Ausgabe 
23.5.1906
 
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höchster Potenz heutzutage, wo die Weiber immer gleich mit Davonlaufen bei der Hand sind, wenn man nicht zu all ihren Launen Ja und Amen sagt."

Hans Günther griff nach dein kleinen Kelchglas, das der alte Mann ihm mit ein wenig zitternder Hand gefüllt hatte, und hob cs dem erregten Freunde entgegen.

Na, immer sachte mit die jungen Pferde, Willy! Der Mensch soll nichts vcrrcden. Hals über Kopf heiraten?! Das ist ja Geschmacks- und Ansichtssache. Aber so schlechte Kerle sind wir doch alle beide noch nicht, daß ivir uns nicht tief im Herzen das Ideal von der reinen, treuen Frau beivahrt hätten, llub wenn mir die finden, alter Freund, dann soll sic auch unsere Heiratsschcu besiegen. Prosit!"

Der andere lächelte skeptisch dazu, aber er hatte sich doch beruhigt mib tat mit seinem Gläschen dem Freunde Bescheid.

Kannst Dir auch einen genehmigen, Heinrich Binge, auf die Enttäuschung!" rief er dem etwas gekränkt abgehenden .alten Manne launig nach.

Ein komischer Kauz!" meinte er bann, zu dem Freunde geivandt, und liest sich ihm gegenüber in einen Sessel sinken, hat sich selber sein Leben lang als Junggeselle kreuzfidel befunden und will mir durchaus ein Weib aufhängen. So­garreizende Kinderchen" hat er mir schon als Köder vor- gehaltcn."

Wenn die Jöhren nur dreijährig zur Welt kämen dann sind sie ja drollig aber das Gequäke bis dahin"

Der kleine Maler tat, als hätte er mindestens schon ein halbes Dutzend schreiender Babys besessen, die ihm seine Vaterfreude vergällt hätten, und da er sich dessen im Mo­ment bewußt ward, brach er in ein herzliches Lachen aus, in das Willy Hammer amüsiert einstimmte.

Auf was für Themata geraten wir nur!" spöttelte er, nach einer Zigarette greifend,unser Stammtisch sollte uns hören, das leichtsinnige Volk dort schlüge ja Nad vor Ver­gnügen."

Hans Günther folgte mit den Augen nachdenklich den blauen Rauchkringeln, die er kunstvoll nach oben blies.

Ein bischen Philisterhaftigkeit steckt uns doch im Blut, Dir der Kaufmann, mir der Beamte. Wir können nicht ver­gessen und verleugnen, dast wir aus ehrbaren, soliden Häusern hervorgegangcn sind, die Kinderstube haftet doch an uns und scheidet uns von dem Künstlerproletariat, soweit nicht echtes Talent und ehrliches Streben diesen Unterschied ausgleicht. Ich bewundere Dich darin, Willy, wie Du noch helfen kannst, solch verlotterte Existenzen weiterzuführen. Ich bin gewiß nicht hochmütig, aber da sind ein paar an unserem Tische, die mir geradezu den Appetit benehmen mit ihrer nachlässigen Kleidung, der zweifelhaft sauberen Wäsche und den saloppen Manieren"

Willy Hammers Antlitz verdüsterte sich leicht.

Das ist der Offizier und Edelmann, der in dem Punkte stärker ist als der Künstler. Es gibt in jcdcni Fache tüch­tige und untüchtige Menschen, aber soll man die letzteren verhungern lassen?"

Gar nicht! Gewiß soll man ihnen helfen, aber wenn ihnen geholfen wird, sollen sie sich doch auch ihre Kleider bürsten lassen und ihre Nägel säubern Deine Malweiber zum Beispiel! Ob das der Riemer bloß einen Pfennig kosten würde, wenn sie sich mal mit einem Kamm durch ihre struppige Mähne führe, oder ob es bei der kleinen Warnitz nicht auf Zwirn reichen sollte, daß sie sich ihren abgetretenen Kleider­saum annäht"

Der kleine blonde Mensch ereiferte sich förmlich, so daß Willy die Augenbrauen hochzog und ziemlich scharf bemerkte:

Was kümmern Dich meine Malweiber? Laß sie doch laufen, wie sic Lust haben. Die Hauptsache, sie leisten was in der Kunst, an ungekämmten Haaren und zerrissenen Kleider- säumen nehme ich keinen Anstoß."

Hans Günther richtete sich langsam auf und warf den Rest seiner Zigarette in die modern stilisierte Altsilberschale.

Bei Deinem scharf ausgeprägten Schönheitssinn eigent­lich wunderbar!" mokierte er sich,und ebenso wunderbar,

daß Du, so weit ich mich erinnere, nie eine wirklich hübsche Schülerin gehabt hast. Das Schicksal hat es gut mit Dir gemeint oder besser mit ihr."

Wie meinst Du das?" Der gereizte Ton paßte schlecht zu der harmlosen Neckerei des anderen.

Nun entweder hättest Du sie geheiratet oder Du hättest ihr den Kopf verdreht und sie nicht geheiratet das eine Dein, das andere ihr Unglück."

Willy Hammer stand auf und reckte seine große, kräftige Gestalt, als wolle er irgend einem unsichtbaren Gegner trotzen.

Wir drehen uns", sagte er,heut beständig um einen Punkt herum, Hans Günther, immer das Heiraten das ist ja geradezu langweilig. Im übrigen ist unsere Tischzeit nahe und wir können zur Krippe gehen."

Gut, gehen wir!"

Während Willy Hammer nach Heinrich läutete und Waterproof, Gmmnifchuhe und Mütze befahl, stöberte der kleine Maler noch im Atelier herum, kritisierte das Bild des Bankierstöchterleins, fragte nach des Freundes nächster Arbeit, so daß ihr Gespräch sich schließlich völlig ihren» künstlerischen Schaffen zmvandte und sie dasselbe auf ihrem Wege in ihr Stammlokal lebhaft forlsctztcn.

Ein paar mal ergab sich für Hammer die Gelegenheit, dem Freunde Mitteilung von seiner neugewonnene»» Schülerin, die ihn als die Malerin für Tietzheim noch besoi»ders in­teressieren mürbe, zu machen, aber ein gewisser Trotz ließ ihn immer roieber schweigen.

Er kannte die gutmütige Necklust Hans Günthers. Und Ruth Mcridies sollte nicht in das Bereich seiner Spöttereien gezogen werden, er wollte es nicht. Wenigstens so lange nicht, als er nicht der» Beweis besaß, daß ihre stolze Un- berührthcit nur Blaske »var. So lange sollte sie fein Ge­heimnis bleiben, wenn nicht ein Zufall ihn verriet.

In letzterem Falle bliebs ein gelungener Scherz weiter nichts. Von seinem Entschluß förinlich beruhigt und innerlich erheitert war er bald darauf int fröhlichen Künstler­kreise der tollsten einer.

DerPhilister" in ihm »var gestorben, die vernünftigen Vorsätze waren vergessen.

6.

Wochen »varen seit jenem Tage ins Land gegangen. Nun »var man schoi» in» Juli und mitten in Sommerglut und großstädtischer Schivülc. Ein Geruch von Staub und faulen Ausdünstungen wehte durch bei» siroccoartigen Sübwind, der Erfrischung zu verheißen schien »mb nur Erschlaffung brachte.

In den» nicht besonders großen Atelier auf der Kant- straßc, in dem die Hammersche Malklasse arbeitete, war es erstickend heiß. Die acht Damen, welche teils gebückt vor ihrer Staffelei saßen, teils aufrecht davor standen, »vcchscltcn, vo»t der Schwüle gleichsam gelähmt, nur zuweilen halblaute Bemerkungen und blinzelten müde und unlustig nach dem Modclltisch hinüber, auf dem eine blasse ältliche Frau in halb bäuerlicher, halb städtischer Kleidung mit im Schoß ge­falteten Hände»» saß und vor sich hinträumtc.

Eine große Brummfliege summte durch den kahlen'/ nüchternen Atelierraum und stieß in regelmäßigen Inter­vallen, Freiheit suchend, gegen die großen Fensterscheiben/ um, das Vergebliche ihres Bemühens einsehend, aufs neue die Köpfe der Anwesenden brummend zu umkreisen. Ein­mal verfing sie sich in einem braunen Ha ar wüst und entkam mit knapper Not einem unwürdigen Tod. Fräulein Riemers große, kräftige Hand schwebte bereits unheildrohend! nah über ihr, als sie noch glücklich aus bett dünnen braunen Schlingen herauskam. Die anderen lachten.

Patentfliegenfalle !i" sagte eine lakonisch.

Die Riemer strich gleichmütig über ihr ungepflegteZ Haupt.

Na, beim Hofflisenr lassen Sie sich za auch nicht frisieren, Knöspchen."

DasKnöspchen", die blutarme Witwe eines leicht­sinnigen Offiziers, Frau Knospe mit Namen, seufzte leicht auf. ,,

Ja, wenn's daraus reichte, säß ich gewiß nicht hter.

Sie war von Ruths Gefährtinnen die einzige, die bessere!