchtige Männer zu erziehen. Jedwede politische Parteistellung jedoch muß den Turnvereinen als solchen un­bedingt fern bleiben. Die Bildung eines klaren politischen Urteils ist Sache und Pflicht des einzelnen Mannes." Auch dec Krieg von 1866 konnte keinen verändernden Einfluß auf dis Stellung der Deutschen Turnerschaft ausüben. Der nach Be­endigung desselben erschienene, von Goetz, Lion und Friedländer verfaßte Aufruf besagt:Der Zweck aller deutschen Turner bleibt derselbe. Diese Vereinigung soll ein Bild der künftigen staatlichen Einheit Dcntschlands bleiben und durch gemeinsames Wirken das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit des gesamten

Zum 80. Keönrtstag des Forschenden der Deutschen Turnerschast.

In diesen Frühlingstagen rüstet sich einer der größten Ver­bände, die Deutsche Turnerschast, zu einer seltenen Feier, dem 80. Geburtstag ihres Vorsitzenden Dr. med. Ferd. Goetz in Leipzig-Lindcnau. Ein langes Leben, reich an Arbeit, aber auch reich an Erfolgen, liegt hinter ihm. Glänzt auch der Schnee des Alters auf seinem Haupt, so schlägt dockt noch ein jngendfrisches Herz in seiner Brust, begeistert für alles Schöne, Edle und Gute.

Geboren als 8. Kind am 24. Mai 1826 in Leipzig, wo sein Vater Oberzollinspektor war, zeigte er von srüher^Jugend an große Vorliebe für körperliche Hebungen aller Art, Schwimmen, Turnen nnd Fechten. Ms Dr. Bock int Jahre 1845 den allge­meinen Turnverein in Leipzig gründete, war er einer der ersten dabei. In jugendlicher Begeisterung beteiligte er sich an den politischen Bestrebungen jener Zeit, ein einheitliches deutsches Vaterland herbeizuführen. Er trat der BurschenschaftKvchei" bei, wurde wegen Teilnahme an den Kümpfen in Untersuchungs­haft gezogen, mit Stadtarrest und dem Verlust seiner Stipendien bestraft, ja sogar bei seinem Doktorexamen wurden ihm Schwie­rigkeiten bereitet. 1853 gründete er seinen eigenen Hausstand mit der Schwester eines Studienfreundes, Minna Dornblüth, die ihm jetzt noch als treubesorgte Gattin zur Seite steht. Zuerst Arzt in Geithain in Sachsen, siedelte er bereits 1855 nach Lindenau über, wo er jetzt noch wirkt. Mit einer gewaltigen Arbeitskraft begabt, fand er neben seiner beruflichen Tätigkeit noch genügend Zeit, um sich in der verschiedensten Weise im öffentlichen Leben zu betätigen. Seine Hauptarbeit widmete er hier der Entwicklung der deutschen Turn er ei, von bereit hohem gesundheitlicheit Einfluß er als Arzt überzeugt war, und bereit hohe ibeale und nationale Bedeutung er als deutscher Patriot zu würdigen verstand. Denn wie seine späteren Reden und seine literarische Tätigkeit beweisen, erachtete er das Turnen als eins der besten Mittel, die zerrissenen deutschen Stämme zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen und dadurch den Gedanken an ein einiges deutsches Vaterland wach zu erhalten. Fand er schon in Geithain das größte Vergnügen darin, mit einigen gleich­gesinnten Freunden sich turnerischen Hebungen widmen zu können, so bot sich ihm dazu in seinem neuen Wohnort noch bessere Gelegenheit. .

Vom Jahre 1858 an beginnt seine eigentliche Wtrksamkett für das deutsche Turnwesen. Bon da ab übernahm er die Leit­ung der zwei Jahre vorher gegründeten deutschen Turnzeitung und zwar bis 1863. 1860 gründete er den Männerturuverein in Lindenau, dessen Vorsitzender er jetzt noch, also volle 46 Jahre hindurch, ist und an dessen Hebungen sich der 80 jährige Greis noch beteiligt. ._ ,,,

Von dem Jähre 1860 ab, dem Gründungchahr der Deutschen Turnerschast deut Sinne, wenn auch noch nicht der äußeren Form nach, ist die ganze Lebensgeschichte Goetz' auf das engste mit der Geschichte der Deutschen Turnerschast verbunden. Ver­anlaßt durch den Ruf zur Sammlung, der im Frühjahr 1860 durch Georgii aus Eßlingen und Källenberg aus Stuttgart an alle deutschen Turner erging, wurde int Juni desselben Jahres in der Residenz des hochherzigen Herzogs Ernst von Kvbnra- Gotha das erste vaterländische deutsche Volksfest, das erste deutsche Turnfest geholten. Nicht leicht war es, dte von patriotischer Begeistermtg durchglühten Turnerscharetr vor

Vermischtes.

* Den Zweck der Pfahlbauten erörtert Wilhelm Bölfche in einer interessanten naturwissenschaftlichen Plauderet, die von der illustrierten ZeitschriftHeber Land nndMeer"

deutschen Volkes wach erhalten."

1868 konnte die Deutsche Turnerschaft auch der äußeren Form nach begründet werden. (Sweö wurde wiederum mit dem Amt cined Geschäftsführers betraut. Der gesamte weitere Misbau dieser gewaltigen, weit verzweigten Körperschaft lag in feiner Hand. Auf fein Betreiben wurde 1895 auf dem deutschen Turntag tit Eß­lingen denfreien" Turnvereinen deS Arbeiterturnerbundes ge­genüber das Grundgesetz schärfer gefaßt unter ansdrückticher! Betonung der Pflege vaterländischer Gesinnung. Dieter Lurniag wählte ihn auch zum Vorsitzenden der Deutschen Turiterschast, welches Amt er jetzt noch in fast jugendlicher Frische versteht.

Zu all beit organisatorischen Arbeiten kommt noch eine Menge anderer. Seit 1866 verwaltet er das Archiv der Deutschen Turtrerschaft, das znm Sammelpunkt der gesamten turnerischen Literatur geworden ist. Seiner Hand wurden die Bearbeitung des 3. stack Jahrbuchs, wie auch der 5 ersten Ausgaben des Handbuchs der Deutschen Turnerschast anvertrant. ©einer An­regung verdankt auch die im Jahre 1863 gegründete Jahnstist- ung, eine Pensionskasse für die deutschen Turnlehrer und ihre Witwen und Waisen, ihre Entstehung.

Neben dieser Wirksamkeit auf turnerischem Gebiet und tetnent ausgedehnten ärztlichen Berus sand Goetz immer noch Zeit zu an­deren Tätigkeiten. So war er lange Zeit Führer der freiwilligen Feuerwehr und ist jetzt noch Vorsitzender von sämtlickM wohl­tätigen Vereinen in Lindenau. Als langjähriges Mitglied wirkte: er int dortigen Gemeitiderat und Schulvorstand, wie auch inr Vorstand der Spar- und Vorschußkasse, dem Frauen- und beut Gewerbeverein, Vereine von hoher, gemeinnütziger Bedeutung, bie alle seiner Anregung ihre Gründung verdanken. 1867 war er Abgeordneter des norddeutschen, 1887 des deutschen Reichs­tages. Dazu kommt eine reiche literarische Tätigkeit, zumeist, auf turnerifchem Gebiet. .....

Mit Stolz und Freude richten deshalb die deutschen Turner am 24. Mai ihre Blicke nach ihm, der ihre Sache von kleinen Anfängen an zu ihrer jetzigen Blüte emporgeführt, so daß sie zu einem mächtigen Faktor im deutschen Volksleben geworden ist- ber für die Zukunft unserer Ration eine immer größere M- deutniig erlangen wird. Hub wenn sich gerabe die Kreise, denen er angehört, zum großen Teil von bett Bestrebungen der Deutschen Turnerschaft zurückgezogen haben, der sie früher mit Lew und Seele anhingen, so hat er doch für einen treuen Nachwuchs! gesorgt, der das ererbte Gut in feinem Sinne weiter verwalten wird. Der deutschen Jugend aber, bereu Ideale leider ruinier mehr schwinden, möge er ein Vorbild fein, wie man seine leib­lichen und geistigen Kräfte durch regelmäßige Körperubuugen biS ins hohe Alter frisch erhalten unb sie trotz ausgedehnter Be- rilfsarbeiten noch einer edlen Volkssache widmen kann, tote man eS verstehen muß, seine persönlichen Interessen denen der Ml- gemeinheit unterzuvrdneii, und löte man das Vaterland über "^^Jhm^aber möge^noch ein langer Lebe^äbend in körperlicher und geistiger Gesundheit beschieden fein. Die herzlichsten Glück­wünsche werden ihm hierzu von tausenden deiitfcher jJiänuer am morgigen Tage entgegengebracht werden.