Ausgabe 
23.3.1906
 
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sich dem Mann gegenüber, der sie begehrt. Sie fühlt vor ihrem Spiegelbilde, daß er sie so leicht nicht aufgeben Wirb, Wenn sie heute vor ihn hintritt. Muß es nicht unermeßliche Wonne sein für ein Weib, das sich einem ge­liebten Manne zu eigen gibt, Wenn es ihm so viel Schön­heit bieten kann, wie sie es vermag? Man ist nicht alt, Wenn man so schön ist.

Eine süße Willenlosigkeit beschleicht sie, verwirrt ihre Sinne. Ta klingelt es im Flur draußen scharf und hell. Ein polternder Kuabeuschritt klingt hinterdrein, ein Klappen der Entreetür und bald darauf erscheint im Türspalt Walters brauner Lockenkops, dem schnell, als er die Schwester erblickt, der ganze schlanke Körper nachfolgt.

Hier, Ruth, einen Brief. Die Mutter hat auch einen gekriegt. Suse kam raus und nahm rnir'n weg!" setzte er hinzu, da er Ruths fragenden Blick cmffängt.

Bewundernd umstreicht er die glänzende Gestalt der angebeteten Schwester, deren Gesicht nervöse Spannung ver­rät, da sie den Brief aufreißt.

Er kommt von ihrem Zweitältesten Bruder, der sich auf Anraten eines dem Vater befreundeten Bergrats der Bergwerkskarriere gewidmet hat und seit zwei Monaten in einer oberschlesischen Kohlengrube durch praktische Arbeit sich für das Studium vorbereitet. Der Brief lautet:

Meine liebe Schwester! Du bist böse, daß ich solange nicht schrieb, aber Was soll ich schreiben? Lügen mag ich nicht, indem ich melde, daß es mir gut geht, und vor- janrmern, das grämt einem auch, besonders, wenn man weiß, daß man mit seiner eigenen Misere eine andere noch verstärken hilft. Ich fühle mich, Wie im Anfang, sehr un­behaglich hier und bin in elender Stimmung. Meine un- aewohute Tätigkeit strengt mich furchtbar an. Und der Ge­danke läßt mich nicht mehr los: Was soll ich anfangen, Wenn ich die praktische Arbeit in der Grube nicht aus­halte, Wenn ich krank Werbe? Tann ist meine Karriere sntsch und ich kann Wo anders noch mal von vorn an­sangen. In der Grube zu schuften ist entsetzlich. Manchmal ist der Pulverdampf vom Sprengen so dicht, daß man nichts sieht und zu ersticken meint. Ich muß viel husten, fühle mich so matt, wie zerschlagen, und ganz durchschwitzt komme ich oben an und muß so durch die kalte Nacht nach Hause wandern. Dort empfängt mich ein ungemütliches. Zimmer, für das ich ein horrendes Geld bezahlen muß. Die Karriere paßt für einen kräftigen und sehr reichen Menschen, in keinem Fall aber für mich. Tn kannst den Baker unterdeß ruhig darauf vorbereiten, daß es faul mit mir steht. Weißt Du vielleicht einen guten Rat für mein Elend, so hilf damit bald 'Deinem treuen Bruder Franz."

Ruth faltet langsam den Brief wieder zusammen.Auch das noch!" murmelt sie leise.

Was sagst Du, Ruth?"

Walter, der angefangen hat, a>n Tisch in einem Buche zu blättern, kommt diensteifrig zu der Schwester herüber, die auf seine Anwesenheit ganz vergessen hat und nervös zusammenschrickt. Sie sieht auf den Knaben mit heiß emporquellendem Schmerz. Was für ein Los Wirb ihm, ihrem behüteten Liebling, einst fallen?

Geh!" drängt sie hastig,laß mich allein, Walter!" Du bist traurig!" schmeichelt er, die tiefdunklen Augen zärtlich zu ihr emporhebend,kann ich Dir nicht helfen?"

Nein, mein Junge, nein, Tu ahnst noch nichts von meinem Leid" flüstert sie halberstickt und schlingt den Arm um seine schmalen SchulternDu sollst auch nicht Wissen darum, auch die anderen nicht. Geh, laß Dir nichts merken."

Fest drücken die Knabenarme sich um ihren Hals.

Warte nur, bis ich groß bin!" sagte er ernsthaft,dann sollst Du's gut haben. Ich werde viel Geld verdienen und Tu kannst dann alles haben, was Tu Tir wünschest."

Mein guter Junge!"

Sie küßt ihn bewegt uub schiebt ihn dann liebevoll zur Tür hinaus.

Kaum, daß sie Zeit sindet, den Brief des Bruders in rhrenr Kleide zu verbergen und die wildstürmenden Ge­danken zu sammeln, da bringt Suse auch schon die Mutter angeschleift".

Ist sie nicht hübsch? Mama, Tn machst heute noch eine Eroberung." '

(Fortsetzung folgt.!

Dem Wahren, Gdlett, Schönen.

Ein Großstadtrontan von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

. (Fortsetzung.)

Imhoff War der Bevollmächtigte seines Schwieger­sohns geworden. Zwischen ihm und Berndal begann nun ein freundschaftlicher Verkehr. Man sah sie häufig zu- sammen, sie Waren ein Herz und eine Seele geworden. Auf Veranlassung Berndals Wurde eines Tages der Auf- sichtsrat znsammenberufen, und diesem legte Jinhoff ein eingehendes Promemoria zurHebung" des Prinz Fer­dinand-Theaters vor. Die Zahlen sprachen klar, «und deut­lich. Auf dem bisherigen Wege konnte das Defizit nicht verringert Werden; im Gegenteil: es sprachen alle An­zeichen dafür, daß es noch Wachsen ivürde. Nun stand fest und konnte ziffernmäßig belegt Werden, daß die Opern­abende, an denen als Zugabe noch ein Ballett gegeben Wurde, stets am weiften besucht Waren. So schlug denn Imhoff mit ruhiger Kaltblütigkeit vor, die Oper ganz fallen zu lassen, das Schauspiel einzufchränken und künftig­hin das Hauptgewicht im Repcrtoir auf Balletts, Feerien und glänzende Ausstattungsstücke mit Gesang und Tanz zu legen.

Da stand Hammer, der etwas Aehnliches erwartet hatte, auf und sagte:Meine Herren, wenn Sie dem Vorschläge Imhoff zustimmen, müßten Sie zunächst die Inschrift über dem Portale fortnehmen oder ändern lassen. So lange ich aber noch einen Anteil habe an dem Theater, soll das nicht geschehen, denn diese Inschrift gehörte zu jenen Bedingungen, unter denen die verstorbene Madame Peretti uns das Bauterrain zinslos überließ."

Pardon, Herr Baumeister", warf Imhoff ein,der einzige Erbe der Peretti ist mem Schwiegersohn Priestap, und ich bin dessen Bevollmächtigter. Nun aber noch etwas Weiteres. Ter alte Wraugel pflegte zu sagen: was nützt mich der Mantel, Wenn er gerollt ist. Lieber Bau­meister, was nützt uns die Inschrift, wenn nischt dahinter ist?! . . . Gestehen wir es uns doch zu: wir haben uns vergaloppiert wir sind reingefallen"

Nicht ich, Herr Imhoff ich kann immerhin zu- fricben sein"

Auch Sie, Baumeister seien Sie mir nicht böse. Ten Ruhm, den Sie mit dem Bau geerntet haben, kann Ihnen natürlich niemand mehr nehmen; den haben Sie auch redlich verdient. Aber trotzdem: auch, Sie haben falsch kalkuliert, auch Sie sind remgefalleu. Wir haben die Anziehungskraft des Hauses mit in Anschlag gebracht. Aber nach dem ersten halben Jahre war der Reiz der Neuheit vorüber. Auch Tressel will kündigen, wenn wir nicht die Pacht herabsetzen; das ist unsere letzte Planke im Schiffbruch."

Der Schiffbruch wäre nicht nötig gewesen", ries Hammer,wenn die Direktionen ihre Schuldigkeit getan hätten!"

Es ist manche Dummheit gemacht worden", bemerkte Fridolin Meyer.

Es waren nur wenige anwesend. Arenstein weilte in Walsungen, die meisten anderen befanden sich noch in der Sommerfrische.

Gewiß", sagte Berndal,Dummheiten sind gemacht worden; sie kommen überall vor. Aber man kann sie wieder gut zu machen versuchen. Man soll nicht störrisch sein. Mein Anteil repräsentiert ein stattliches Kapital. Ich möchte auch einmal Zinsen sehen."

Imhofs nahm wreder das Wort.Mein lieber Bau­meister, vergeben Sie mir die aufrichtige Bemerkung: unsere größte Dummheit war, daß Wir Ihre Kalkulationen nicht genauer revidiert haben. Die haben sich von Monat zu Monat neu gestaltet. Nach der ersten Ausstellung hätten wir ganz hübsche Geschäfte machen können. Da war der Bau noch keine Verschwendung. Aber dann kam eins zum anderen, und mit jedem Hunderttausend mehr wurde das Fragezeichen der Verzinsung drohender. Und auch ein Theater ist ein Zinshaus."

Aber wie", sagte Herr Berndal.

Herr Baumeister", fuhr Imhoff fort,es liegt mir weiß Gott fern, Leute wie Serben, Giesecke und Rafaöli in Schutz nehmen zu Wollen. Es sind ausbüudige na, ich Will mir eine nähere Charakteristik ersparen. Doch man muß auch gerecht fein. S£be§ anständige Theater hat