Ausgabe 
23.3.1906
 
Einzelbild herunterladen

175

mit einem Gagenetat Von zirka zweitausend Mark täglich zu rechnen, die Oper mit einem bedeutend höheren. Aber ich rechne fite uns insgesamt nur vier- bis fünftausend pro Tag heraus; daun erst würden ivir uns ein leidliches Ensemble schaffen können. Und soviel konnten wir von vornherein bei der Zinshöhe des Hauses nicht aulegen."

Glauben Sie vielleicht, daß Ihr Ausstattungszauber Ihnen billiger zu stehen kommen würde?" fragte Hammer grollend.

Ja", erwiderte Imhoff ohne weiteres.Das Per­sonal käme uns bei weitem nicht so kostspielig. Und die allerdings teure Ausstattung würde durch die voraus­sichtlich' große Zahl der Aufführungen amortisiert werden, voraussichtlich sage ich; ich kann getrost zweifellos dafür setzen. Das dumme kleine BallettWaldzauber" zieht heute noch."

Ich möchte mir das Wort erbitten", rief Bernd«! lebhaft.

Sie haben es ja schon", sagte Geheimrat Meyer mür­risch. Bis zu einer gewisen Grenze hörte auch bei ihm in Geldsachen die Gemütlichkeit auf.

Ich betone", fuhr Bernd«! fort,daß wir ans den bisher eingeschlagenen Wegen nicht weiter kommen nein, immer mehr zurück. Ich will die Gründe und Ursachen nicht erst lange untersuchen; ich halte mich an die Tat­sachen. Vielleicht ist auch eine gewisse unkontrollierbare Strömung gegen uns; wir haben zuviel versprochen und konnten zu wenig halten da hat man das Vertrauen verloren. Jedenfalls müssen wir mit etwas ganz neuem kommen, wenn wir die Leute wieder in unser Hans ziehen wollen"

.Richtig!" rief Imhoff, und tatsächlich besitzen wir hier in Berlin nach dem Abbruch des Viktoria- Theaters überhaupt teilte Bühne mehr für das große Aus­stattungsstück. Meine Herren, sagen Sie, was Sie wollen: das große Publikum liebt derlei, liebt schöne Dekorationen in raschen Verwandlungen, den ganzen Theaterspuh schwe­bende Genien, viel Donnerwetter, Flammen aus der Erde, prachtvolle Kostüme und rosa Trikots"

Was ja auch ganz hübsch ist", warf Fridolin Meyer ein.

.Ist es auch, Herr Geheimrat! Man kann nicht immer zu Ibsen gehen, und die Braut von Messina hat ihre Schattenseiten, wenn man sich amüsieren will. Ich sage Ihnen aber: Berlin will sich zuerst amüsieren und dann literarisch bilden. Der Kreis, der aus Bildungs­freude das Theater besucht, ist verflucht klein; die meisten find Mitläufer aus Snobismus um der Mode willen. Die ungezählten Hunderttausende aber, die sich nm diesen engeren Kreis gruppieren, die gehen feie Theaterkasse, um sich für ein paar Mark einen vergnügten Abend zu machen, um eine Augenweide zu haben, um einntal lachen zu können kurzum, nm sich zu amüsieren."

Bravo!" ließ sich ein anwesender Generalkonsul ver­nehmen.

Hammer zuckte nervös zusammen.

llnser Hans ist der Kunst errichtet worben. sagte er, und nicht dem wohlfeilen Amüsement. Herr Generalkonsul, ich kann Sie versichern, daß ich meine Pläne nicht ausgeführt haben würde, hätte ich vorher gewußt, daß man auch im Prinz Ferdinand-Theater den Erfolgen des Duhendgeschmacks uachjagen will.«

Mein Himmel, Herr Baumeister," rief Berndal,was sollen wir denn anders machen! Weder Oper, noch Schau­spiel schlägt bei uns ein; in die Matineen kommt keine Seele, selbü die billigen Nachmittagsvorstellungen sind nur spärlich besucht, feit uns das Schiller-Theater in die Quere gekommen ist. Das Doppel-Personal hat das Budget überlastet . . . er, wär überhaupt eine verfehlte Idee, Oper und Schauspiel auf derselben Bühne einzuquartieren."

Bor drei Jahren hielten Sie es für eine geniale Idee," gab Hammer bitter zurück.

. »Herrschaften, kommen wir zur Entscheidung," mahnte Frtdolin Meyer.Ich verstehe und begreife unseren Bau­meister durchaus. Daß es ihm nicht gleichgiltig sein kann,

ob in seinem Hause das Peplon oder der Ballettrock herrscht, ist natürlich. Ich bi« im Grunde genommen derselben

Ansicht. Aber wir müssen schließlich auch an eine gesunde materielle Weiterentwickelung des Unternehmens denken* Bon allen Seiten wurde ihm zugestimmt.

(Fortsetzung folgt.)

Weitöirrg, die Werte des cSaOnfafs.

Dir Stadt Weilburg an der Lahn, die wegen ihrer reizenden Lage und unmutigen Umgebung mit Recht die Perle des Lnhntals genannt wird, rüstet sich zur Jubelfeier ihres tausendjährigen Be­stehens. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß der Ort weit älter ist als tausend Jahre, aber als Stadt kommt Weilburg urkundlich nachweisbar im Jahre 906 zuerst vor. In den ältesten Urkunden lautet der Name der freundlichen Lahnstadt Biiinaburg, Visine- burg, Vilinaburgnm, nach dem nahe bei der Stadt in die Lahn mündenden Bache Weil, lat. vilina, benannt. Nach anderer Lesart soll der Name von der heiligen Jungfrau Wnlpurgis herrühren, einer Nichte des Heidenbekehrers Bonifatius. Man findet näm­lich in manchen Urkunden auch die Schreibweise Walpurg. So in einer Bittschrift eines Dominikaner-Münchs an einen Weil­burger Grafen, in der es heißt:Wein; Euer Gitadeu das Huß hie in Wilpurgk halten." Wir geben der ersten Namensableituug den Vorzug.

In Weilburg ivar eine Stammburg fränkischer Gaugrafen, denen der Niederlahugan unterstand. Einer derselben, Konrad der Aeltere, wurde Herzog von Unterfranken, geriet mit den ober- fränkischen Grafen in Fehde und siel in der Schlacht Bei Fritzlar 905. Er liegt in Weilburg begraben. Sein Sohu, Konrad der Jüngere, mürbe 911 deutscher König; er hat wiederholt in Weil­burg Aufenthalt genommen. Er begründete 913 das männliche Stift der heiligen Jungfrau Walpurgis, aus deren Namen wir oben schon Bezug genommen haben. Man schreibt dem Könige Konrad die fromme Stiftung zu, einmal aus dem Grunde, weil ältere auf dos Stift bezügliche Urkunden als von ihm herrührende nicht vorhanden sind und zum andern aus' dem Grunde, weil er das Slist reichlich beschenkte.

Tas Walpurgisstift hatte im 15. und 16. Jahrhundert etwa 6 bis 9 Känouiker, die um diese Zeit das Zusammenleben sin einem gemeinsamen Stistshause schon aufgegeben hatten. Sie wohnten vielmehr hier^ und da in einzelnen, dem Stifte ge­hörigen Häusern der Stadt zerstreut. Die Häuser standen zum Teil in den drei Straßen, welche vom Marktplatz nach Westen und Südwesten laufen und die mit der heutigen Laug- oder Toten- gasse und einigen Nebengäßchm das alte Weilburg ausniachten. In der ersten Straße, welche von der Mauer des herrschaftlichen Gartens nach der Vorstadt läuft, stand am Ende ein Stiftshaus. Am Lustgarten war die Dechantei, die Wohnung des Stiftsdekans. In der mittleren oder Bogengnfse stand ein weiteres Stiftshaus, das mutmaßlich dem Stiftsschulmeister als Wohmnig diente. Auch in der dritten, nach dem Gymnasium hinlanfenden Straße scheinen mehrere Stijtshäuser gestanden zu haben. Als Beweis mag der Umstand gelten, daß der Straßenname heute noch die Pfaffengasse heißt. Die Stiftsbrüder lebten von den Gütern, Gefällen und Zehnten des Stifts, mit denen dasselbe hinreichend dotiert war. Dennoch war das Stift, wie Eichhvff in seiner nassauisch-weilburgischen Reformatiousgeschichte schreibt, durch nu- ordentlichc Haushaltung im 16. Jahrhundert so heruntergekommen, daß es feinen Schulmeister nicht bezahlen konnte. Die Brüder hatten in der Stiftskirche zu Weitburg, sowie in beit Kapellen der umliegenden Orte Essershauscn, Edelsberg, Kubach und anderen Messe zu lesen und andere kirchliche Pflichten zu üben. Die Stifts­kirche stand da, wo die heutige Stadtkirche steht. Sie. ist aber nicht zu verwechseln mit der mittelalterlichen Stadtkirche der Weilburger Bürger, welche die St. Martins'lirche genannt wurde. Sie hatte ihren eigenen Stadtpfarrer, dem als Filialen die Kapellen und Kirchen zu Kirchhofen, Gräveneck, Ahausen, Drom­mershausen und Hirschhausen unterstellt waren. Die Martins- kirche, 1508 erbaut, wurde mit der Stiftskirche während der Reformation 1538 zu einer Kirche vereinigt. Es entstand eine neue Kirche, die 1707 niedergerissen wurde, in welcher Zeit Graf Ernst die jetzige erbauen und 1711 einweihen ließ. Sie kostete 32 642 Gulden, ohne Glocken und Fuhren. Als geistliche Kolonie betäub sich ferner in Weilburg das Johanniterkloster im Pfann- stiel, eine Talsenke in dem Waloe bei Hirschhausen und Drominers- hausen. Auch Tviniuikauer und Franziskaner hatten Stationen in Weilburg. Wer sich hierüber eingehender beschäftigen will, dem empfehlen wir die vortreffliche Abhandlung von Eichhvff, Weilburg, 1832. '

Wenden wir uns nach dem kleinen Abschweif aufs geistliche Gebiet wieder der politischen Geschichte zu, so sei daran erinnert, daß der oben erwähnte Konrad der Jüngere von 911918 als! König regierte und als solcher bestrebt war, die politische Ein­heit der deutschen Nation, welche durch den tatkräftigen Willen Karls des Großen geschaffen worden war, zu ekhatten und zu befestigen. Aber obschon er sich hierbei der vollen Mitwirkung der Geistlichkeit erfreute, so war sein Streben dach nicht von dem wünschenswerten Erfolg begleitet. Verwüstende Einfülle der Ungarn, Empörungen der Großen tu Schwaben, Myern und Sachsen, sowie der Lothringer bereitetet» dem König« eine Reihe von Widerwärtigkeiten und Kämpfen bis an feinen Lod. NM